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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Chronist des Osnabrücker Sündenfalls
Zwischenüberschrift:
Ordelheides Synagogen-Fotos
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
In der Nacht zum 10. November 1938 ging die Osnabrücker Synagoge in Flammen auf, und die Feuerwehr durfte nicht löschen. Die von der SA angezettelte Brandstiftung markierte auch in Osnabrück den Übergang von der Diskriminierung zur offenen Verfolgung der jüdischen Bevölkerung.

Osnabrück. Die Reichspogromnacht, der in Deutschland rund 1400 Synagogen und zahllose jüdische Geschäfte zum Opfer fielen, wurde von der NS-Propaganda als spontaner Ausbruch des Volkszorns″ tituliert, der auf die Ermordung des deutschen Diplomaten Ernst Eduard vom Rath durch einen Juden reagiere. In Wahrheit war sie eine inszenierte Gewaltaktion, die die Arisierung″, also die Zwangsenteignung jüdischen Besitzes, beschleunigen sollte, um damit letztlich die deutsche Aufrüstung zu finanzieren. Historiker sehen in den Übergriffen außerdem eine Art Testlauf, inwieweit die Mehrheit die nächste Stufe der Maßnahmen tolerieren oder sogar unterstützen würde.

Die Osnabrücker Bevölkerung habe sich das Spektakel in großer Zahl machtlos angesehen und bedrückt geschwiegen, erinnerte sich später der Lokalhistoriker und langjährige Chefredakteur der Neuen Tagespost″, Karl Kühling. Die Historikerin Martina Sellmeyer gibt Schilderungen wieder, in denen die Osnabrücker weniger gut wegkommen: Augenzeugen berichten von einem schreienden und grölenden Mob, der Steine auf die jüdischen Frauen warf, die aus ihrer brennenden Wohnung auf die Straße geflüchtet waren, und schrie, man solle sie aufhängen.″ Scharen von Osnabrückern hätten tatenlos zugesehen, wie Prügeltrupps alle jüdischen Männer häufig nur im Schlafanzug oder in der Unterhose aus ihren Wohnungen und mit bloßen Füßen über die Straße trieben und einen alten Mann in die eiskalte Hase warfen.″

Fast alle Schüler der Osnabrücker Schulen seien am 10. November von ihren Lehrern klassenweise zur ausgebrannten Synagoge geführt worden. Sellmeyer schreibt: Die Thorarollen aus der Synagoge und Gebetbücher wurden dort in den Schmutz getreten, den Talar des Vorbeters hatte man wie eine Vogelscheuche auf eine Stange gehängt. Vor brüllenden und lachenden Jugendlichen kam [NSDAP-Ortsgruppenleiter] Erwin Kolkmeyer mit einem Zylinder aus der Synagoge, während ein anderer SA-Mann einen Gebetsmantel wie eine Trophäe schwenkte.″

Allerdings hatte die gesamte SA Befehl, in Zivil anzutreten, um Volkszorn zu spielen″, wie es in Gerichtsakten von 1949 heißt. Insofern ist es schwierig, mutmaßliche Übergriffe der Zivilbevölkerung″ eindeutig als solche einzuordnen.

Die Reichskristallnacht″, wie man damals sagte, erlebte der Hobbyfotograf Karl Ordelheide (1918–1989) als 20-jähriger Mann, der den Reichsarbeitsdienst gerade hinter sich hatte und nun im Heimaturlaub auf den Beginn des Wehrdienstes wartete. Den Gestellungsbefehl für den 15. November hatte er schon in der Tasche. Ordelheide wohnte bei seinen Eltern an der Bergstraße. In dieser Nacht sah ich von unserem Haus die helle Lichtfackel der brennenden Synagoge. In der Familie waren wir uns einig, dass etwas Unheimliches und Schreckliches passiert sein musste.″ In seinen Erinnerungen schreibt Ordelheide weiter, dass der verordnete Bezug zu der Mordsache vom Rath in seiner Umgebung durchschaut wurde, dass also niemand ernsthaft an einen spontanen Ausbruch des Volkszorns″ glaubte.

Von Kindsbeinen an hatte die Fotografie Ordelheide fasziniert. Mit zwölf Jahren knipste er die Vitischanze. Das war das erste einer langen Serie von Fotos mit Osnabrücker Motiven. Wobei er immer auch schon ein Gespür für politisch brisante Momente hatte. Im März 1933 fotografierte Ordelheide als Fünfzehnjähriger mutig die Besetzung des Gewerkschaftshauses am Kollegienwall durch die SS. Am Morgen nach dem Synagogenbrand war es für ihn die selbstverständlichste Sache der Welt, sich die Kamera zu schnappen, einen Film einzulegen und zu der qualmenden Ruine in der Rolandstraße zu eilen. Seine Fotoserie von der zerstörten und geschändeten Osnabrücker Synagoge und von den Plünderungen jüdischer Geschäfte sind die einzigen bislang bekannten, die es von diesen Verbrechen gibt.

Erst knipste er nur aus sicherer Entfernung. Als er dann sah, dass nur neugierige Schauleute″, aber keine Uniformierten anwesend waren, wurde er mutiger und nahm auch die im Vorgarten auf einen Haufen geschichteten Bücher und Kultgegenstände unter die Linse. Der ausgebrannte Innenraum weckte in mir eine Erinnerung an einen Besuch vor vier Jahren. Mit meinem Klassenkameraden Günter Lenzner zusammen hatten wir den Küster gebeten, uns die Synagoge zu zeigen. Er war sofort bereit und erklärte uns Raum und Gebräuche. Drei Judenjungen hatten sich eingefunden und sangen uns ein liturgisches Lied vor. Das war für uns eine fremde Welt. Was ich nun im ausgebrannten Raum sah, war deprimierend und erschreckend″, schrieb Ordelheide 1988, ein halbes Jahr vor seinem Tod, in seinen Erinnerungen. Darin gab er auch der Hoffnung Ausdruck, dass die Bilder helfen können, die wahren Vorgänge didaktisch aufzuarbeiten und vor ähnlichen Brutalitäten zu schützen″.

So war es früher: Berichte aus der Osnabrücker Geschichte auf noz.de/ historisch-os

Bildtexte:
Die ausgebrannte Synagoge am Morgen des 10. November 1938. Vor dem Eingang halten NS-Aktivisten ein Schild hoch mit der Aufschrift: Rache für Mordsache vom Rath! Tod dem internationalen Judentum!″.
Karl Ordelheide (1918–1989) im Jahr 1987.
Ein Parkplatz nimmt heute die Fläche von Synagoge und Jüdischer Schule ein. Die Mauer wurde als Denkmal gestaltet.
Fotos:
Archiv Kulturgeschichtliches Museum Osnabrück/ Karl Ordelheide, Archiv Karl-Eduard Ordelheide, Archiv/ Westdörp
Autor:
Joachim Dierks


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