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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Hefei wächst in den Smog-Himmel
Zwischenüberschrift:
Stadt und IHK zu Gast in der chinesischen Freundschaftsstadt
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrücks chinesische Freundschaftsstadt Hefei wächst in den Himmel und jedes Jahr um 300 000 Einwohner. Fast zweimal Osnabrück Jahr für Jahr. Wo führt das noch hin?
Osnabrück/ Hefei. Explosionsartig breitet sich die Millionenstadt in der flachen Landschaft nördlich des Chao-Sees aus. Die Entwicklung lässt sich eindrucksvoll am zentralen Stadthaus von Partei und Regierung ablesen. 2006, als der damalige Oberbürgermeister Hans-Jürgen Fip die Freundschaftsurkunde im Stadthaus unterschrieb, war es gerade erst eröffnet worden. Einsam ragte es an Stadtrand an einem See in den Himmel. Viel Brachland rundherum, von sechsspurigen fast leeren Straßen bis zum Horizont in Quadrate parzelliert. Das Stadthaus besteht aus zwei gebogenen Bürotürmen, die sich wie die Seiten eines aufgeschlagenen Buches gegenüberstehen: Das las sich als ein in Marmor und Glas zementiertes Bekenntnis, dass Hefei ein neues Kapitel seiner Geschichte aufzuschlagen beabsichtige.
Zehn Jahre später wissen wir: Es ist nicht nur eines, es sind viele Kapitel aufgeschlagen und abgearbeitet worden. Aus dem Solitär in freier Landschaft ist ein Hochhaus unter Dutzenden in der Nachbarschaft geworden. Mit seinen vielleicht 25 Stockwerken wirkt es gegen die zum Teil verwegen geformten Wolkenkratzer geradezu niedlich. Um 5000 Einwohner ist Osnabrück im vergangenen Jahr gewachsen, das schafft Hefei durchschnittlich in sechs Tagen.
Zehn neue U-Bahn-Linien
Die Staatsführung lenkt die Menschen vom unterversorgten Land in die Städte, wo es Schulen, Krankenhäuser, Universitäten gibt. 7, 9 Millionen Menschen leben in der Hauptstadt der Provinz Anhui, bis Mitte des Jahres können es schon acht Millionen sein. So viel wie Hamburg und das ganze Ruhrgebiet zusammen. Um die Dimensionen richtig einzuordnen müsste alles in Osnabrück entsprechend dem Verhältnis der Einwohnerzahl um das Fünfzigfache vergrößert werden. Der Osnabrücker Hauptbahnhof? Ein Kassenhäuschen neben dem neuen Hauptbahnhof Hefei-Süd. Das Iduna-Hochhaus? Ein Jägersitz neben den Legionen von Wohn- und Bürotürmen, deren Spitzen im Smog verschwinden. Osnabrück will den ÖPNV schrittweise auf Elektrobusse umstellen? Hefei bestellt gleich in Serie. Und während an der Hase nur noch wenige an eine Stadtbahn glauben, ist Hefei entschlossen, zehn, ja zehn, U-Bahnlinien durch den Untergrund zu bohren. Die Linie 1 ist in Betrieb gegangen, für die Linien 3, 4 und 5 wird zurzeit gebuddelt. Mit gut zehn Milliarden Euro ist der Bahnbau in Hefei chinaweit das drittgrößte Infrastrukturprojekt.
Eine sich so rasant wandelnde Gesellschaft braucht Konstanten und Gewohnheiten, die Sicherheit geben. Vielleicht gehört auch das fast höfische Ritual beim offiziellen Empfang der Osnabrücker Delegation durch den höchsten Repräsentanten der Kommunistischen Partei der Region, Wu Cunrong, dazu. Er empfängt mit einem Dutzend offenbar wichtiger Menschen die Delegation der Stadt Osnabrück und der IHK Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim im runden Repräsentationssaal. Der Teppich von der Größe eines Bauplatzes (in einem Stück?) ist geprägt von protziger Ornamentik. Am Kopf der Sesselreihe nehmen Oberbürgermeister Wolfgang Griesert und der regionale Parteisekretär Platz, hinter ihnen die Dolmetscher, in ihrem Rücken ein monumentales Gemälde. Die Delegationsmitglieder werden ihrem Range nach in ausladenden Sesseln platziert.
Sehr diplomatisch
Cunrong und Griesert tauschen Höflichkeiten aus. Pure Diplomatie. Beide übertreffen sich mit Komplimenten, schwärmen von ihren Städten, loben die engen Beziehungen und beschwören die große gemeinsame Zukunft. Die Beziehungen zwischen China und Deutschland sind sehr, sehr gut″, übersetzt Dolmetscher Sun die Worte des Parteisekretärs, dazu habe auch der Besuch von Kanzlerin Angela Merkel 2015 beigetragen. Ob Frau Merkel auch in diesem Sessel gesessen hat?
Protokollarisch sind dieser Empfang und das anschließende Bankett der Höhepunkt der viertägigen Reise. In der chinesischen Beziehungswelt sind solche Symbole wichtig. Ausländische Unternehmer, die in China Fuß fassen wollen, brauchen die Begleitung der Politik auf allen Ebenen. Keiner weiß das besser als Prof. Dr. Hans-Wolf Sievert aus Osnabrück, Aufsichtsratsvorsitzender der Sievert Baustoffgruppe, hoch geachteter Ehrenbürger von Hefei und seit 2006 mit zwei Produktionsstätten in Hefei vertreten. Deshalb ist es auch ganz wichtig, dass der Oberbürgermeister regelmäßig nach Hefei kommt″, sagt der China-Kenner. Einmischen kann und darf dieser sich nicht. Allein, dass er der Freundschaftsstadt persönlich seine Aufwartung macht, genügt, um Türen zu öffnen. Das ist ein Stück chinesischer Wirtschaftkultur und - struktur.

Bildtext:

Höfisches Ritual: Der Parteisekretär der Provinz empfängt die deutsche Delegation im großen Saal des Stadthauses.

Kommentar

Das ist anders als bei uns
Wer sein Ziel nicht erreicht: Die chinesische Planwirtschaft gibt vielen Fabrikleitern Produktionsziele vor. Beispiel: Es ist im Jahr eine bestimmte Anzahl von Stahlstangen zu produzieren. Doch was macht ein Manager, wenn er den Stahl wegen sinkender Nachfrage nicht loswird und das Lager überquillt, er also das Produktionsziel womöglich nicht erreichen kann und er sein Gesicht zu verlieren droht? Er lässt das Lager einschmelzen und daraus neue Stangen produzieren″, berichtet Christoph Angerbauer von der Auslandshandelskammer in Schanghai. Soll wirklich passiert sein.
Wer rechts abbiegen will: Vorsicht beim Autofahren. Führerscheinbewerber werden in China nicht wie bei uns zur Ausbildung mit einem Fahrlehrer an ihrer Seite in den Straßenverkehr geschickt. Die praktische Ausbildung beschränkt sich auf Kurverei und Einparkübungen auf abgesperrten Übungsparcours. Und es ist nicht das Ergebnis einer wenig praxisnahen Ausbildung, wenn Rechtsabbieger konsequent die rote Ampel ignorieren und weiterfahren. Rechtsabbieger haben grundsätzlich freie Fahrt, sie müssen sich halt vorsichtig in den Verkehr einfädeln. Das funktioniert übrigens erstaunlich gut. Ein Modell für Deutschland? Fortsetzung folgt

Reporter unterwegs
Kontrolle

Wilfried Hinrichs begleitete die Osnabrücker Delegation nach Hefei und durfte sich besonderer Aufmerksamkeit sicher sein. Peking passt auf Journalisten auf.

Ich war vor zehn Jahren dabei, als Alt-OB Hans-Jürgen Fip unter großem Brimborium in Hefei den Freundschaftsvertrag unterzeichnete. Wir fühlten uns wie Staatsgäste, bewegten uns auf roten Teppichen, auf denen man bis zu den Knöcheln zu versinken glaubte, wurden bei abendlichen Banketten hofiert und in kulinarische Abenteuer gestützt, die für westliche Gaumen ich beschönige mal etwas ungewöhnlich waren. Es herrschte ein Hauch von Aufbruchstimmung. Man muss wissen, würde Alt-OB Fip jetzt sagen, dass 2006 die wirtschaftlichen Perspektiven in China großartig und die politischen Rahmenbedingungen relativ entspannt waren. Ich habe Fragen gestellt, fotografiert, aktuell berichtet und kein Zensor schaute mir dabei über die Schulter. Die Zensur fand vorher statt, bei der Auswahl der Gesprächspartner und der Orte, die wir sehen oder nicht sehen sollten. Dessen war ich mir bewusst. Doch das Klima ist seither rauer geworden. Chinas Wirtschaft kränkelt, und mitunter regt sich Protest. Das macht die Führung wohl nervös. Tatsache ist: Peking hatte mir verboten, auf dieser Reise vor Ort zu recherchieren und Interviews mit Chinesen zu führen. Ich reiste trotzdem mit, als neugieriges Mitglied der offiziellen Delegation, der Eindrücke aufsaugte, zuhörte und beobachtete. Embedded″ wie die US-Armee diese Art der eingebetteten Berichterstattung nennt. Liebe Kollegen hatten schon angekündigt, mich im chinesischen Arbeitslager besuchen zu wollen. Nein, gut jetzt. Ein bisschen mulmig war mir schon. Deshalb habe ich geschwiegen, bis ich wieder rechtsstaatlichen Boden unter den Füßen hatte, und während der fünftägigen Reise darauf verzichtet, täglich aktuell aus China zu berichten. Wer weiß, vielleicht liest Peking auch die NOZ.
Autor:
Wilfried Hinrichs


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