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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Der Mensch steht wieder im Mittelpunkt
Zwischenüberschrift:
Ein Rundgang durch die Erstaufnahmeeinrichtung Hesepe knapp zwei Jahre nach dem Beinahe-Kollaps
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Rund 5000 Flüchtlinge leben im Sommer 2015 in der Erstaufnahmeeinrichtung Hesepe, die eigentlich nur für 600 Menschen ausgerichtet ist. Die Zustände sind schwierig, der Kollaps droht. Zwei Jahre später hat sich der Ansturm gelegt. Wie geht es heute den Menschen vor Ort?

Bramsche. Andreas Biedendieck braucht nicht lange, um vom Eingang des Gebäudes an seinen Arbeitsplatz zu gelangen. Das geht schnell. In drei Sekunden bin ich in meinem Büro″, sagt der Sozialpädagoge. Das änderte sich vor zwei Jahren. Obwohl er nur eine kleine Treppe und einen schmalen Gang passieren muss, sitzt Biedendieck erst nach fünf Minuten an seinem Schreibtisch. Wo sonst freie Gänge und leere Stühle stehen, schlafen Menschen auf Matratzen. Aneinandergereiht liegen sie in dem Flur, mehr als einmal muss der Sozialpädagoge über eine Frau, die ihr Kind im Arm hält, steigen, wenn er seine Bürotür aufschließen will.

Seit 1989 arbeitet Biedendieck in Hesepe. Damals wird die ehemalige Nato-Kaserne für elf Jahre zu einem Grenzdurchgangslager, anschließend Landesaufnahmestelle und danach Gemeinschaftsunterkunft für Ausländer. 2014 ändert der Ort erneut sein Gesicht: Hesepe wird zur Erstaufnahmeeinrichtung für Asylsuchende und ein Jahr später vollkommen überlaufen sein. Für Biedendieck und seine Kollegen beginnt die wahrscheinlich anstrengendste Zeit ihrer Berufslaufbahn.

600 Menschen finden heute in den Gebäuden auf dem alten Kasernengelände Platz. Als im Sommer 2015 immer mehr Männer, Frauen und Kinder aus den Krisenregionen der Welt nach Europa fliehen, stößt das Aufnahmelager an seine Grenzen. Um die 5000 Menschen leben zeitweise auf dem 17, 4 Hektar großen Gelände. Riesige Zelte und Container werden aufgebaut, um mehr Platz zu schaffen.

Die Menschenmasse hat uns damals erschlagen″, sagt Silvio Urner, stellvertretender Leiter der Aufnahmebehörde. Seine Mitarbeiter und er hätten damals fast kein Ende gesehen. Das Lager stand kurz vor einem Kollaps. Jeder Einzelne musste durchhalten und die Teams zusammenhalten, bis sich die Situation beruhigt.

Die Tür von Andreas Biedendieck steht immer offen und wenn nicht, klopft es minütlich. Entspannt sitzt der Sozialpädagoge mit dem weißen Bart vor seinem Computer. Voll und laut, das sind die ersten Worte, die dem Vater einer Tochter einfallen, wenn er an die Zeit im Sommer 2015 zurückdenkt. Für bis zu 500 Flüchtlinge sei ein einziger Sozialarbeiter verantwortlich gewesen. Ich konnte mir keine Zeit für die Menschen nehmen″, sagt Biedendieck. Unser Team war psychisch stark angegriffen. Wir wurden dünnhäutiger.″ Jeden Abend habe er sich gefragt, was er hätte besser machen können. Das Team hält in dieser Zeit zusammen, stützt sich gegenseitig und arbeitet auf ein Ende hin. Damals habe das Krisenmanagement an erster Stelle gestanden, Integration war nicht möglich.

Ruhe und Besonnenheit

Heute kann er sich mithilfe eines Dolmetschers in Ruhe die Geschichte eines jungen Manns anhören, der Hesepe am nächsten Tag nach Osnabrück verlassen wird. Er kommt aus dem Südsudan, hat Narben an Händen und Beinen. Der Junge war im Krieg und hat einiges abbekommen″, sagt Biedendieck. Aus medizinischen und humanitären Gründen wird er in Deutschland bleiben dürfen. Egal welche Geschichte Biedendieck erzählt wird, hinter seinem Schreibtisch ist er die Ruhe selbst und versucht zu helfen. Stolz berichtet er von einem seiner Schützlinge, der vor Kurzem den Sprachtest bestanden hast. Man merkt, dass die Erstaufnahmeeinrichtung Ruhe und Besonnenheit braucht, damit Integration gelingen kann.

Hinter jedem Schicksal steckt ein Mensch. Dieser wird in der Registrierungsstelle der Landesbehörde aufgenommen. Als die Erstaufnahmeeinrichtung 2015 nach Plätzen für weitere Ankömmlinge sucht, stößt auch das Registrierungs-Team an seine Grenzen. Mit ihrer Mannschaft sind sie nicht gewappnet für die Massen. Hunderte Flüchtlinge leben vor zwei Jahren unregistriert auf dem Gelände. Doch wer nicht in das Register aufgenommen wird, hat keine Chance, das Lager zu verlassen. Viele Flüchtlinge warten auf ihre Registrierung, währenddessen sind sie zum Nichtstun verdammt.

Wenn Rosa Tuscherer von dieser Zeit spricht, lässt sie nachdenklich ihren Blick von ihrem Schreibtisch zu ihrer Bürotür schweifen. Das war die härteste Zeit, seit ich hier arbeite″, sagt die Wallenhorsterin, die schon 27 Jahren in der Einrichtung angestellt ist. Morgens um sechs Uhr schließt sie damals ihr kleines Büro auf, abends um 18 Uhr geht sie nach Hause. An ein Privatleben sei in dieser Zeit nicht zu denken gewesen. Wir haben gearbeitet wie am Fließband.″Die Mitarbeiter versuchen, schneller und effizienter zu sein, und nicht den Mensch hinter der Nummer zu vergessen.

Durch die Überbelegung veränderte sich auch Monika Kilimanns Arbeitsalltag. Seit Anfang des neuen Jahrtausends ist die Erzieherin für die Kinderbetreuung in der Einrichtung verantwortlich. Mit bunten Basteleien haben die Kinder die Fenster beklebt, auf einer Weltkarte zeigt ihnen Kilimann, wie weit ihre Heimat von Hesepe entfernt liegt. Hier ging es in den vergangenen Jahren immer auf und ab″, sagt die 56-Jährige. Die Zustände vor zwei Jahren seien aber noch mal herausfordernder gewesen. Weil die Turnhalle als Schlafplatz benötigt wird, muss sie mit ihrem Team die Sportaktivitäten nach draußen verlegen. Viele Kinder auf viel Fläche den Überblick zu behalten sei anstrengend gewesen. Abends waren wir ziemlich platt″, sagt sie und lächelt ein wenig müde. Heute kann die Turnhalle wieder zum Toben, Tanzen und Trainieren genutzt werden. Die Schlafplätze auf dem Hallenboden sind Bällen und Matten gewichen.

Arbeit erfüllt Angestellte

Ihre Arbeit habe sie trotzdem immer erfüllt. Mit Spielen und Aktivitäten möchte sie den Kindern schöne Erinnerungen schenken. Die Bramscherin ist nah an den Kindern dran. Gerade deshalb sitzt sie zwischen den Stühlen, wenn es um die Sorgen und Ängste ihrer Mitbürger geht. Viele Bramscher hätten sich damals von der Masse der Menschen bedroht gefühlt. Die Vorurteile gegenüber Geflüchteten ärgern die Erzieherin. Die Menschen haben gar nicht verstanden, was hier damals abging.″

Ortswechsel: Wer das Erstaufnahmelager verlässt und mit Bürgern aus Hesepe spricht, bemerkt den Zwiespalt. Einige winken ab. Wir haben damit nichts zu tun″, ruft eine Frau über den Zaun. Der Müll in den Gärten und der überbevölkerte Laden hätten vor zwei Jahren viele verschreckt, sagt Marlies Barkau. Seit 15 Jahren lebt sie in Hesepe. Doch im Sommer 2015 geht auch sie nicht mehr in dem örtlichen Supermarkt einkaufen. Das waren keine Zustände″, sagt sie. Anwohner berichteten von Diebstählen und aufgerissenen Verpackungen, der Supermarkt musste einen Sicherheitsdienst einstellen. Heute hätten sich die Situation und das Aufeinandertreffen mit den Flüchtlingen entspannt. Die Menschen grüßen freundlich und sind nett″, sagt Barkau.

Zwischen Bahnhof und der Erstaufnahmeeinrichtung lebt Frank Schulte. Als im Sommer 2015 Hunderte von Menschen täglich am Bahnhof ankommen, rollen sie mit ihren Koffern an Schultes Haus vorbei. Die Straßen waren bunt″, sagt der Familienvater. Wenn ich meinen Freunden von der Reisewelle durch unseren Ort erzählt habe, konnten sie das kaum glauben.″

An diesem Nachmittag sind Himmel und Straßen grau, mit seiner orangefarbenen Jacke bringt nur Frank Schulte Farbe auf die Straße. Schulte lebt seit Anfang der 2000er in Hesepe. Seit Schlagzeilen der Flüchtlingskrise die Zeitungen und die Flut an Menschen den Ort bestimmen, sei sein Haus im Wert gefallen, sagt er. Eigentlich wolle er es verkaufen, doch einen passenden Interessenten findet er nicht. Probleme habe er mit den Fremden nie gehabt. Einmal habe ein Flüchtling auf seinen Hund eingeschlagen. Das war hart″, sagt er. Aber dieser Mensch hatte eine Psychose. Das können wir nicht auf alle anderen übertragen.″

Zurück in der Aufnahmeeinrichtung: In Andreas Biedendiecks Büro sitzt ein junger Mann, der Hesepe dringend verlassen möchte. Er möchte zu seiner großen Liebe in eine niedersächsische Kleinstadt ziehen. Zwischen Pflanzen und Kuscheltieren erklärt ihm Biedendieck gemeinsam mit dem Dolmetscher seine Optionen. Als der Syrer ihm von seinen Schwierigkeiten erzählt, hört der Sozialpädagoge geduldig zu, witzelt zwischendurch mit seinen Gästen, um danach wieder im Computer nach den Daten des jungen Mannes zu suchen. Biedendieck genießt es, wieder mehr Zeit für seine Schützlinge zu haben. Der Sturm hat sich gelegt. Aus der Ruhe schöpft er Kraft, ohne die Integration nicht funktionieren kann. Wir arbeiten hier nicht mit Zahlen″, sagt er. Sondern mit Menschen.″

Weitere Infos, noch mehr Stimmen und Eindrücke: Multimedia-Reportage auf noz.pageflow.io/ rundgang-bramsche-hesepe# 97874

Bildtexte:
Viele Plätze in der Erstaufnahmeeinrichtung in Hesepe sind fast menschenleer.

In der Mensa bleiben einige Stühle um die Mittagszeit unbesetzt.l

Fotos:
Michael Gründel
Autor:
Sarah Engel


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