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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Fischer und Bauern spüren Klimawandel
 
„Wissenschaftler denken sich nicht einfach etwas aus″
Zwischenüberschrift:
Alfred-Wegener-Institut: Dorsch wandert ab – Eisdecke noch nie so klein wie 2017
 
Chefin des Alfred-Wegener-Instituts: Müssen mehr für Klimaschutzziele tun – Beteiligung von Bürgern an Forschung?
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück. Der Klimawandel ist in Deutschland spürbar. In einem Gespräch mit unserer Redaktion sagte die Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung, Karin Lochte, Fischer stellten fest, der Dorsch wandert weiter nach Norden. Die Streifenbarbe, die sonst im Mittelmeer unterwegs war, kann man mittlerweile hier fangen.″

Auch Obstbauern könnten veränderte Blühperioden beobachten. Touristen sähen an Nord- und Ostseestränden mittlerweile andere Vogelarten. Einige Zugvögel würden nicht mehr in den Süden fliegen. Unklar sei allerdings, ob extreme Wetterlagen zunähmen. Auch der Anstieg des Meeresspiegels bewege sich nur im Bereich weniger Millimeter.

Die Eisdecke der Arktis war jedoch noch nie so klein wie Anfang 2017. Sie habe sich nur auf 14, 42 Millionen Quadratkilometer ausgebreitet, teilten die US-Raumfahrtbehörde Nasa und die Klimabehörde NSIDC (National Snow and Ice Data Center) gestern mit. Das sei die geringste Maximal-Ausdehnung seit Beginn der Satellitenmessungen vor 38 Jahren, hieß es. Bereits in den beiden vergangenen Jahren waren Negativrekorde aufgestellt worden. Ursache für die geringe Ausbreitung 2017 seien ein warmer Herbst und Winter in der Arktis mit Temperaturen rund 2, 5 Grad Celsius über dem Durchschnitt gewesen.

Lochte sorgt sich indes, dass der Klimaschutz und die Reputation der Wissenschaft unter US-Präsident Donald Trump leiden könnten. Sie befürchte, dass Herr Trump unsere Erkenntnisse aus ökonomischen Gründen ignorieren könnte″.

Osnabrück. In Zeiten, in denen der amerikanische Präsident den Klimawandel bezweifelt, haben es Wissenschaftler schwer, mit ihren Erkenntnissen durchzudringen. Wie es mit dem Klimaschutz weitergehen könnte und warum sie Ölbohrungen in der Arktis nicht verbieten würde, erklärt Karin Lochte, Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts, eines renommierten Polar- und Meeresforschungsinstitutes mit Sitz in Bremerhaven.

Frau Lochte, woran bemerkt ein deutscher Küstenbewohner, dass sich das Klima wandelt?

Am Anstieg des Meeresspiegels wird er das nicht erkennen das sind nur rund drei Millimeter pro Jahr. Kurzfristiger kann man einen Artenwandel beobachten. Die Fischer haben das schon festgestellt: Der Dorsch wandert weiter nach Norden. Die Streifenbarbe, die sonst im Mittelmeer unterwegs war, kann man mittlerweile hier fangen. Auch Obstbauern bemerken, dass sich die Blühperioden ein wenig verändern. Ein Tourist, der am Strand spazieren geht, wird das nur sehen, wenn er sich wirklich für die Natur interessiert etwa daran, dass es andere Vogelarten gibt oder dass Vögel im Winter nicht mehr in den Süden fliegen. Was man noch nicht genau weiß, ist, inwieweit Stürme häufiger auftreten und starke Sturmfluten kommen.

Der amerikanische Präsident Donald Trump geht davon aus, dass es den Klimawandel nicht gibt. Oder wenn es ihn gebe, dann sei er nicht sonderlich relevant. Was bedeutet Trump für den Klimaschutz und für das Vermitteln von wissenschaftlichen Fakten?

Wir müssen vonseiten der Wissenschaft ganz klarmachen, dass wir uns um Objektivität bemühen und dass wir nach bestem Wissen und Gewissen arbeiten. Wissenschaftler denken sich nicht einfach etwas aus. Ich befürchte aber, dass Herr Trump unsere Erkenntnisse aus ökonomischen Gründen ignorieren könnte. Zu hoffen ist, dass seine Mitarbeiter vernünftiger sind als er selbst.

Inwieweit hat die Wissenschaft überhaupt Einfluss auf die Politik?

Die Wissenschaft ist nur ein kleiner Teil der Gesellschaft. Das Machtpotenzial liegt in der Öffentlichkeit. Die Menschen müssen sich für gute Informationen einsetzen. Hier in Europa sind wir weitgehend gut aufgestellt. Politiker lassen sich beraten.

Sie sagen, die Öffentlichkeit müsse aktiv werden. Die hat häufig nur eine kurze Aufmerksamkeitsspanne Ihre Forschungen dauern dagegen Jahre und Jahrzehnte. Wie schwierig ist es, für Themen wie Klimaveränderung und Klimaschutz zu sensibilisieren?

Wenn man es mit der Situation von vor zwanzig Jahren vergleicht, haben wir schon eine ganze Menge geschafft. Viele Länder von Deutschland bis China beschäftigen sich mit Energieeffizienz, erneuerbaren Energien, Vorhersagen. Die Industrie hat sich um Umweltschutzmaßnahmen bemüht, gerade in der Ölindustrie. Das Bewusstsein ist viel ausgeprägter. Und der Klimavertrag von Paris 2015 hat gezeigt, dass die Gesellschaft, insbesondere die Politik, zuhört, selbst wenn noch keine Katastrophe eingetreten ist. Wir müssen aber definitiv noch mehr machen, wenn wir die Klimaschutzziele erreichen wollen.

Wo hakt es?

Der Trend geht immer noch in die falsche Richtung. Die Wissenschaft muss die Menschen mehr überzeugen und einbinden. Es gibt schon Ansätze: Die Bürger können sich zum Beispiel an Projekten beteiligen und selbst Daten erheben ein Foto von Müll oder Quallenansammlungen am Strand ist schnell verschickt und hilft, die Veränderungen in der Umwelt viel breiter zu beobachten, als wir das allein könnten. Wir müssen aber auch Lösungen aufzeigen. Der berechtigte Wunsch in Entwicklungsländern nach gleichem Lebensstandard kann zum Beispiel zu einer großen Herausforderung werden. Wäre der Lebensstandard aller Menschen auf der Erde so hoch wie unserer, bräuchten wir mehr als einen Planeten, um die Bevölkerung zu versorgen. Um das zu verhindern, müssen wir diesen Ländern einen Technologiesprung ermöglichen, damit sie nicht die gleichen schwierigen Entwicklungsstufen durchmachen wie wir und nachhaltig agieren können.

Im Januar haben Sie das deutsche Arktisbüro in Potsdam eröffnet, das Politiker zum Thema Arktis und Klimaveränderungen beraten will. Warum brauchen wir ein solches Büro?

Wir stellen fest, dass die Arktis gerade großes Interesse bei vielen Staaten weckt. Dadurch, dass sich das Meereis immer weiter zurückzieht, entstehen neue Schifffahrtsrouten, und es wird nach Öl gesucht Russland bohrt schon. Wir sind als Wissenschaftler schon seit Jahrzehnten dort tätig, sind gut vernetzt, kennen die politischen Gegebenheiten und wissen, wie sich die Umwelt verändert. Nun wollen wir Ministerien und Politikern unsere Informationen zur Verfügung stellen, denn Deutschland ist auch Beobachter im Arktischen Rat, der die Entwicklungen im arktischen Raum abstimmt.

Inwieweit vertragen sich Umweltschutz und Ölbohrungen in der Arktis?

Ich befürchte, dass die Ölförderungsfirmen rascher voranschreiten, als wir mit der Wissenschaft hinterherkommen. Wir haben uns bislang mit der Grundlagenforschung beschäftigt, haben zum Beispiel analysiert, wie ein Fisch reagiert, wenn es wärmer wird. Jetzt entstehen andere Fragen: Was passiert eigentlich, wenn bei der Ölförderung etwas schiefgeht? Wo bleibt das Öl? Die Industrie sagt: Wir haben das im Griff. Daran glaube ich aber nicht.

Sollte man die Arktis also besser ganz in Ruhe lassen?

Das ist unrealistisch. Mit Extrempositionen kommen wir nicht weiter. Unser Ansatz ist es zu fragen: Welche Regionen sind so empfindlich, dass man lieber die Finger davon-lassen sollte, und wo und unter welchen Bedingungen kann man sich das vorstellen? Biologische Hotspots zum Beispiel, in denen sich Fische vermehren und Wale etwas zu fressen finden, sollte man besser meiden.

Wortführer im O-Ton: mehr Gespräche auf noz.de/ interviews

Bildtext:
Karin Lochte

Foto:
AWI/ Buchholz
Autor:
swi/dpa


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