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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Winter auf dem Fledderplatz
Zwischenüberschrift:
1955 kreuzte hier noch der Güterzug zur Weberei Hammersen
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Im Winter 1955 liegt tiefer Frieden über dem Fledderplatz. Ein einziges Auto kommt aus der Straße An der Petersburg auf den Platz und die Hannoversche Straße zugefahren, die unten aus dem Bild herausführt. Heute zählt die 1972 in Otto-Brenner-Platz umbenannte Kreuzung zu den verkehrsreichsten der Stadt.

Von Joachim Dierks

Osnabrück. Über die Dächer der dreieinhalbgeschossigen Wohnhäuser ragen die Türme der Johanniskirche hinaus. Etwas weiter links kann man einen weiteren Kirchturm ausmachen: Es ist der von St. Katharinen. Er besteht 1955 noch aus lediglich einem Stahlgerippe. Erst ein Jahr später werden die Kriegsschäden behoben und bekommt der Turm eine neue Eindeckung.

Das Foto hat uns Leserin Edeltraut Urban zur Verfügung gestellt. Als Kind hat sie ab und an ihren Vater besuchen dürfen, der als Kriminalhauptmeister in dem Behördenhaus Hannoversche Straße 12 Dienst tat und gut mit dem Fotografieren vertraut war. Die Kripo war hier von 1954 bis 1987 einquartiert, dann kamen das Finanzamt Osnabrück-Land und im vergangenen Jahr Flüchtlinge.

Für das Winterfoto putzte Willi Urban 1955 sein Teleobjektiv und zoomte aus einem Dachfenster des Kripogebäudes den Fledderplatz heran. Dazwischen stehende Bäume lassen ein Foto aus gleicher Perspektive heute nicht gelingen. Deshalb wählten wir für das Vergleichsfoto einen Ausguck aus dem Gebäude auf der anderen Straßenseite.

Die Wohnhäuser haben sich in den 62 Jahren zwischen den beiden Fotos wenig verändert, wohl aber die Nutzung des Gewerbegrundstücks vorne rechts. Wo sich heute ein Bürofachmarkt ausdehnt, verkaufte zuvor die Firma Beinecke Fiat-Pkws und reparierte Lastwagen, wobei sich das Firmengelände weiter nach rechts bis zur Neulandstraße erstreckte.

In der Bildmitte kann man bei genauem Hinschauen zwei liegende Andreaskreuze entdecken. Sie signalisieren genau wie die heute üblichen stehenden Andreaskreuze die Vorfahrtberechtigung von Schienenfahrzeugen. Noch bis 1960 kreuzte hier das Industriegleis zur Weberei F. H. Hammersen AG. Das Gleis fädelte aus der Schinkelkurve im Bereich des Güterbahnhofs aus, nutzte dann den Verlauf von Frankenstraße, Stahlwerksweg und Wörthstraße, um schließlich auf das Hammersen-Werksgelände einzumünden.

Unterwegs wurden, wie hier zu sehen, die Hannoversche Straße/ An der Petersburg gekreuzt und die wesentlich stärker befahrenen Straßenzüge Meller und Iburger Straße. Das war nicht unkritisch. Deshalb fuhr dem Zug immer ein Flaggenmann auf dem Fahrrad voraus. Er stellte sich mit seiner Flagge oder Kelle auf die Kreuzung und stoppte den Verkehr. Ganz langsam, im Schritttempo durfte dann der Zug in die Kreuzung einfahren.

Schon 1920 beantragte Hammersen einen Gleisanschluss. Er sollte von der Strecke nach Münster etwa in Hörne abzweigen und das Werksgelände von Westen her erreichen. Das lehnte die Reichsbahn ab. 1922 präsentierte die Werksleitung einen neuen Plan, der den letztlich verwirklichten Anschluss von Osten her durch Wohnstraßen vorsah. Als die Bürgerschaft Wind davon bekam, hagelte es Proteste. Unterschriftenlisten machten in der südlichen Neustadt die Runde. Auch Bischof Berning unterzeichnete. Der Regierungspräsident hielt dagegen: Er bescheinigte die wirtschaftliche Notwendigkeit des Gleisanschlusses. Die Gegner des Anschlusses gaben nicht auf und reichten ein Gegengutachten ein, aus dem hervorging, dass nur in einem einzigen Fall, nämlich in Wandsbek, ein Industriegleis in einer weniger als sechs Meter breiten Wohnstraße genehmigt wurde.

Im Mai 1923 bekam Hammersen auf direktem Wege eine Ministererlaubnis, allerdings mit eingeschränkten Betriebszeiten. Im April 1925 begannen die Bauarbeiten, und schon am 2. September 1925 fuhr der erste Zug. In der Folgezeit hat die Firma in großem Umfang die benötigten Roh- und Brennstoffe auf dem Schienenweg bezogen, wodurch sich zahllose Lkw-Fahrten vermeiden ließen. Noch bis 1960 gehörte die AEG-Akku-Lok mit den angehängten Wagen zum vertrauten Bild der südlichen Neustadt, dann endete der Gleisbetrieb. Das Werk selbst hörte 1981 auf zu existieren.

Serie Zeitreise

So war es früher: Berichte aus dem alten Osnabrück auf noz.de/ historisch-os

Bildtexte:
Fledderplatz 1955: Hier laufen An der Petersburg (hinten), Frankenstraße (rechts), Stahlwerksweg (links) und Hannoversche Straße (vorne) zusammen. Bis 1960 zuckelte über diese Kreuzung die Hammersen-Werksbahn.

Der Otto-Brenner-Platz, 1972 nach dem IG-Metall-Vorsitzenden (1907–1972) benannt, gehört heute zu den verkehrsreichsten in Osnabrück.

Keine Ampeln, keine Schranken, nur ein Sicherheitsposten mit Kelle: Die Hammersen-Werksbahn musste auch die Iburger Straße kreuzen.

E-Mobilität anno dazumal: Die Hammersen-Werkslok, hier auf dem Werksgelände der Spinnerei und Weberei, fuhr mit gespeicherter elektrischer Energie. Foto: Archiv Alfred Spühr

Fotos:
Willi Urban, Joachim Dierks, Museum Industriekultur/ G. Bosselmann, Archiv Alfred Spühr


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