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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Mit dem Autofahrstuhl aufs Dach
Zwischenüberschrift:
Der Parkplatz auf dem Hertie-Kaufhaus war von 1964 bis Mitte der 1980er in Betrieb
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Das Unikum eines Dachparkplatzes auf dem Kaufhaus Hertie ist zwar seit mehr als 30 Jahren Geschichte, aber in der Erinnerung sehr vieler Osnabrücker noch präsent: der ruckelnde Fahrstuhl für Autos.
Osnabrück. Selten hat es so viel Leser-Resonanz gegeben, als unsere Redaktion dieses Thema vor einigen Jahren in der inzwischen eingestellten Serie OS-Nachbarn″ vorstellte. Und sogar in zwei wissenschaftlichen Werken eines aus Osnabrück stammenden Technik-Historikers spielt der Pkw-Aufzug eine Rolle.
Da das frühere Hertie- und spätere Wöhrl-Gebäude nun bald abgerissen werden und dem Neumarkt-Center Platz machen soll, erhielt der NOZ-Fotograf noch einmal Gelegenheit, alle Stockwerke des leer stehenden Kolosses zu durchstreifen und zum krönenden Abschluss die frühere Parkfläche in 16 Meter Höhe über dem Neuen Graben in Augenschein zu nehmen. Von den alten Betonplatten mit den aufgemalten Stellplatz-Markierungen ist dort nichts mehr zu sehen. Dachpappe überzieht die Fläche, bestückt mit Blitzableitern, Lüftungskanälen und Aufbauten der Klimatechnik. Die Perspektive des historischen Fotos mit dem Katharinenkirchturm neben dem VGH-Hochhaus lässt sich so nicht mehr einnehmen, da die riesige Lichtpyramide mitten auf dem Dach im Wege ist.
Diese ist genauso Ergebnis des großen Umbaus von 1988/ 89 wie der Fortfall des Autofahrstuhls. Dessen Zufahrt über die Seminarstraße durch ein Rolltor in den Hinterhof ist noch nachvollziehbar, aber damit endet das Wiedererkennbare. Die Tore zum Lift und der Lift selbst existieren nicht mehr. Als Wöhrl das Haus für seine Bedürfnisse herrichtete, verzichtete man auf das Dachparken. Die Technik hatte sich als reichlich störanfällig erwiesen und bedeutete zu viel Aufwand für eine letztlich doch bescheidene Anzahl von Parkplätzen. Hinzu kamen die nicht mehr zeitgemäßen Wartezeiten bei Ein- und Ausfahrt. Wöhrl zog in den Fahrstuhlschacht Geschossdecken ein und schlug seine Grundfläche den Verkaufsräumen hinzu.
Mit Vorschusslorbeeren hatte die Presse im April 1964, fünf Monate nach Eröffnung des Kaufhauses Hertie, die Einweihung des Dachparkens begrüßt. Der Kunde, der hier zum ersten Mal ist, wird nicht verfehlen, einen ausgiebigen Blick auf Osnabrück zu werfen. Allein diese Aussicht lohnt schon die Auffahrt″, schwärmte die Neue Tagespost″. Um allen Befürchtungen entgegenzutreten, falls einmal die noch ungeübte Dame am Steuer Gas und Bremse verwechseln sollte damals waren solche Klischees noch nicht verpönt: Selbstverständlich sind die Fahrzeuge gegen ein Hinabfallen abgesichert. Die starken Rohre und Planken sind derart solide, daß auch ein mit Vollgas dagegenfahrender Wagen nur die Chance hätte, einige Beulen davonzutragen.″
Um den Lesern Schwellenangst zu nehmen, beschrieb die Zeitung das Prozedere im Detail: „‚ Hertie-Dachparkplatz′ leuchtet die Schrift an der Seminarstraße.″ Man bog sodann in die Vorderhaus-Durchfahrt ein und löste beim Parkwächter ohne auszusteigen einen Berechtigungsschein für eine D-Mark. Er galt für zwei Stunden und konnte beim Einkauf an der Kasse in Zahlung gegeben werden. Somit ist das Parken praktisch gebührenfrei″, lobte die Zeitung. Ein grünes Kontrolllicht gab anschließend die Einfahrt in einen der beiden Fahrkörbe frei, die eine Tragkraft von 3000 Kilogramm besaßen. Motor abstellen und Handbremse anziehen″, mahnte ein Schild. Hinter dem Wagen glitt ein Schutzgitter hoch, die Türen schlossen sich, und die Fahrt nach oben begann. Nur 20 Sekunden vergehen, dann öffnen sich Tür und Sicherheitsgitter an der Frontseite. Strahlend hell, mit einem weiten Blick über die Stadt, zeigt sich der geräumige Dachparkplatz dem Besucher. Insgesamt 64 Wagen können hier abgestellt werden. Breite Fahrbahnen erlauben ein bequemes Einrangieren″, beendete die Neue Tagespost″ ihren Kurzlehrgang im Dachparken.
NOZ-Leser Helmut Baute verbindet mit dem Dachparken besonders angenehme Erinnerungen. Tochter und Schwiegersohn ließen sich nach der standesamtlichen Hochzeit im August 1983 mit Brautstrauß vor ihrem schicken orangefarbenen BMW 2002 auf dem Dachparkplatz über den Dächern von Osnabrück auf dem Weg ins Eheglück″ fotografieren. Man hatte den Wagen dort geparkt, weil das Mittagsfestmenü nebenan bei Ellerbrake eingenommen wurde.
Der aus Osnabrück stammende Geschichtsprofessor Rolf-Ulrich Kunze, übrigens der jüngere Bruder des Liedermachers Heinz Rudolf Kunze, hat in mehreren seiner technikhistorischen Schriften dem Hertie-Dachparkplatz ein Denkmal gesetzt. Er sah in ihm die innovative Antwort auf das Knappwerden der zuparkbaren Bombenlücken in der Innenstadt″.

Bildtext:

Motor abstellen und Handbremse anziehen″ hieß es auf Deutsch, Englisch und Niederländisch, wenn man in den Auto-Fahrstuhl eingefahren war. Foto: Archiv/ Emil Harms

Seit 1988 gibt es hier keinen Parkplatz mehr. Der Blick geht in nordöstlicher Richtung über den Neumarkt mit Sportarena, Hauptpost, Sparkasse, Hasehaus und Landgericht. Foto: Dierks

Ein ganz neues Parkgefühl vermittelte das im April 1964 eröffnete Dachparken auf dem Kaufhaus Hertie, fast schon auf Augenhöhe mit dem Turm von St. Katharinen und dem VGH-Hochhaus am Neuen Graben.

Foto: Archiv/ Emil Harms
Autor:
Joachim Dierks


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