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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Caritas-Präsident kritisiert Populisten
 
„Flüchtlinge sind der Katalysator, nicht die Ursache″
Zwischenüberschrift:
Caritas-Präsident Neher über Populisten, die Ängste schüren, und über Zuwanderer, die eine neue Heimat suchen
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück. Caritas-Präsident Peter Neher wirft Populisten in Deutschland vor, die Debatte um Flüchtlinge und Zuwanderung mit Blick auf die Bundestagswahl auszunutzen, um zu polarisieren. Im Interview mit unserer Redaktion sagte Neher: Es war uns klar, dass die Flüchtlingsthematik und ich nenne es bewusst Thematik und nicht Krise kein kurzfristiges Ereignis ist, sondern eines, das uns die nächsten Jahre gesellschaftspolitisch beschäftigen wird. Auch war absehbar, dass dieses Thema im Jahr der Bundestagswahl benutzt wird, um zu polarisieren.″ Neher forderte, die Gesetze zum Thema Asyl gegebenenfalls zu überarbeiten.

Osnabrück. Caritas-Präsident Peter Neher spricht über Flüchtlinge, die eine Heimat suchen, über Menschen, denen Zuwanderung Angst macht und über den Erfolg von Pegida, AfD und Co.

Herr Neher, die aktuelle Caritas-Kampagne Zusammen sind wir Heimat″ dreht sich um Flüchtlinge, Migration und Integration. Was soll sie bringen?

Wir wollen damit ein aktuelles Thema in den Blick nehmen. Es war uns klar, dass die Flüchtlingsthematik und ich nenne es bewusst Thematik und nicht Krise kein kurzfristiges Ereignis ist, sondern eines, das uns die nächsten Jahre gesellschaftspolitisch beschäftigen wird. Auch war absehbar, dass dieses Thema im Jahr der Bundestagswahl benutzt wird, um zu polarisieren.

Jeder definiert Heimat unterschiedlich. Wie würden Sie den Begriff beschreiben?

Heimat ist zunächst einmal für jeden wichtig. Menschen wollen sich beheimatet fühlen. Zur Heimat gehören Menschen, die ich kenne, da bin ich vertraut, da wird die Sprache gesprochen, mit der ich aufgewachsen bin. Zugleich ist der Begriff vielfältig, er umfasst Empfindungen, Gerüche, Freundschaften. Für andere ist Heimat stärker geografisch geprägt. All das hat uns dazu bewogen, genau diesen Begriff in seiner Vielfältigkeit aufzugreifen.

Populisten lehnen solche Ansätze empört ab. Was entgegnen Sie ihnen?

Sie sollten sich fragen: Was macht denn Heimat aus? Die vielen Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg etwa, die ihre Heimat verloren haben, haben auch wieder eine Heimat gefunden. Alleine das zeigt, dass Heimat nichts Statisches ist. Letztlich ist Heimat da, wo es Menschen gibt, die das Leben mit mir teilen. Für mich alleine kann ich Heimat nicht definieren, doch genau das versuchen diese Populisten. Sie kreieren ein in sich geschlossenes Wir″, das sie von Fremden, von anderen″, bedroht sehen. Das wollen wir nicht so stehen lassen.

Nun kommen Geflüchtete hierher, die ihre Heimat vielleicht nie wiedersehen können. Was müssen diese Menschen tun, um hier heimisch zu werden?

Wenn ich Heimat neu finden will, muss ich mich auch selbst fragen: Wie leben denn die, zu denen ich nun komme? Was ist ihnen wichtig? Gibt es Gemeinsamkeiten? Wo ich etwas entdecke, das ich kenne, seien es Haltungen, Empfindungen oder auch Landschaften, da finde ich eine Brücke, da kann ich mich zu Hause fühlen. Dazu gehört auch, die Sprache zu verstehen. Aber auch Arbeit ist wichtig. Denn durch das Bewusstsein, dazuzugehören, entsteht Heimat.

Aus Sicht von AfD, Pegida und ihren Sympathisanten sind Flüchtlinge die Ursache für nahezu alle Probleme im Land. Nach Zusammen sind wir Heimat″ klingt das nicht...

Das macht mir in der Tat Sorge. Ich frage mich: Was steckt hinter dieser Projektion, was ist das Thema hinter dem Thema? Seit der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern beschäftigt mich das. Die wenigen Flüchtlinge in Mecklenburg-Vorpommern können nicht die Ursache sein, dass eine rechtspopulistische Partei von null auf über zwanzig Prozent kommt.

Was ist dann der Grund für den Erfolg von AfD und Co.?

Das Thema Flüchtlinge ist auch ein Katalysator für tiefersitzende Sorgen und Ängste. Ich glaube, das kommt vor allem vor in Regionen, die das Gefühl haben, abgehängt zu sein, und meinen, die Politik kümmert sich nicht um sie.

Tun das die klassischen Parteien nicht ausreichend?

Meine Kritik an den klassischen Parteien ist nicht, dass sie die Stimmungen aufgreifen, sondern dass sie diese zum Teil noch verstärken, anstatt sie zu bearbeiten. Wir müssen Themen aber nicht nur wahrnehmen, sondern hinterfragen und die Dinge zurechtrücken. Das ist für mich Aufgabe der Politik: Nicht in den Ängsten stecken bleiben, sondern zu fragen: Wie können wir daran arbeiten, dass sich Regionen und Menschen nicht abgehängt fühlen?

Woran mangelt es den Menschen denn?

Nehmen wir das Beispiel bezahlbaren Wohnraum, der vielfach Mangelware ist, weil es Versäumnisse des sozialen Wohnungsbaus gibt. Wenn dann noch viele fremde Menschen in die Stadt kommen, die untergebracht werden müssen, verschärft sich das Problem. Aber auch bei diesem Thema ist klar: Die Flüchtlinge sind der Katalysator, nicht die Ursache. Anders gesagt: Die Flüchtlinge sind nicht schuld, sondern durch sie wird sichtbar, was vorher schon ungelöst war.

Erklärt sich so auch der um sich greifende Hass?

Diesen Hass verstehe ich nicht. Es wirkt so, als ob jemand durch die Flüchtlinge persönlich existenziell bedroht wäre, was sicher nicht der Fall ist. Für mich hat diese Aggressivität inzwischen eine Dimension, die meine intellektuelle Einsicht arg strapaziert.

Aber muss man nicht darüber diskutieren, was falsch läuft, etwa im Asylrecht?

Natürlich, und das tun wir ja auch. Ich bin überzeugt davon, dass Deutschland ein Einwanderungsgesetz braucht. Da muss man nicht alles neu erfinden, aber neu bündeln. Vordergründig bleibt zurzeit fast nur das Asylverfahren, um nach Deutschland zu kommen, was jedoch das Nadelöhr des Asyls noch enger macht. Natürlich können wir nicht alle Menschen aufnehmen, die weltweit Not leiden. Das will ja auch niemand. Aber wir brauchen transparente und solidarische Verfahren in ganz Europa. Da hat die Politik nicht rechtzeitig reagiert.

War die Grenzöffnung, für die die Kanzlerin viel Kritik eingesteckt hat, ein Fehler?

Nein, das war es nicht. Ich habe das als sehr menschliche Geste empfunden; das war beeindruckend und weltweit einmalig. Aber die anschließenden rechtlichen und verwaltungsmäßigen Abläufe haben zu lange gedauert, bis sie eingespielt waren.

Auch die vielen Helfer mussten Kritik einstecken.

Das war teilweise sehr beleidigend, ja. Ich wehre mich dagegen, den Begriff Gutmensch zum Unwort zu machen. Ich kann nur sagen: Gott sei Dank hat unsere Gesellschaft so viele gute Menschen. Ein guter Mensch ist, wer sich Situationen zu Herzen gehen lässt, nachdenkt und dann handelt. Mit dumm, naiv oder gutgläubig darf das nicht konnotiert werden. Niemand darf sich gezwungen sehen, sich dafür zu rechtfertigen, gut zu sein.

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Bildtext:
Peter Neher
Foto:
dpa
Autor:
Melanie Heike Schmidt


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