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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Einer der Letzten seines Standes
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An der Alten Münze betreibt Peter Berning in dritter Generation eine Schuhmacherei
Artikel:
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Originaltext:
Das ehrbare Schuhmacher-Handwerk befindet sich auf dem Rückzug. Neue Schuhe werden fast nur noch industriell gefertigt und Reparaturen erledigt vielfach der Schlüsseldienst mit angelernten Kräften. Einer, der noch alles kann, ist Schuhmachermeister Peter Berning an der Alten Münze 21.

Osnabrück. In diesem Jahr feiert der 74-Jährige sein goldenes Meisterjubiläum. Als Einzelkämpfer ohne Angestellte steht er weiterhin fast jeden Tag im Laden und in der Werkstatt. Solange ich gesund bin und Spaß daran habe, mache ich weiter″, erklärt Berning, wobei ihm klar vor Augen steht, dass er einen Nachfolger kaum finden wird. Die Kinder haben andere Berufswege eingeschlagen. Schon werfen die Evangelischen Stiftungen begehrliche Blicke auf sein Haus. Ihnen gehören bereits mehrere Grundstücke zwischen Alter Münze und Am Ledenhof. Für einen Umbau oder Neubau des Altenheims Haus Ledenhof möchten sie sich alle Optionen offenhalten. Zu diesem Zwecke haben die Stiftungen bereits Bernings Nachbarhaus, das frühere Porzellangeschäft Die Vitrine″, erworben und mittlerweile abgerissen. Berning sieht bislang keine Veranlassung, die seit 123 Jahren an diesem Standort bestehende Schuhmacherei aufzugeben, die er in dritter Generation führt.

1893 ließ sich sein Großvater Johann Berning an der Alten Münze nieder. Vater Walter Berning (1899–1977) lernte ebenfalls Schuhmacher, eröffnete aber einen eigenen Betrieb am Grünen Brink. Als der Großvater 1942 starb, ging Walter zurück ins Elternhaus und übernahm die Werkstatt.

1945 legten die Bomben das Haus in Schutt und Asche. Vorübergehend zog Walter Berning mit der Familie zur Katharinenstraße und reparierte dort auch Schuhe, betrieb aber gleichzeitig den Wiederaufbau an der Alten Münze. 1948 war es so weit: Der Neubau in der Gestalt, die bis heute Bestand hat, war bezugsfertig.

Für Peter Berning war es keine Frage, dass auch er Schuhmacher werden würde. Wie es guter Brauch ist, lernte er nicht beim Vater, sondern bei einem Kollegen, bei August Blume in der Osningstraße, der zusätzlich Orthopädie-Schuhmacher war. Selbstredend bekam Peter Berning auch diese hohe Kunst vermittelt. 1966 legte er die Meisterprüfung ab. Das Schuhmacher-Handwerk erlebte da gerade eine Blütezeit. Die Meister hatten zwei oder drei Gesellen und oft auch einen Lehrling. Die Schuhe waren damals qualitativ besser als heute mehr Leder, weniger Kunststoff″, sagt Peter Berning, es gab noch keine Billigimporte. Bei einem hochwertigen und entsprechend teuren Schuh lohnte sich fast jede Reparatur.″ Außerdem kamen die Pfennigabsätze in Mode. Je dünner sie waren und je schlechter die Bürgersteige, desto häufiger brachen sie ab ein Dauer-Beschäftigungsprogramm für die Schuhmacher.

Nach einigen Gesellenjahren bei August Blume trat Peter Berning 1972 in den väterlichen Betrieb ein und führte ihn nach dem Tod des Vaters 1977 allein weiter. Wer heute den kleinen Laden betritt und einen Blick in die rückwärtigen Werkstatträume wirft, glaubt sich in eine andere Zeit versetzt. Gar nicht einmal, weil die eingesetzten Maschinen und Arbeitsgeräte veraltet wären. Da hat Berning alles, was man so braucht und die Arbeit leichter macht. Aber er ist ein Sammler aus Leidenschaft und kann sich von schönen alten Dingen nicht trennen. Der Laden ist ein kleines Museum.

An den Wänden und in Vitrinen trifft man neben Meisterbrief und Innungssieger-Urkunde auf historische Schusterwerkzeuge, eine Kollektion von rund 60 Schuhcreme-Dosen, Taucher-Schuhe, Moorarbeiter-Schuhe, 70 Jahre alte Inliner″, Opas Skistiefel und witzige Schuh-Sonderanfertigungen wie Pumps mit eingearbeiteten Fahrrad-Rückstrahlern, damit die Trägerinnen nachts auf einsamen Straßen leichter gesehen werden″, so Berning.

Früher empfing Berning Schulklassen in seinem Laden. Er erklärte ihnen, wo das Leder herkommt und wie man daraus Schuhe macht. Heute gäben die Lehrpläne derartige Exkursionen wohl nicht mehr her, meint er schulterzuckend, aber auch mit einem gewissen Verständnis. Für den Lehrberuf des Schuhmachers brauche er keine Reklame mehr zu machen, die Zeiten seien vorbei. In der Stadt Osnabrück gebe es nur noch fünf oder sechs aktive Berufskollegen und einen einzigen Lehrling. Im Umland sieht es noch etwas besser aus, erklärt Herbert Tiemann, der für die Kreishandwerkerschaft auch die Schuhmacher-Innung Osnabrück-Emsland mit insgesamt 16 Mitgliedern betreut. Tendenz auch hier: fallend. Ein einst stolzes Handwerk, das sich in Osnabrück auf eine 690 Jahre alte Zunft- und Innungsgeschichte berufen kann, gerät immer mehr in ein Nischen-Dasein. O Sohle mio″ verstummt so langsam.

So war es früher:

Berichte aus der Osnabrücker Geschichte auf noz.de/ historisch-os

Bildtexte:
1948 ist der Wiederaufbau geschafft: Nach der Kriegszerstörung ihres alten Hauses am Palmsonntag 1945 haben Schuhmachermeister Walter Berning und seine Frau ihren Neubau an der Alten Münze 21 bezogen. Unten ist die Werkstatt, oben die Wohnung.
Frisch in gelber Farbe zeigt sich das Haus in Nachbarschaft von St. Katharinen und Reichwein-Platz heute.
Die Ladentür stammt noch aus den Sechzigern. Die Inschrift wurde nach dem Tod des Seniors 1977 von W. Berning″ auf P. Berning″ modernisiert.
Foto:
Archiv Peter Berning, J. Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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