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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Tabula rasa am Westerberg
Zwischenüberschrift:
Weil es keine Bauplätze in exklusiver Lage gibt, werden immer mehr alte Häuser abgebrochen
Artikel:
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Originaltext:
Baugrundstücke am Westerberg in 1A-Lage, die gibt′s nicht mehr. Für die begüterten Kreise kein Hindernis. Sie kaufen ein Häuschen aus den 50er- oder 60er-Jahren, lassen es abreißen und schon haben sie ihren Bauplatz. Dieser Trend verändert einige Straßen radikal.
Osnabrück. " An der Muesenburg" lautet eine der feinsten Adressen der Stadt. Noch vor einigen Jahren bestimmten die Häuser aus den Nachkriegsjahrzehnten das Straßenbild, aber jetzt verschwindet eines nach dem anderen, um den Komfortwünschen begüterter Nachfolger Platz zu machen. Jüngstes Beispiel ist die Nummer 7. Auf dem 1600 qm großen Grundstück stand lange Zeit ein L-förmiges Wohnhaus von 1954, in dem ein Gartenfachhändler mit seiner Familie lebte.
Von diesem keineswegs unbescheidenen Domizil ist kein Stein mehr übrig, seit die Immobilie in andere Hände gelangte. Der Spross einer Unternehmerfamilie demonstriert, wie er sich seinen Traum vom Leben am Westerberg vorstellt. Zur Straße bunkerartig abweisend und die inneren Werte verhüllend, zur Sonne offen und hell, so steht der Neubau am Südhang des Westerberges. Allein die Küche soll mehr Quadratmeter haben als manche gründerzeitliche Wohnetage. Selbst für eine Wohnstraße im besseren Viertel erscheinen die Dimensionen ungewohnt üppig. Doch unabhängig von der Größe handelt es sich bei dem Bau formal gesehen um ein Einfamilienhaus mit Garage.
" Vertretbar" findet Stadtplaner Franz Schürings das neue Eigenheim, und zwar gleichermaßen im Hinblick auf das Bauvolumen und die Höhenentwicklung. Die Einzelheiten seien im Dialog mit der Baubehörde festgelegt worden, sagt der Leiter des Fachbereichs Städtebau, und weil das " Gesamtpaket" stimmig sei, habe die Baubehörde kleineren Baugrenzenüberschreitungen ihren Segen gegeben.
Genau gegenüber bahnt sich schon die nächste Veränderung an, auf einem Grundstück, das direkt an den Grünen Finger grenzt. Die 50er-Jahre-Villa steht den Plänen eines IT-Managers im Weg. Ihr Abbruch soll schon beschlossene Sache sein. Da ist es wohl nur eine Frage der Zeit, wann auch die verbliebenen Wohnhäuser aus der Adenauer-Epoche von der Bildfläche verschwinden.
Dringenden Handlungsbedarf für eine städtische Reglementierung sieht Fachbereichsleiter Schürings derzeit nicht. An der Muesenburg gebe es zwar einen Veränderungsdruck, aber bisher sei es immerhin gelungen, störende Einflüsse auf die Wohnsiedlung zu verhindern. Für ein anderes Bauvorhaben in der Nachbarschaft gemeint ist das repräsentative Anwesen eines Großhändlers habe die Stadt eigens den Bebauungsplan geändert, um eine Höhenbegrenzung festzusetzen.
Nur gute 100 Meter entfernt, am Richard-Strauss-Weg, hat die Stadt mit ihrer toleranten Haltung viel Kritik einstecken müssen. Bauherr ist der Chef eines Automotive-Unternehmens. Er ließ sich dort, nachdem die Trümmer eines 50 Jahre alten Wohnhauses abgeräumt waren, ein repräsentatives Domizil errichten, das die Nachbarhäuser deutlich überragt. Auf den ersten Blick hat der Kubus zwar drei Geschosse, baurechtlich gesehen ist er eingeschossig. Der Architekt hat die Hanglage ausgenutzt und die Bauordnung so trickreich interpretiert, dass die Stadt ihre Genehmigung nicht versagen konnte.
Bauhöhenbegrenzung
Um zu verhindern, dass dieses Beispiel Schule macht, will die Stadt eine Bauhöhenbegrenzung im Bebauungsplan festsetzen. 9, 50 Meter über dem Straßenniveau sollen das Ende der Fahnenstange sein. Ziel sei es, das Bauvolumen auf ein vernünftiges Maß zu begrenzen und den Bestand zu schützen, sagt Stadtbaurat Frank Otte. Aber das schon im September 2014 begonnene Verfahren ist ins Stocken geraten, und die Nachfrage nach exklusiven Baugrundstücken ist groß. Einige Investoren warten schon auf die passende Gelegenheit, um mit den Nachbarhäusern Tabula rasa zu machen.
Dass ältere Gebäude verschwinden, um neuen Platz zu machen, gehört für Otte zur Stadtentwicklung. Die Ansprüche an Wohnfläche, Komfort und Baustandards seien gestiegen. Sicherlich gebe es auch " hässliche Stilblüten" aus den Nachkriegsjahrzehnten, denen niemand nachweine, meint der Stadtbaurat. In vielen Fällen sei es jedoch schade um die alte Bausubstanz, zudem koste jeder Abriss und Neubau viel Energie. Schon deshalb stelle sich jedes Mal die Frage, ob es nicht sinnvoller sei, das Alte in das Neue einzubinden.

Bildtext:

Ein Wohnhaus von 1954 musste diesem repräsentativen Bauvorhaben an der Muesenburg weichen. Neubauten wie dieser verändern ganze Straßenzüge am Westerberg. Fotos: David Ebener

Der nächste Abbruchkandidat: Dieses Wohnhaus aus den 50er-Jahren wird wohl ebenfalls einem Neubau weichen.

Kommentar:

Wenn Straßen ihr Gesicht verlieren

Abreißen kann jeder, Erhalten fordert mehr Grips. Es lohnt sich aber, Grips zu investieren, damit nicht ganze Straßenzüge ihr Gesicht verlieren. Am Westerberg, wo Geld keine Rolle spielt, wird ein Haus aus der Adenauer-Zeit oft als Störfaktor empfunden, den es zu beseitigen gilt. Ein guter Architekt nimmt es jedoch als Herausforderung an, alte und neue Bausubstanz kreativ miteinander zu verbinden.

Zweifellos gibt es Bauten aus verschiedenen Jahrzehnten, deren Beseitigung nicht gerade als Verlust für die Menschheit empfunden wird. Und um kulturhistorisch relevante Architektur sorgt sich ja der Denkmalschutz. Aber es kann doch nicht angehen, dass nur denkmalgeschützte Gebäude diesen Verdrängungswettbewerb überstehen!

Häuser sind Stein gewordene Stadtgeschichte. Für viele Menschen haben sie etwas mit Erinnerung, Identität und Heimat zu tun. Auch das ist ein Grund, nicht leichtfertig den Bagger zu bestellen. Allen, die es nicht gerne hören, sei in Erinnerung gerufen: Eigentum verpflichtet!
Autor:
Rainer Lahmann-Lammert


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