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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Überschrift:
Am Dom gibt es Butter auf graue Kontrollnummern
Zwischenüberschrift:
Juli 1916: Kartoffeln knapp, Butter knapp, dafür Bickbeeren in großen Mengen – Kautschukmangel führt zu Radfahrverbot
Artikel:
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Originaltext:
Der Erste Weltkrieg tobt seit fast zwei Jahren. Die Ernährungslage bleibt Thema Nummer eins in der Lokalberichterstattung der Osnabrücker Zeitungen. Im Kirchlichen Amtsblatt ruft Bischof Berning die Landbevölkerung dazu auf, Kartoffeln freiwillig an die Stadtbevölkerung abzugeben.

Osnabrück. Die wirtschaftliche Einschnürung des Vaterlandes durch unsere Feinde″ habe teilweise einen erheblichen Notstand an Lebensmitteln zur Folge, schreibt der Oberhirte. Da er sich in den Städten stärker als auf dem Land bemerkbar mache, bittet Berning die Bauern, aus christlicher Nächstenliebe und vaterländischer Gesinnung″ freiwillig den städtischen Verwaltungen Kartoffeln zu den festgesetzten Preisen anzubieten. Gewiss werde sich die ländliche Bevölkerung, wenn erforderlich, zu diesem Zwecke einige Beschränkungen wie den einen oder anderen kartoffellosen Tag auferlegen.

Die Herren Seelsorgsgeistlichen auf dem Lande veranlasse ich hierdurch, ihren ganzen Einfluss in diesem Sinne alsbald geltend zu machen und ihre Pfarrkinder nachdrücklich zu ermahnen, dass sie in der gemeinsamen Not ihr eigenes Interesse dem Wohle des Ganzen unterordnen″, appelliert der Bischof.

Die Versorgung mit tierischen Produkten ist noch kritischer. Die Osnabrücker Volkszeitung″, das Organ der Zentrumspartei, lobt eine Aktion der Gemeinde Glandorf, bei der 160 Pfund gute Butter″, 36 Eier und einige Pfund Speck an Bedürftige in der Stadt gespendet worden sind. Organisiert hat die Spende der Osnabrücker Elisabeth-Verein, ein 1870 gegründeter, päpstlich bestätigter Verein bürgerlicher katholischer Frauen, die sich den Idealen der heiligen Elisabeth verpflichtet fühlen und sich als Brücke zwischen Arm und Reich verstehen.

Die Damen vom Vorstand haben an 320 bedürftige Familien je ein halbes Pfund Butter verteilt. Es ist das bei der gegenwärtigen Fettknappheit ein sehr schöner Erfolg″, schreibt die Volkszeitung″. Und weiter: Wenn die Glandorfer Damen, die die Butter eingesammelt haben, und der Herr Pfarrer von Glandorf, dem die Anregung zu verdanken ist, gesehen hätten, mit welcher Freude die Sendung in den einzelnen Familien aufgenommen wurde, so würden sie reichlich belohnt sein. Das Vorgehen der Gemeinde Glandorf zeugt von sozialem Verständnis und wird jedenfalls dazu beitragen, etwa bestehende Gegensätze zwischen Stadt und Land auszugleichen. Möchten doch recht viele andere Landgemeinden dem Beispiele Glandorfs folgen!

Die Stadt leistet mit preisgestützten Butterverkäufen das Ihrige, um das begehrte Fett rationiert auch an Ärmere abgeben zu können. Oftmals gehen die Schlange Stehenden aber leer aus, wenn der Vorrat vorzeitig erschöpft ist. Am 4. Juli lesen wir in der Volkszeitung″: Der städtische Butterverkauf erfolgt am morgigen Mittwoch nur an diejenigen, welche am letzten Sonnabend eine Kontrollnummer erhielten, aber infolge des großen Andranges nicht befriedigt werden konnten. Die Inhaber grauer Kontrollnummern müssen Butter an der Verkaufsstelle am Domhof entgegennehmen, diejenigen gelber am Ledenhof, diejenigen weißer am Rosenplatz.″

Bickbeeren gefragt

Eine leckere, kostenlose und daher besonders beliebte Nahrungsergänzung sind die Bickbeeren (Heidelbeeren, Blaubeeren). Anfang Juli hat die Ernte begonnen. Große Scharen sieht man morgens schon in aller Frühe teils zu Fuß, teils per Bahn die umliegenden Berge aufsuchen, vermeldet die Volkszeitung″. Der Landrat des Kreises Iburg ersucht alle Gemeindevorsteher, das Beerensammeln so zu regeln, dass die auswärtigen Sammler an dem betreffenden Bahnhofe für eine mäßige Gebühr Erlaubnisscheine für die ganze Gemeinde erhalten können. Ferner wird empfohlen, zum Schutze der Schonungen zuverlässige Personen mit der Aufsicht zu betrauen. Die Bickbeerensucher mögen bitte bedenken, lautet der Appell, dass es fremder Grund und Boden ist, auf dem man die Erlaubnis zum Beerensuchen erhalten hat. Sonst könne man es dem Waldbesitzer nicht übel nehmen, wenn er bei vorkommenden Beschädigungen seiner Besitzung das Beerensuchen verbietet. Der Gebrauch von Bickbeer-Kämmen ist verboten, weil beim ungezielten Abstreifen die Pflanzen geschädigt werden können.

Vielfach werden auch schon Kronsbeeren (Preiselbeeren) gepflückt. Das ist aber polizeilich erst ab 15. Juli erlaubt, weil sie zuvor noch unreif sind. Gegen das unbefugte Sammeln unreifer Kronsbeeren soll scharf vorgegangen werden. Auf den Bahnhöfen soll eine allgemeine Revision stattfinden. Alle müssen ihre Sammelbehälter vorzeigen. Wer Kronsbeeren darunter hat, dem wird die gesamte Ernte abgenommen, und er muss mit einer Geldstrafe rechnen.

Die Kreuzottergefahr beim Bickbeerensuchen werde vielfach überschätzt, schreibt die Volkszeitung″. Vorsichtshalber verteilt sie dennoch ein paar Ratschläge: Man ziehe derbes und hohes Schuhzeug an und errege bei der Pflückstelle Lärm durch Anschlagen an die Baumstämme, besonders bei Sonnenschein und Wärme. Die furchtsame Kreuzotter sucht dann sofort ihre Schlupflöcher auf. Sie beißt nur, wenn sie gereizt oder getreten wird. Wer von der Schlange gebissen ist, hat die Bissstelle einzuritzen, tüchtig auszusaugen, das gebissene Glied straff abzubinden und sofort einen Arzt aufzusuchen.″

Fahrradfahren verboten

Zur Schonung kriegswichtiger Kautschuk-Vorräte hat das Stellvertretende Generalkommando ein allgemeines Radfahrverbot erlassen. Genau genommen ist nicht das Radfahren an sich verboten, sondern die Nutzung von Mantel und Schlauch. Aber wer fährt schon gern auf nackten Felgen? Ab dem 12. August 1916 gelten alle Fahrradbereifungen als beschlagnahmt. Sie dürfen nur benutzt werden von Inhabern einer Radfahrkarte. Die kann man für Fahrten zur Arbeitsstelle beantragen, wenn diese wenigstens drei Kilometer entfernt ist und wenn es keine öffentlichen Verkehrsmittel dorthin gibt. Die Erlaubnis gilt dann nur für den kürzesten fahrbaren Weg, Umwege sind verboten. Anträge sind auf amtlichem Vordruck zu stellen, der bei den Polizeibehörden erhältlich ist.

Bei all den Entbehrungen darf eines jedoch nicht zu kurz kommen: Sitte und Anstand. Vom 4. Juli an beginnen im Großen Klub wieder Kurse in Anstandslehre. Angesprochen sind Schüler, Schülerinnen, erwachsene Einzelpersonen sowie Zirkel von Damen und Herren, die sich aussuchen dürfen, ob sie nach Geschlechtern getrennt oder vereint teilnehmen. Anmeldungen nimmt Herr von der Heyde, Große Hamkenstraße 33, entgegen.

So war es früher:

Berichte aus der Osnabrücker Geschichte auf noz.de/ historisch-os

Bildtext:
Der Kartoffelernte 1916 sieht man schon im Sommer sorgenvoll entgegen. Tatsächlich soll sie nur die Hälfte eines Normaljahres erbringen. Die öffentlichen Verwaltungen leiten die Rationierung auch dieses Grundnahrungsmittels ein. Das Foto aus der Sammlung Georg Dirks (Schüttorf) ist erschienen in: Robben/ Lensing, Wenn der Bauer pfeift… Betrachtungen zum Heuerlingswesen in Nordwestdeutschland″, Haselünne 2014.
Autor:
Joachim Dierks


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