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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
"Hier Pye 74 03!"
Zwischenüberschrift:
Bis 1972 meldete sich am Süberweg 24 der Polizeiposten
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Heute wird oft über mangelnde Polizeipräsenz in der Fläche geklagt, über geschlossene Dienststellen und Anrufbeantworter statt ansprechbarer Beamter. Vor 1972 war das anders. Da hatte jede der noch selbstständigen Gemeinden am Stadtrand ihren eigenen Polizeiposten und den dazugehörenden Dorfpolizisten. So auch Pye.
Osnabrück. Karl-Heinz Becker war von 1949 bis 1972 der " Dorfsheriff von Pye". Seine Ein-Raum- und Ein-Mann-Dienststelle war in die Dienstwohnung am Süberweg 24 integriert. Das Haus gehörte " dem Piesberg", also dem Klöckner-Konzern. Das Land Niedersachsen hatte die eine Doppelhaushälfte als Dienstwohnung für den Ortspolizisten angemietet. Als Polizeiobermeister Karl-Heinz Becker 1949 hierhin versetzt wurde, gab es nur eine Schwierigkeit: Der bisherige Dienststelleninhaber war zwar soeben pensioniert worden, weigerte sich aber, die Wohnung zu räumen.
" Nach dessen Vorstellung sollten wir als fünfköpfige Familie in den Keller ziehen", erinnert sich Beckers Tochter Ulrike Howe, " aber da hat mein Vater natürlich nicht mitgespielt. Er hat auf den Tisch gehauen und durchgesetzt, dass sein Amtsvorgänger ganz schnell ausziehen musste." Dann war da aber noch eine Schwierigkeit: Das Dienstzimmer war von einer Flüchtlingsfamilie belegt, einem Ehepaar mit Kind. Beckers Wohnzimmer musste daher für die ersten Jahre in Doppelfunktion auch als Dienstzimmer herhalten, in dem der übliche " Parteienverkehr" stattfand, inklusive Verletzten und Betrunkenen. Erst 1959 zog die Flüchtlingsfamilie aus, und das Dienstzimmer konnte wieder Dienstzimmer werden. Für die Möblierung mit Schreibtisch, Stuhl und Aktenregal sorgte Vater Becker selbst. Nur die Schreibmaschine wurde vom Dienstherrn gestellt.
Erstes Dienstfahrzeug war ein Fahrrad. Nach ein oder zwei Jahren gab es ein Moped vom Typ NSU " Quickly", und um 1960 wurde die Dorfpolizei mit einer BMW " Isetta" ausgestattet. " Die war zwar weniger geeignet, um einen Raser zu verfolgen, aber er saß darin wenigstens trocken", so Ulrike Howe, in deren Erinnerung meistens schlechtes Wetter war, wenn ihr Vater ausrücken musste. 1963 schließlich war mit einem VW " Käfer" die Endstufe der Motorisierung der Pyer Polizei erreicht.
" Es war spannend für uns Kinder, weil wir natürlich hautnah mitbekamen, was alles so los war in Pye", kramt Ulrikes jüngerer Bruder Joachim Becker in seinen Erinnerungen. Mal war es ein Verkehrsunfall mit zwei Toten auf dem Fürstenauer Weg, mal ein Selbstmörder, den Spielkameraden im Wald an einem Baum aufgeknüpft vorfanden. " Wenn das Telefon klingelte, waren wir immer schon wie elektrisiert, was nun wohl wieder ist." Denn keiner rief an, um einfach zur zu klönen. Telefonanschlüsse waren selten. Außer der Polizei, dem Arzt und einigen Firmen hatte kaum einer ein Telefon. Der Vater habe sich immer mit dienstlicher Stimme " Hier Pye 74 03" gemeldet.
Oft waren es harmlose Sachen, wie etwa ein Streit in den Flüchtlingsbaracken oben am Haseschacht. Oder eine Beschwerde über Engländer, die mit Motorrädern im Wald herumheizten. Oder beim Schützenfest wurde ein Randalierer laut. Oder Vater Becker musste im Konsum gegenüber dem Piesberger Gesellschaftshaus Lebensmittelpolizei spielen in den Schubladen, in denen Mehl lose lagerte, waren Mehlwürmer entdeckt worden.
Eines Sonntagmorgens im Jahr 1957 war der Teufel los. Oben am Piesberg war der Damm eines Klärteichs gebrochen, eine Schlammlawine hatte sich ins Tal ergossen. Becker war pausenlos im Einsatz, sperrte Straßen ab, leitete den Verkehr um, beantwortete Fragen. Im Gasthaus Siebenbürgen hatten Polizei, Feuerwehr, britische Pioniere, Steinbruchverwaltung und THW ihre Kommandozentrale eingerichtet, die sich der kleine Joachim auch mal anschauen durfte das Privileg des Sohns des Dorfpolizisten.
In Erinnerung hat er auch die Zeiten, als der als Polizistenmörder gesuchte Bruno Fabeyer das Osnabrücker Land unsicher machte. Man vermutete damals, dass der als " Waldmensch" Umherziehende irgendwann den Stichkanal überqueren würde. Vater Becker musste sich morgens um 4 Uhr neben der Offers-Brücke in einem Gebüsch auf die Lauer legen. Die Kollegen Köster aus Wallenhorst und Wappler aus Hollage observierten die anderen Kanalbrücken. Fabeyer wurde zwar gefasst, aber nicht durch Karl-Heinz Becker am Stichkanal, sondern erst ein Jahr später in Kassel.

Bildtext:

Dorfpolizist Becker bei einem Umtrunk mit Nachbarn.

Foto: Colourbox.de

Polizeihauptmeister Karl-Heinz Becker mit zwei Generationen seiner Dienstfahrzeuge. Die " Polizeikinder" Joachim, Ulrike und Wolfgang Becker (von links) bekamen viele Blaulicht-Ereignisse hautnah mit.

Fotos;

Privatarchiv Becker-Howe

Äußerlich wenig verändert hat sich das Wohnhaus Süberweg 24, bis 1972 Pyer Polizeiposten.

Fotos: Archiv Becker-Höwe, J.Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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