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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Auf der Suche nach dem inneren Nazi
Zwischenüberschrift:
„Kriegsenkel″ stellen sich der Vergangenheit ihrer Familie – „Ziemlich harte Geschichten″
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Wie viel NS-Ideologie steckt in mir? Wie sind wir geprägt von dem, was unsere Eltern und unsere Großeltern erlebt haben? Das Osnabrücker Forum Kriegskinder und Kriegsenkel begibt sich regelmäßig auf Spurensuche. Auch wenn es wehtut.

Osnabrück. Angefangen habe es mit dem Satz einer Tante, dahergesagt irgendwann im Jahr 1989: Der Onkel Friedel, der war ja Leiter des Jugendamts München.″ Guy Hofmann, Gesundheits- und Krankenpfleger aus Ostercappeln, konnte sich nur verschwommen an seinen Großonkel erinnern. Aus einer Laune heraus setzte er sich an den Computer und gab den Namen des Verwandten in eine Suchmaschine ein.

Zu seiner Überraschung gab es sogar einen Wikipedia-Eintrag zu dem Mann, der von 1938 bis 1945 Direktor des Stadtjugendamtes in München war, zudem seit 1930 Mitglied der NSDAP, wo er Karriere machte, unter anderem als Leiter der Abteilung Propaganda/ Rednerwesen im Gau München-Oberbayern.

Und als er so von seinem Großonkel las, kam ihm plötzlich der Großvater in den Sinn. Der Großvater, ein nach dem Krieg erfolgreicher Geschäftsmann und in München durchaus bekannt. Erst im Alter von 31 Jahren ist mir aufgefallen, in welchen Farben die Firmenwagen meines Großvaters gestaltet waren″, sagt Guy Hofmann. Nämlich schwarz, weiß rot.

Mittlerweile ist er 58 Jahre alt. Obwohl er deutlich nach dem Krieg geboren wurde, lässt ihn die eigene Familiengeschichte nicht los. Seit November 2016 besucht Guy Hofmann regelmäßig das Forum Kriegskinder und Kriegsenkel″ des Kulturgeschichtlichen Museums Osnabrück. Am Dienstag, 9. Mai, wird er den Impulsvortrag zum Diskussionsabend Persönliche Archäologie Auf NS-Spurensuche im eigenen Ich″ halten.

Seit 2010 gibt es den Gesprächskreis, hervorgegangen ist er aus einer Ausstellung zum Kriegsende 2004: Damals hatte das Museum Osnabrücker dazu eingeladen, Erinnerungsstücke aus der Kriegszeit als Exponate zur Verfügung zu stellen. Anschließend wollte sich das Museum mit einer persönlichen Führung bei den Teilnehmern bedanken. Aber die wollten gar nicht mehr nach Hause gehen″, erinnert sich Thorsten Heese, Kurator am Osnabrücker Kulturgeschichtlichen Museum. Irgendetwas schien in den Menschen angestoßen worden zu sein. Der Bedarf, Erinnerungen an den Krieg und die Nachkriegszeit aufzuarbeiten, war da, und so entstand zunächst das Forum Zeitgeschichte″, ein Forum für Zeitzeugen.

Eher zufällig wurde schließlich der Gesprächskreis Kriegskinder und Kriegsenkel″ gebildet. Thorsten Heese hatte einen Zeitungsartikel darüber gelesen, wie der Krieg auch noch auf die sogenannten Kriegsenkel, also die Generation der zwischen 1960 und 1975 Geborenen, weiter wirkt. Wie ist es, mit Eltern aufzuwachsen, die traumatisiert sind, für das Leben geprägt von teils verschwommenen Erinnerungen der ersten Kindheitstage? Mit Eltern zu leben, die nicht über den Krieg reden wollen oder kein anderes Thema haben und einen mit den immer gleichen Geschichten zuschütten?

Eine Therapeutin gab schließlich den letzten Anstoß zur Gründung des Forums Kriegskinder und Kriegsenkel″, das sich mittlerweile einmal im Monat trifft. Die Teilnehmerzahl? Schwankt zwischen fünf und 70 Personen″, sagt Thorsten Heese. Je nach vorgegebenem Thema, wenngleich auch das nur einen ersten Impuls zur Diskussion geben soll. Das Ziel unseres Forums ist es nicht, geschichtliche Erkenntnisse zu vermitteln″, sagt der Historiker. Die Diskussion stehe im Mittelpunkt.

Es seien zum Teil ziemlich harte Geschichten″, die hier erzählt würden. Zum Beispiel die Geschichte einer Mutter, die als kühl und distanziert, geradezu gefühllos empfunden wird. Die während des Kriegs vergewaltigt wurde, was alle wussten, worüber aber nie gesprochen wurde. Viele berichten von einer Kindheit, in der sie genug zu essen hatten und in sauberer Kleidung in die Schule gingen; nur in den Arm hat sie niemand genommen.

Das Thema Kriegskinder″ und Kriegsenkel″ wurde nicht zuletzt durch die Sachbücher der Journalistin Sabine Bode bekannt, die schnell oben in den Sachbuch-Bestsellerlisten schnellten. Bode deckte auf, dass kindliche Kriegstraumata oft viele Jahre lang unterdrückt blieben, im hohen Alter jedoch zu einer großen Belastung führten. Und dass die Traumata weitergegeben würden an die Erben der vergessenen Generation″, also an die lange nach dem Krieg geborenen Kriegsenkel. Transgenerationale Weitergabe nennt sich das″, sagt Thorsten Heese. Und ja, die sei wissenschaftlich belegt. Dass Traumata an Kinder, sogar an Enkel weitergegeben werden, wurde zuerst bei Nachkommen von Holocaust-Opfern beobachtet.

Auch jenseits vom Kriegsgeschehen werden psychische Belastungen weitervererbt und können zu einem Teufelskreis führen: Mehrere deutsche Universitäten erforschen, wie Frauen, die in der Kindheit misshandelt wurde, später selbst kaum in der Lage waren, empathische Beziehungen zu ihren Kindern aufzubauen, sodass diese schließlich selbst unter Vernachlässigungen leiden.

Es gebe sogar Therapeuten, die sagen, dass ein nicht aufgearbeitetes Trauma sich genetisch absetze, quasi in das Erbgut übergehe, sagt Thorsten Heese und zuckt mit den Schultern. Er ist Historiker, kein Psychotherapeut.

Guy Hofmann fragt sich indes, wie viel von diesem Erbgut noch in ihm ist. Es gab da eine Zeit in den 90ern, da hatte ich eine hohe Affinität zu Dokumentationen″, berichtet er. Guido Knopp, Hitlers Helfer ganze Nächte habe er vor dem Fernseher verbracht. Und die Marschlieder, die er während seiner Zeit bei der Bundeswehr gesungen habe was habe das mit ihm gemacht? Ich will wissen: Wie viel Nazi steckt in mir?″, sagt Hofmann. Mit seiner Mutter kann er nicht über die Vergangenheit reden sie will es nicht oder kann es nicht. Darum besucht er das Forum im Kulturgeschichtlichen Museum und hofft auf regen Austausch unter den Teilnehmern auf NS-Spuren-Suche im eigenen Ich.

Das Forum Kriegskinder und Kriegsenkel″ trifft sich das nächste Mal am Dienstag, 9. Mai, in der Villa Schlikker. Thema: Persönliche Archäologie auf NS-Spuren-Suche im eigenen Ich″.

Bildtext:
Osnabrück nach dem Zweiten Weltkrieg: Auch wer erst nach dem Krieg geboren wurde, ist unter Umständen geprägt von dem Trauma, das die eigenen Eltern erlebt haben. Hier der Blick von der Eisenbahnüberführung Iburger Straße auf den zerstörten Rosenplatz und zur Johannisstraße.

Foto:
Archiv Medienzentrum Osnabrück
Autor:
Cornelia Achenbach


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