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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Judenretter ohne eigenes Museum
 
Wo bleibt das Calmeyer-Haus?
Zwischenüberschrift:
Holocaust-Überlebende vermisst Ausstellung über Osnabrücker Judenretter
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück. Er rettete im Zweiten Weltkrieg mehr Juden das Leben als Oskar Schindler, doch die Stadt Osnabrück tut sich weiter schwer damit, ihrem Sohn Hans Calmeyer (1903–72) eine eigene, dauerhafte Ausstellung zu widmen. Sogar ein Ratsbeschluss von 2014, welcher der Kulturverwaltung in dieser Hinsicht Beine machen sollte, scheint zu versanden.

Die Politik erhöht jetzt den Druck. Zudem spricht sich mit der Holocaust-Überlebenden Laureen Nussbaum jemand aus persönlicher Betroffenheit für ein Hans-Calmeyer-Haus in Osnabrück aus. Die 89-jährige Professorin ist eigens aus Seattle (USA) angereist, um eine Sonderausstellung über Anne Frank zu eröffnen, deren Jugendfreundin sie war und deren Tagebücher sie erforschte.

Die Holocaust-Überlebende Laureen Nussbaum, eine Jugendfreundin von Anne Frank und Kennerin ihrer Tagebücher, hat sich bei einem Besuch in Osnabrück für ein Hans-Calmeyer-Haus ausgesprochen. Auch die Politik erhöht den Druck. Kommt nun endlich Bewegung in die Sache?

Osnabrück. Nussbaum gehört zu den vielen Tausend Juden, die der Osnabrücker Rechtsanwalt Calmeyer (1903–72) während des Zweiten Weltkriegs als NS- Rassereferent″ in den Niederlanden durch Sabotage vor Deportation und sicherem Tod bewahrte. Die 89-Jährige aus Frankfurt war als Kind mit ihrer Familie vor den Nazis nach Amsterdam geflüchtet. Seit den Fünfzigern lebt sie in Seattle (USA). Zur Eröffnung einer dreimonatigen Ausstellung über ihre Jugendfreundin Anne Frank, deren berühmte Tagebücher sie als Germanistikprofessorin studiert hat, reiste Nussbaum jetzt nach Osnabrück.

Wir trafen sie am Montag im Hotel Walhalla, wo sie für eine Dokumentation des Osnabrücker Historikers, Filmemachers und Calmeyer-Experten Joachim Castan vor der Kamera saß. Im Gespräch mit unserer Redaktion sagte Nussbaum: Hans Calmeyer ist ein stiller Held, dabei hat er mehr Juden gerettet als Oskar Schindler. Deshalb ist es ausgesprochen wichtig, dass in Osnabrück etwas entsteht, das dauerhaft an ihn erinnert und über sein einmaliges Werk informiert.″

Ihr sei jedoch nicht entgangen, dass die Friedensstadt sich in dieser Angelegenheit viel Zeit lässt. Ich finde, es dauert sehr lange″, stellte die Holocaust-Überlebende fest. Dabei habe Calmeyer in ihren Augen einen Stellenwert wie zwei andere, gepriesene Ikonen der Friedensstadt: Schriftsteller Erich Maria Remarque und Maler Felix Nussbaum (der im Übrigen nicht mit Laureen Nussbaum verwandt ist). „ Die drei passen gut zusammen.″

Worte wie Wasser auf die Mühlen der Hans-Calmeyer-Initiative. Der Verein kämpft bereits seit über 20 Jahren für einen Ort in Calmeyers Heimatstadt, an dem sich Leben und Wirken des Judenretters würdig darstellen lassen. Zuletzt schien es, als könne die Villa Schlikker dieser Ort werden. Was ihrer wechselvollen Geschichte eine neue Wendung geben würde: Denn das herrschaftliche Gebäude am Heger-Tor-Wall war von 1932 bis 1945 ein Nazi-Hauptquartier. Der Volksmund taufte es deshalb Braunes Haus″. Heute ist die Villa Schlikker Teil des Kulturgeschichtlichen Museums der Stadt Osnabrück, wenngleich seit August 2016 wegen Bauarbeiten vorübergehend geschlossen.

Von der Stadt vertröstet

Doch sämtliche Bemühungen des Vereins wie auch der Politik, Calmeyer ausgerechnet an dieser Stelle so viel Raum zu geben, dass vielleicht eine Umbenennung der Villa Schlikker in Hans-Calmeyer-Haus angebracht wäre, verliefen bislang im Sande. Dabei gibt es seit Sommer 2014 sogar einen entsprechenden, einstimmigen Ratsbeschluss. Von der Stadt werden die Fraktionen trotz wiederholten Nachbohrens aber stets vertröstet.

Was Fritz Brickwedde, Vorsitzender der hier besonders engagierten CDU-Fraktion, bitter enttäuscht: Die Kulturverwaltung hat einen eindeutigen Auftrag. Es stimmt mich traurig, dass wir immer noch nicht weiter sind.″ Ein für Ende 2016 angekündigtes städtisches Konzept für den Museumsstandort Villa Schlikker lasse auf sich warten. Und auch das letzte amtliche Argument, zunächst den Wechsel der Museumsleitung abwarten zu wollen sowie die Neubesetzung der Kulturdezernenten-Stelle, verliere von Tag zu Tag mehr an Gültigkeit. Beide Chefposten sind wieder vergeben.

Dass wir keine Einrichtung für Hans Calmeyer haben, den Oskar Schindler von Osnabrück, empfinde ich als großes Defizit und vertane Chance für die Stadt″, erklärt Brickwedde. Er hoffe, dass die Anne-Frank-Ausstellung (bis 23. April im Felix-Nussbaum-Haus) der Sache neuen Schub verleihe. Es sei jetzt wichtiger denn je, offensiv für das Vorhaben zu werben und genug Geld einzusammeln, um eine topmoderne, interaktive, publikumswirksame Calmeyer-Ausstellung″ zu realisieren. Denn einige Hunderttausend Euro würde diese sicher kosten, schätzt Brickwedde.

Als Fördermittelgeber komme vor allem der Bund infrage, möglicherweise auch die EU, wenn wir die Niederländer ins Boot holen″. Nicht zuletzt Stiftungen könnten sich für das Thema Calmeyer interessieren. Im Mai biete sich diesbezüglich eine einmalige Gelegenheit, so der CDU-Fraktionschef und frühere Generalsekretär der Umweltstiftung DBU: Dann findet in Osnabrück der Deutsche Stiftungstag 2017 statt. Es ist das wichtigste Treffen des Bundesverbands Deutscher Stiftungen, der nach eigenen Angaben drei Viertel des deutschen Stiftungsvermögens repräsentiert. Und das beträgt über 100 Milliarden Euro.

Mehr über den Osnabrücker Judenretter Hans Calmeyer lesen Sie bei uns im Internet auf noz.de

Bildtext:
Die Villa Schlikker am Heger-Tor-Wall in Osnabrück ist als Ort für eine Hans-Calmeyer-Dauerausstellung im Gespräch. Die Stadt prüft den Vorschlag seit Jahren. Vielen Befürwortern geht das zu langsam.

Foto:
Michael Gründel

Kommentar:

Netzwerke nutzen, solange sie bestehen

Nach Jahren des Zögerns, Zauderns und Hinhaltens in der Calmeyer-Haus-Frage muss die Stadt jetzt Farbe bekennen und dem Osnabrücker Judenretter museal mehr Platz einräumen als eine Ecke in der Dauerausstellung zur Stadtgeschichte.

Bestechend der Vorschlag, dafür die Villa Schlikker als früheres Nazi-Hauptquartier zur Verfügung zu stellen. Überzeugend die Idee, zur Finanzierung der Ausstellung Fördermittel einzuwerben. Dass beispielsweise Bund und Stiftungen für überregional relevante Projekte mit historischem Bezug viel Geld lockerzumachen bereit sind, hat das Beispiel Augustaschacht Hasbergen/ Gestapokeller Osnabrück gerade gezeigt. Dort wird bis 2020 für 1, 2 Millionen Euro ein innovatives Ausstellungskonzept umgesetzt zur Hälfte aus Bundesmitteln, zu einem Drittel aus Stiftungsvermögen.

Auch für ein Hans-Calmeyer-Haus in Osnabrück bestehen mithin reelle Chancen, die Finanzierung über Dritte zu sichern. Beste Kontakte zur Regierung und deutschen Stiftungslandschaft sind ja vorhanden. Noch! Die Stadt sollte die Netzwerke nutzen, solange sie bestehen.
Autor:
sst


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