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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Ziegen für die "kleinen Leute"
Zwischenüberschrift:
Dezember 1915: Auch Räucherspeck, Wirsing, Lammfleisch und Heringe gibt es verbilligt
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Mit großem Hurra ist Deutschland im August 1914 in den Krieg gezogen in sicherer Erwartung eines triumphalen Sieges nach wenigen Wochen oder schlimmstenfalls Monaten. Im Dezember 1915 ist noch immer kein Ende der Auseinandersetzungen in Sicht, und der Krieg beeinflusst den Alltag mit immer harscheren Auswirkungen, auch für die Osnabrücker Zivilbevölkerung. Um angesichts steigender Preise und Verknappungen auch den ärmeren Bevölkerungskreisen eine subventionierte Grundversorgung zu ermöglichen, richtet die Stadt Osnabrück zunehmend Lebensmittelverkäufe in Eigenregie ein.

Direkt auf dem Schlachthof wird geräucherter Speck verkauft. Die Abgabe erfolgt nur gegen Speckkarten (grüne Farbe), welche im Steuerbüro, Markt 1, gegen Bezahlung von 2, 90 Mark für 2 Pfund Speck gelöst werden müssen. Es wird nur an Einwohner Osnabrücks mit einem Jahreseinkommen bis zu 3000 Mark in Mengen von je 2 Pfund abgegeben. Schon im November waren auf den Wochenmärkten Lammfleisch und Käse, auch noch Kartoffeln und " 1-a-holsteinischer Weißkohl" zu haben.

Im Dezember geht die Stadt mit ihren Verkaufsbuden an bestimmten Tagen auch in die zentrumsfer neren Stadtteile. So wird in Schinkel, Mindener Straße/ Ecke Belmer Straße, neben dem Transformatorenhäuschen Rot-, Weiß- und Wirsingkohl " zu außerordentlich billigen Preisen" angeboten, inseriert der Magistrat. Kohl, Rinderfett und Margarine stehen montags in Eversburg auf dem Programm, desgleichen mittwochs an der Meller Straße und freitags nochmals in Schinkel. Heringe werden nur dienstagnachmittags auf dem Ledenhof verkauft. " Da die Zeit zum Einschneiden des Kohls bald vorüber ist, wäre es sinnvoll, den Bedarf jetzt zu decken", empfiehlt Oberbürgermeister Riß müller namens des Magistrats.

In Sorge um die Sicherstellung der Ernährung geht die Stadt entschlossen gegen das " Aufkäuferunwesen" vor. Zwischenhändler haben wiederholt auf den Wochenmärkten größere Mengen aufgekauft, um sie später andernorts bedeutend teurer weiterzuveräußern. Laut Bundesratsverordnung sind Restmengenverkäufe erst ab elf Uhr erlaubt. Die Stadt hat einen Aufkäufer verklagt, der bereits gegen 7.30 Uhr Obst gewerbsmäßig aufgekauft hat. Das hiesige Königliche Schöffengericht gibt der Stadt recht. " Durch diese bezüglich der Ernährung der Einwohner hiesiger Stadt immerhin wichtige Entscheidung sind alle etwa vorhanden gewesenen Zweifel beseitigt und ist den Aufsichtsbeamten und den Mitgliedern des Hausfrauenvereins eine Handhabe gegeben, gegen das Aufkäuferunwesen und gegen die ungesunden, die hiesigen Einwohner schädigenden Preistreibereien energisch einzuschreiten", stellt das " Osnabrücker Tageblatt" erleichtert fest.

Gratis-Theater: Um " unseren tapferen Feldgrauen" eine besondere Freude zu bereiten, gibt das Stadttheater am 3. Dezember eine Freivorstellung für alle Angehörigen der Garnison Osnabrück und alle hier in den Lazaretten stationierten Verwundeten. Ein " flotter Schwank in drei Akten" steht auf dem Programm: " Herrschaftlicher Diener gesucht".

Gefangene auf der Flucht: Aus dem Gefangenenlager in Pente, das für den Bau des Stichkanals eingerichtet worden ist, sind zwei französische Kriegsgefangene geflohen. Sie haben aber nicht bedacht, dass man ihre Spuren im Schnee leicht verfolgen kann. Man findet die Ausreißer denn auch bald im nahen Wald wieder aber, was allgemein überrascht, es sind ihrer jetzt schon vier geworden. Zwei Russen, die aus Minden geflohen sind, haben sich zu ihnen gesellt. Alle zusammen werden festgenommen.

Kriegskarte: In der Geschäftsstelle des " Tageblattes" ist eine Kupfer-Tiefdruckkarte vom serbischen Kriegsschauplatz sowie der Kampfgebiete in den österreichisch-italienischen Grenzlanden vorrätig. Dieses " billigste Orientierungsmittel" sei außerordentlich übersichtlich und genau zugleich und koste nur 20 Pfennig, wirbt das Blatt.

Weihnachtsgeschenke: Der Spielwarenladen Alexander & Co in der Johannisstraße 66 inseriert für die Weihnachtseinkäufe: " Celluloid-Babys und einzelne Köpfe mit Mohair-Frisur, Puppenbälge mit Einfach- oder Doppelgelenk, Rodelanzüge feldgrau oder bunt, Soldatenfiguren fast unzerbrechlich, verschiedene Stellungen, 8 Pfennig pro Stück, mit Pferd 10 Pfennig, Schilderhäuser aus Holz 15 Pf., Kanone " Unser Brummer" 1, 25 M., Gewehre mit Korken, reich ausgestattete Festungen, Stofftiere auf Rädern. Neue Erzählungsbücher mit bunten Bildern: Unser Hindenburg′, Klar zum Gefecht′, Viel Feind, viel Ehr′." In anderen Abteilungen gebe es hingegen auch " nützliche Waren". Und nicht zu vergessen: " Rabattmarken werden unverkürzt verabfolgt."

Patriotismus: Der Nähmaschinenhandel der Gebrüder Tiemann, Große Straße 70, empfiehlt " ein Weihnachtsgeschenk für die deutsche Familie, wie es zweckmäßiger und sinniger nicht gefunden werden kann: die deutsche Nähmaschine! Unterstützt nicht die englisch-amerikanische Singer Co. AG! Bitte jeder die Vorteile der deutschen Pfaff-, Victoria- und Phönix-Schnellnähmaschinen ansehen!" Im Schreibwarengeschäft J. H. Evering Wwe., Große Straße 65, findet man beim Christbaumschmuck schwarz-weiß-rote Kugeln, ferner Ausschneidebögen mit Kriegsschiffen und Soldaten.

Banknoten: Eine Bitte äußern die Banken, die besonders im Weihnachtsgeschäft verständlich erscheint: " Man gewöhne sich daran, das Papiergeld, abgesehen von den unhandlichen 100-Mark-Scheinen, nicht zu falten, sondern geglättet in die Brieftasche zu legen, ordentlicherweise gleiche Werte zusammen, die gleiche Seite nach oben und Nummer auf Nummer. Wer einmal gesehen hat, welche Berge von Papiergeld und in welchem Zustand an den Schaltern der Banken und Sparkassen zusammenkommen, wird diese Bitte um schonliche Behandlung begreifen und beherzigen."

Ziegenzucht: In der letzten Sitzung vor Weihnachten hat der Magistrat unter anderem beschlossen, die Ziegenzuchtvereine in Eversburg und Schinkel mit je 150 Mark zu unterstützen. Die Gelder werden für den Ankauf reinrassiger Ziegen verwendet, die man dann " den kleinen Leuten" zum Einkaufspreis überlassen will.

Bildtext:

Andrang bei der Städtischen Verkaufsstelle, die verbiligte Grundnahrungsmittel an Bedürftige abgibt. Das Foto entstammt dem Aufruf an unsere Leser, Privatfotos für den kürzlich erschienenen Band " Unser Osnabrück - die Stadt im Wandel der Zeit, Teil 1: 1900-1945" zur Verfügung zu stellen.

Foto: Privatarchiv Clemens Wessel
Autor:
Joachim Dierks


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