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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Wie Kinder schreiben lernen
Zwischenüberschrift:
Osnabrücker Uni-Professorin über den Methodenstreit an den Grundschulen
Artikel:
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Originaltext:
Schreiben nach Gehör, Fibel-Methode, Anlauttabelle es gibt viele Wege, um Kindern das Schreiben beizubringen. Einige von ihnen sind allerdings sehr umstritten. Ein Überblick über die Methoden, die an den Osnabrücker Grundschulen verbreitet sind.

Osnabrück. Auf dem Weg in eine Republik von Analphabeten″ – „ Schreiben nach Gehör eine Mutter klagt an″ – „ Keine Methode, sondern unterlassene Hilfeleistung″ wenn Eltern in den Medien über das Thema Schriftspracherwerb an Grundschulen lesen, kann ihnen schon einmal angst und bange werden. Tatsächlich gibt es in Deutschland keine einheitliche Methode, mit der Kindern Lesen und Schreiben beigebracht wird. Zwar geben die Landesschulbehörden vor, welche Kompetenzen die Schüler am Ende ihrer Grundschulzeit erreicht haben sollen über den Weg dorthin können die Schulen jedoch selbst entscheiden.

Christina Noack arbeitet seit 2010 als Professorin für Didaktik der deutschen Sprache am Institut für Germanistik der Uni Osnabrück. Die Sorgen von Eltern darüber, dass ihre Kinder nicht mehr richtig schreiben lernen, kennt die Mutter zweier Töchter auch aus ihrem persönlichen Umfeld. Eines vorweg: Die optimale Methode, um eine möglichst sichere Orthografie zu lernen, gibt es nicht. Es gibt aber eine besonders umstrittene.

Das erste Buch, das Christina Noack zum Gespräch mitgebracht hat, ist eine normale Fibel″: Nach und nach werden einzelne Buchstaben und einfache Wörter eingeführt. Klassische Fibellehrgänge sind ein sehr altes Unterrichtsmedium und gibt es mindestens seit der Reformation″, sagt die Germanistin. Der Ansatz der Fibel in unserem Fall die Umi-Fibel″ von Cornelsen ist ein synthetisch-analytischer″. Synthetisch bedeutet, dass einzelne Buchstaben zu Lauten zusammengezogen und so gelernt werden. Beim analytischen Ansatz werden hingegen komplette Wörter und Sätze gelernt eine Methode, die mittlerweile völlig aus der Mode gekommen ist.

In den 1930er-Jahren war sie jedoch recht verbreitet und kam dann in den 1970er-Jahren noch einmal auf. Den Grundschülern wurden also ganze Sätze wie Das Auto braust″ oder Das Auto saust″ vorgelegt Methoden mit einfachen Quatsch-Silben″ wie Umi″ oder Fu″ hielten die Gebrüder Kern, die dieses ganzheitliche Verfahren in Deutschland verfochten, für unsinnig. Moderne Fibeln kombinieren gewissermaßen Teilaspekte der beiden Methoden (daher synthetisch-analytisch), indem sie zwar vom einzelnen Buchstaben ausgehen, aber auch sinnhafte Sätze und Texte vorgeben.

Eine Sonderstellung innerhalb der heutigen Fibeln stellt der Lehrgang Abc der Tiere″ dar. Auch hier wird mit einfachen (und wenig sinngebenden) Silben und Lauten gearbeitet, los geht es auf der ersten Seite mit: mu″. Auf der ersten Seite findet sich zudem eine Anlauttabelle″: Jedem Buchstaben, jedem Laut der deutschen Sprache ist ein Gegenstand zugeordnet. Neben dem I ist ein Igel abgebildet, neben dem S eine Sonne. Schüler sollen so anhand des Lauts zum Buchstaben geführt werden. In dem Abc der Tiere″ wird so häufig ein Buchstabe noch durch ein Bild ersetzt, mitten im Wort steht also eine Sonne.

Doch es gibt auch eine Methode, die ausschließlich mit einer Anlauttabelle arbeitet: Lesen durch Schreiben″ heißt der selbst gesteuerte Schriftspracherwerb″ nach Jürgen Reichen. Bekannt geworden ist er als Schreiben nach Gehör″ und für die meisten Eltern ein Graus. Stark vereinfacht, funktioniert Lesen durch Schreiben″ so, dass die Kinder eine Anlauttabelle bekommen und dann drauflosschreiben sollen. Den Kindern wird zwei Jahre lang keinerlei Orthografie vermittelt″, sagt Christina Noack. Eltern seien nach der Methode sogar dazu angehalten, zu Hause keine Rechtschreibfehler zu verbessern. Schreiben soll Spaß machen. Und je nach Dialekt, Region oder Migrationshintergrund stehen dann im Schreibheft eben teils völlig unverständliche Sachen. Aus dem Hammer wird Hama″, aus der Mutter die Mudda″.

Da es ab der dritten Klasse Noten gibt und schließlich auf der weiterführenden Schule die Beherrschung der deutschen Rechtschreibung vorausgesetzt wird, müssen die Schüler nach zwei Jahren umerzogen werden. Wie das geschieht? Häufig gar nicht die Lehrer setzen einfach den Rotstift an″, sagt Christina Noack und fügt hinzu: Wir Sprachdidaktiker halten nicht viel von dieser Methode, denn Orthografie ist nun mal keine Lautschrift.″ Wie solle so zum Beispiel der Unterschied zwischen zwei Wörtern vermittelt werden, die genau gleich klingen, so wie kannte″ oder Kante″? Zudem setze Lesen durch Schreiben″ einen sehr reflektierten Umgang mit Sprache voraus, Schüler müssten die Fähigkeit zur Abstraktion haben, was gerade bei Schülern, für die Deutsch nicht die Muttersprache ist, problematisch sei.

Aber ist es überhaupt so schlimm, wenn Schüler mit dieser Methode schreiben lernen? Immer wieder wird auf Studien verwiesen, die belegen, dass es zum Ende der Grundschulzeit kaum Unterschiede in Sachen Rechtschreibkenntnis zwischen den Schülern gibt, die nach der einen oder der anderen Methode unterrichtet wurden. Diese Studien gibt es, aber wir wissen nicht, wie sie entstanden sind″, sagt Christina Noack. Die Ergebnisse könnten verfälscht sein durch Eltern, die ihren Kindern zu Hause geholfen und Mängel ausgeglichen haben. Sogar beim Institut für Germanistik hätten sich schon besorgte Eltern gemeldet und gefragt, was sie tun sollen. Wir raten Eltern dann immer, einzugreifen und mit ihren Kindern Gespräche zu führen″, sagt Christina Noack. Also nicht die Rechtschreibfehler so stehen lassen, sondern verbessern.

Insgesamt lasse sich jedoch sagen, dass die Orthografie in den vergangenen Jahrzehnten stark nachgelassen habe. Das zeige unter anderem eine Untersuchung von Wolfgang Steinig, Professor für Germanistik an der Uni Siegen, der Schulaufsätze aus den Jahren 1972, 2002 und 2012 verglich. Weiteres Ergebnis der Analyse: Die soziale Schere zeigt sich auch beim Thema Rechtschreibung. Schwache Schüler stammen meistens auch aus sozialschwachen Familien. Der Bildungsauftrag wird zunehmend nach außen verlagert″, sagt auch die Osnabrücker Professorin. Eine gute Rechtschreibung beherrscht, wer in seinem Elternhaus Hilfe erhält oder wem eine gute Nachhilfe finanziert wird.

Abgesehen von ihrer Kritik an der Lauttabelle gibt Christina Noack jedoch keiner Methode den Vorzug: Wichtig ist am Ende die Lehrperson und auch, wie sicher sie selbst in Rechtschreibung ist.″ Da in Deutschland das Klassenlehrerprinzip″ herrsche, würden viele Grundschullehrer jedoch Deutsch unterrichten, ohne es studiert zu haben. Lediglich ein Grundkurs sei für alle Lehrer verpflichtend. Am Ende kommt man an einen Punkt, an dem sich das Problem reproduziert: nämlich dann, wenn Grundschüler von Lehrern unterrichtet werden, die selbst nicht mehr richtig schreiben können″, sagt die Germanistin. Und dass die Schreibfähigkeit vieler Studenten und angehender Lehrer besorgniserregend sei das sehe sie leider in ihrem Arbeitsalltag immer wieder selbst.

Überschrift: Text
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Bildtexte:
Die Rechtschreibsicherheit ist in den vergangenen Jahren in Deutschland stark gesunken selbst Lehrer machen immer häufiger Fehler.

Christina Noack ist Professorin für Didaktik der deutschen Sprache an der Uni Osnabrück.

Fotos:
dpa, Archiv/ S. Hehmann

Welche Schule arbeitet mit welcher Methode?

Einige Osnabrücker Grundschulen wollten sich auf Anfrage unserer Redaktion nicht dazu äußern, mit welcher Schreiblern-Methode sie ihre Schüler unterrichten. Viele Schulen sind unserem Aufruf jedoch gefolgt.

Mit dem Abc der Tiere″ arbeiten demnach: Albert-Schweitzer-Schule, Schule in der Dodesheide, Grundschule Hellern, Rückertschule, Stüveschule.

Mit der Umi-Fibel arbeiten: Grundschule Sutthausen, Grundschule Pye.

Mit der Karibu-Fibel (Silbenmethode) arbeiten: Heiligenwegschule, Grundschule Voxtrup, Grundschule Widukindland, Waldschule Lüstringen.

Für die Jo-Jo-Fibel (Silbenmethode) haben sich entschieden: Grundschule In der Wüste″, Grundschule Haste.

Mit der Piri-Fibel (Silbenmethode) arbeitet die Elisabethschule.

Zudem gab die Grundschule Atter an, ebenfalls nach der Silbenmethode zu unterrichten. An der Heilig-Geist-Schule wird mit Einstern-Unterrichtsmaterialien aus dem Cornelsen-Verlag (Lauttabelle) gearbeitet.
Autor:
Cornelia Achenbach


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