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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Wohlleben im Wald
Zwischenüberschrift:
Bestsellerautor kämpft für Ausgleich zwischen Mensch und Natur
Artikel:
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Originaltext:
Peter Wohlleben ist Deutschlands berühmtester Förster. Sein berufliches Zuhause ist der Wald der kleinen Gemeinde Hümmel in der Eifel, die Arbeit mit Bäumen sein Leben. Ihnen hat er mit seinem Bestseller Das geheime Leben der Bäume″ ein Denkmal gesetzt. Danach stürmte er mit Das Seelenleben der Tiere″ die Charts. Sein Plädoyer, Tiere und Pflanzen als fühlende Wesen wahrzunehmen, stößt auch auf Kritik. Den Förster ficht das aber nicht an.

Herr Wohlleben, haben Sie in Ihrem Forst schon einen Weihnachtsbaum für Ihr Wohnzimmer ausgesucht?

Nein. Die Fichten, die ich dort eigentlich gerne loswerden möchte, nadeln nämlich sehr zum Ärger meiner Frau schon nach wenigen Tagen. Deshalb wird in diesem Jahr der Weihnachtsbaum gekauft. Und zwar soll es eine echte Tanne sein, die nicht nadelt, und keine Fichte aus dem Revier.

Ihr Verhältnis zu Fichten ist ja ohnehin etwas gestört

Das kommt darauf an: Unseren Urlaub verbringen meine Frau und ich oft in Lappland. Da ist die Fichte zu Hause, und es gibt dort ganz tolle Fichtenurwälder. Bei uns aber sind Lauburwälder heimisch. Und weil sie hier einfach nicht hingehören, stehen in Deutschland die Fichten in Plantagen. Insofern würde ich gerne eine Fichte nehmen und so in meinem Forst mehr Platz für Laubbäume schaffen.

Worauf werden Sie beim Kauf der Tanne besonders achten?

Dass es eine mit Ökosiegel ist. Da kann ich wenigstens sicher sein, dass die Umwelt geschont wird, weil keine Pestizide eingesetzt werden. Aber auch für meine Gesundheit ist das besser, weil der Baum in der Wohnung keine Giftstoffe ausdünstet.

Nach der Lektüre Ihres Buches Das geheime Leben der Bäume″ hätte man auch denken können, dass Sie grundsätzlich etwas gegen die Tradition des Christbaumes zu Weihnachten haben

Nein. Mir geht es immer um Ausgewogenheit. Wenn man den Wald nutzt, sollte das möglichst schonend passieren. Das heißt, es muss genügend Fläche übrig bleiben, sodass sich der Wald auch natürlich entwickeln kann. Wir Menschen sind Bestandteil der Natur. Wir müssen sie ja nicht bis zum Letzten ausschöpfen.

Ihr Engagement hat Ihnen den Titel Rebell des Waldes″ eingebracht ...

Aber ein Radikaler, der etwa die Menschheit als Krebsgeschwür der Erde bezeichnet, bin ich deshalb noch lange nicht. Solche Sprüche finde ich sogar ganz schrecklich. Wir Menschen sollten nur kompromissbereiter sein, als wir es derzeit sind. Das gilt für die Forstwirtschaft genauso wie für den biologischen Anbau.

Ihre beiden letzten Bücher sind ein Plädoyer, Tiere und Pflanzen als fühlende Lebewesen zu behandeln und wertzuschätzen. Im Fall von Tieren ist das für viele Menschen sicher noch nachvollziehbar. Bei Pflanzen, konkret geht es ja in Ihrem Buch um Bäume, dürfte das schwerer fallen. Wie also fühlen Bäume?

Das machen sie mit ihren Wurzelspitzen, in denen gehirnähnliche Strukturen sind. Bei Pflanzen laufen solche Prozesse aber natürlich viel, viel langsamer ab als bei den meisten Tieren. Deshalb sind sie für uns auch so schwer zu verstehen.

Geben Sie mal ein Beispiel ...

Bäume kümmern sich zum Beispiel aktiv um ihren Nachwuchs. Mutterbäume können über Wurzelverwachsungen ihre Kinder versorgen. Neueste Forschungsergebnisse zeigen sogar, dass die Mutterbäume ihre eigenen Sämlinge unter anderen erkennen können. Und dass die Bäume miteinander kommunizieren, weiß die Forschung schon seit den 70er-Jahren.

Was die Fähigkeit zu fühlen angeht, machen Sie zwischen Tieren und Pflanzen keinen großen Unterschied. Und wo bleibt da der Mensch?

Ebenso wie Tiere und Pflanzen sind wir ja Teil der Natur. Wenn wir möchten, können wir uns als Art aber natürlich wichtiger nehmen. Das macht jede andere Art ja vermutlich auch. Die wesentliche Frage ist aber, funktionieren wir wirklich so einzigartig anders? Ist es wirklich gerechtfertigt, Tieren und Pflanzen ein Gefühlsleben abzusprechen und sie als Bioroboter zu betrachten? Und da sage ich: Dass wird weder den Tieren noch den Pflanzen und auch nicht den Menschen gerecht.

Für welches Buch haben Sie eigentlich mehr Prügel bezogen: Für das über die Bäume oder für Das Seelenleben der Tiere″?

Interessanterweise für mein Buch über die Bäume: Das hängt wohl damit zusammen, dass die Menschen nach der Lektüre des Buches anfingen, Fragen zu stellen. Zum Beispiel, ob es nicht besser sei, Forstwirtschaft schonender zu betreiben, als das bisher Praxis ist. Das hat Teile der Forstwirtschaft offenbar sehr unter Druck gesetzt. Hinzu kam natürlich auch, dass ich als ehemaliger Förster im Staatsdienst ja eigentlich einmal dazugehört habe. Da wird man dann schnell zum Nestbeschmutzer abgestempelt.

Sie hatten vor einigen Jahren ein Burn-out. Waren die Anfeindungen der Auslöser?

Ja, sagen wir mal, es war eine Mischung. Es ist ja nicht einfach, sich gegen Lobbyismus aus Forst und Jagd durchzusetzen. Das habe ich am eigenen Leib auch in meinem direkten Umfeld zu spüren bekommen. Das war sehr, sehr schwer. Andererseits wollte ich schon als kleines Kind Naturschützer werden und hatte viele große Ziele. Ich wollte möglichst schnell viel mehr erreichen, als in meinen Kräften stand. Ich habe mich selbst völlig überfordert.

Wie sind Sie zu dieser Einsicht gekommen?

Mir ist auch mit psychotherapeutischer Hilfe klar geworden, dass ich nicht alles und sofort ändern kann. Ich habe gelernt, mit dem zufrieden zu sein, was ich im Rahmen meiner Kräfte erreichen kann. Und dass ich es auch ertragen muss, wenn Dinge einmal schlecht laufen, ohne daran gleich zu verzweifeln.

In Ihrem Buch über die Gefühle der Tiere kritisieren sie Wildfütterungen im Winter, wie sie ja vor allem Jäger durchführen. Was stört Sie daran?

Normalerweise reguliert der Winter die großen Bestände der Pflanzenfresser. Dazu gehören Wildschweine, Rehe, Hirsche, aber auch andere Tierarten wie zum Beispiel Eichhörnchen, Füchse und so weiter. Weil es im Winter kalt ist, ist der Energiebedarf relativ hoch, und gleichzeitig gibt es wenig zu fressen. Auch die Bäume tragen zu dieser natürlichen Regulation übrigens bei: Eichen und Buchen zum Beispiel blühen und fruchten nur alle paar Jahre, damit sich die Wildbestände nicht auf einen dauernden Futtersegen im Winter einstellen können. So halten auch sie die Wildbestände gezielt niedrig.

Und die zusätzlichen Fütterungen durch den Menschen stören diesen natürlichen Kreislauf?

Ja, genau. Wenn man die Regulierung der Bestände der Natur überlassen würde, müsste unter Umständen gar nicht mehr gejagt werden, und das Töten hätte ein Ende.

Sie möchten die Jagd abschaffen?

Die Jäger wären darüber sicher nicht glücklich. Da würde es wohl große Widerstände geben. Aber einen Versuch wäre es wert. So hat man im Kanton Genf in der Schweiz schon vor 40 Jahren die private Jagd verboten. Das hat dazu geführt, dass die meisten Arten über die oben beschriebene natürliche Regulierung hinaus keinerlei Eingriffe durch den Menschen mehr benötigen. Nur beim Schwarzwild muss in Ausnahmefällen von Amts wegen noch geschossen werden. Außerdem bekommen wir inzwischen ja auch wieder ein wenig Unterstützung durch den Wolf.

Der Wildwuchs beim Wild macht auch einigen Städten Probleme ...

Die Bejagung der durch die zusätzlichen Fütterungen zu großen Bestände führt mancherorts dazu, dass die Tiere in die Städte flüchten. Dort sind sie dann wie zum Beispiel die Wildschweine eine echte Gefahr, in jedem Fall aber ein Störfaktor. Das muss doch alles gar nicht sein.

Ihr Hahn Fridolin ist auch nicht dumm, aber wenn ich das sagen darf nicht sehr sympathisch…

Na ja, er ist halt ein Hahn. Zunächst ist er ja auch zu den Hühnern ausgesprochen nett. Wenn er zum Beispiel etwas zum Futtern findet, dann gurrt er sehr tief. Dann wissen die Hennen, dass es was gibt. Er lässt ihnen dann auch den Vortritt. Aber natürlich ist er auch an Sex interessiert. Die Hühner aber weniger, weil er ihnen zu schwer ist. Er springt ihnen ins Kreuz und verbeißt sich in ihren Nackenfedern. Das finden die nicht so toll, und sie gehen ihm möglichst aus dem Weg.

Aber er kommt ja doch noch zum Ziel ...

Ja, manchmal stößt er dieses tiefe Gurren aus, das den Hennen signalisiert, dass es was zu fressen gibt, ohne dass das zutrifft. Das ist dann nur ein mieser Trick, um die Hennen anzulocken. Dann springt Fridolin ganz schamlos einfach drauf.

Ihre Liebe zur Natur hat begonnen, als Sie als Gymnasiast 1972 das Buch Club of Rome Über die Grenzen des Wachstums″ gelesen haben. Dort heißt es, dass, wenn die Menschheit nicht das Ruder umwirft, die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht sein werden. Was bewegt Sie beim Gedanken an den Jahreswechsel?

Das überrascht Sie vielleicht, aber ich schaue durchaus mit Optimismus in die Zukunft. Obwohl ich zugeben muss, dass wir mit all den Trumps, Le Pens und wie Sie alle heißen mögen, schwierigen Zeiten entgegensehen. Andererseits hat es diese Leute mit ihrem inakzeptablen Gedankengut auch bei uns doch schon immer gegeben. Nur haben sie sich nicht geoutet, jetzt aber tun sie es. Wir wissen nun , wer sie sind, und können uns ihnen widersetzen.

Und wo ist da der Anlass für Optimismus?

Für uns kann das ein Weckruf sein, eine Art Prüfstein, eine Chance zu sehen, wie es um den Menschen und um die Demokratie wirklich steht. Als Art unterliegen ja auch Menschen ganz starken Instinkten. Das zeigt sich zum Beispiel in der Gier, immer mehr haben zu wollen, und auch in dem aktuellen Ausbruch populistischer Strömungen. Jetzt wird sich zeigen, ob unser Verstand in der Lage ist, die Dinge so zu regeln, dass auch die nächsten Generationen was von dieser Erde haben. Um die Natur ist mir übrigens überhaupt nicht bange. Die ist so robust, die regelt sich wieder ein.

Und was ist mit der Bedrohung durch den Klimawandel?

Da sehe ich seit der Klimakonferenz in Marokko durchaus Zeichen der Hoffnung. Immerhin haben 43 Staaten gesagt, dass sie in den nächsten Jahren komplett aus den fossilen Energien aussteigen wollen. Und Russland und China wollen sich weiter engagieren, obwohl die USA unter Trump wohl nicht mehr dabei sein wird. Die Dinge sind endlich in Bewegung geraten. Mehr als ich in den letzten Jahren zu hoffen gewagt hätte.

Wie sehen Sie nach den Wahlen die Situation in den Vereinigten Staaten?

Für die USA tut es mir leid. Die vier Jahre, in denen Trump jetzt mindestens Präsident sein wird, kann man beim besten Willen nicht als Chance begreifen. Aber für die Menschen bei uns und in vielen anderen Ländern ist es ein ganz klares Signal, die Demokratie zu verteidigen. Das kann durch die Teilnahme an Demonstrationen sein oder wenigstens durch die Ausübung des Wahlrechts. Jeder ist jetzt in der Verantwortung, es kommt auf jede Stimme an. Das ist ein positives Signal.

Was werden Sie als Nächstes unter die Lupe nehmen?

Ich habe viele Projekte und Pläne . Mit jedem Schritt, den man macht, raus in die Natur, mit jeder Forschungsarbeit, die man liest, tun sich neue Zusammenhänge auf. Der Stoff wird mir sicher nicht ausgehen. Allerdings habe ich mir vorgenommen, nur noch ein Buch pro Jahr zu schreiben.

Peter Wohlleben

wird 1964 in Bonn geboren. Er studiert Forstwirtschaft und beginnt in der Landesforstverwaltung Rheinland-Pfalz als klassischer Forstbeamter: Dann wächst bei ihm mehr und mehr die Überzeugung, dass die traditionelle Forstwirtschaft die Natur mehr ausbeutet als schützt. 2006 kündigt Wohlleben deshalb seine Beamtenstelle auf Lebenszeit. Danach stellt ihn die Gemeinde Hümmel als Förster im Angestelltenverhältnis ein. In einem 1200 Hektar großen Waldgebiet in der Eifel kann Wohlleben nun endlich seine Vorstellungen von einem ökologisch und ökonomisch vertretbaren Naturschutz umsetzen. Sein Forst ist heute einer der wenigen, der auf dem Weg zurück zu urwaldähnlichen Laubwäldern ist: Buchen statt Fichten, Pferde statt Holzerntemaschinen, völliger Verzicht auf Chemieeinsatz und keine Kahlschläge mehr. Ergänzend zu seiner innovativen Arbeit im Wald schreibt Wohlleben mehrere kritische Bücher zu den Themen Waldbau, Forstwirtschaft, Jagd und Umweltschutz. Seine Werke Das geheime Leben der Bäume″ und Das Seelenleben der Tiere″ belegen seit Monaten auf den Bestsellerlisten Spitzenplätze.

Bildtext:
Der Hüter des Waldes: Der Förster Peter Wohlleben aus der Eifel hat unter anderem den Bestseller Das geheime Leben der Bäume″ geschrieben.

Fotos:
Picture Alliance, imago/ Future Image
Autor:
Waltraud Messmann


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