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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Hilfe für Flüchtlinge auf der Balkanroute
Zwischenüberschrift:
25-jährige Osnabrückerin kämpft gegen das Elend
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Es hätte ein schöner Strandurlaub werden können. Aber in Kroatien sah Frieda Rose den Flüchtlingstreck, der über die Balkanroute zog. Sie sah die Not der Schwangeren, der Kinder und der Verletzten, die sich oft ohne Flüssigkeit und ohne Kraft vorwärtsbewegten. Sie und ihre drei Begleiter fanden jeden Gedanken an Urlaub absurd und beschlossen zu helfen. Inzwischen war Frieda ein zweites Mal als Flüchtlingshelferin auf dem Balkan. Und im Dezember will sie wieder aufbrechen.
Sie hat gesehen, wie die Menschen bei Kälte und Regen 20 Stunden Schlange stehen mussten, um ihre Durchreisepapiere zu bekommen. Sie fand es entwürdigend, dass Mütter ihre Babys zwischen Bergen von Müll stillen und wickeln mussten. Und sie war entsetzt, als sie hörte, dass bulgarische Polizisten die Flüchtlinge geschlagen und eingesperrt hätten, um ihnen Geld abzupressen für Dokumente, die sie kostenlos ausgeben müssten.
Tränengas und Schläge
" Wir sind da mehr oder weniger reingerutscht", erzählt die 25-jährige, die Ergotherapie studiert und gerade ihre Bachelor-Arbeit schreibt. Im September, bei ihrem ersten Aufenthalt, hatte Ungarn gerade seine Grenze zu Serbien geschlossen, und die Flüchtlingsroute verschob sich nach Kroatien und Slowenien. Sie war dabei, als der Grenzübergang Harmica geschlossen wurde und immer mehr Flüchtlinge tagelang im Transitbereich aufliefen.
Als sie versuchten, die Absperrungen zu durchbrechen, setzte die Polizei Tränengas ein. Frieda und andere Helfer kümmerten sich um die Menschen, die sich schmerzverzerrt ihre Augen rieben oder im allgemeinen Durcheinander nach Luft röchelnd umherirrten.
Am Grenzübergang Bregana, direkt an der Autobahn, sei es noch chaotischer zugegangen, erzählt Frieda. Zuerst sei es heiß gewesen, aber für die im Transitraum eingeschlossenen Flüchtlinge habe es kein Wasser gegeben. " Ich habe eine Frau gesehen, die war völlig dehydriert und brach zusammen", berichtet die Helferin aus Osnabrück. Und dann, im Regen, hätten die Leute ohne jeglichen Schutz im Freien schlafen müssen. Zusammen mit anderen Freiwilligen aus Wien versorgte sie die zum Ausharren gezwungenen Menschen mit Wasser und Bananen.
Ohne Schutz im Regen
Auf dem engen Raum sei alles voller Müll gewesen, die Polizei habe einen sehr rauen Ton angeschlagen und auch Schlagstöcke und Tränengas eingesetzt. Menschen seien reihenweise umgekippt. " Es war die totale Entwürdigung", findet Frieda. Einige Flüchtlinge hätten aus Verzweiflung einen trockenen Hungerstreik begonnen. Auf Isomatten schrieben sie " Wir sind keine Kriminellen, lasst uns gehen!" Erst daraufhin seien Busse gekommen, um sie an die österreichische Grenze zu bringen.
Ihre zweite Hilfstour plante die angehende Ergotherapeutin professioneller. Zusammen mit zwei Unterstützern aus Bremen und Kiel ging es Mitte Oktober in einem geliehenen Bulli voller Sachspenden nach Serbien. Statt eines Campingkochers war eine kleine Feldküche mit einem 50-Liter-Topf an Bord, Decken, Zelte, Regenjacken und Landkarten, dazu Tee und Nudeln. Das Geld für die Hilfsgüter hatten Freunde und Bekannte aus dem Umfeld des Trios gesammelt.
Bei Fahrzeugkontrollen fiel Grenzern die ungewöhnliche Ladung natürlich auf. " Wir fahren zum Techno-Festival nach Griechenland", versuchten ihnen die Aktivisten weiszumachen. Wenn das nicht zog, appellierten sie an die Mitmenschlichkeit. " Irgendwie hat′s immer geklappt", sagt Frieda.
Im südserbischen Preševo kamen die drei Helfer schnell wieder in der Wirklichkeit an. Bei Herbstkälte und Dauerregen drängten sich Tausende Flüchtlinge, zum Teil im T-Shirt, vor dem Registrierungscamp. Die Behörden hätten sie 20 Stunden Schlange stehen lassen, um die Aufenthaltserlaubnis für die Durchreise zu bekommen, auch Schwangere und kleine Kinder. Wer es nicht mehr aushielt oder zur Toilette musste, habe sich wieder hinten anstellen müssen, berichtet die 25-Jährige. Reine Schikane sei das gewesen. Zwei Frauen hätten dabei Fehlgeburten erlitten, Kinder seien völlig unterkühlt gewesen. Der Müll habe die Abflüsse verstopft, man habe durch Wasser und Schlamm stapfen müssen.
Zusammen mit anderen Helfern baute Friedas Team die Küche auf. Die Freiwilligen kochten Tee und versuchten, die Leute zu beruhigen. Immer wieder musste Nachschub besorgt werden. Aber angesichts des Elends sei das alles nur ein Tropfen auf den heißen Stein gewesen, resümiert die Osnabrückerin.
Eine weitere Station für sie und ihre beiden Begleiter war das Registrierungscamp in Dimitrovgrad an der bulgarisch-serbischen Grenze. 200 bis 300 Menschen seien dort täglich angekommen, erzählt Frieda, die meisten aus Afghanistan. Einige hätten Schusswunden gehabt, aber auch Beinverletzungen und Knochenbrüche. Und viele hätten von mafiösen Polizisten und Taxifahrern berichtet, die ihnen das letzte Geld abgenommen hätten.
Emotional am Ende
Auf medizinische Notfälle waren die Helfer aus Deutschland nicht vorbereitet, immer wieder standen sie mit leeren Händen da, wenn Wasser, Nahrung oder Decken gebraucht wurden. Manchmal konnten sie nur mit guten Worten agieren, um eine Panik zu verhindern. " Wir waren auch emotional am Ende", sagt Frieda Rose. Über andere Freiwillige habe sie erfahren, dass die Behörden inzwischen noch repressiver gegenüber den Flüchtlingen vorgingen.
Das mache ihr Angst, gesteht die junge Frau. Aber sie plant schon die nächste Tour, um Flüchtlinge auf der Balkanroute zu unterstützen. " Mich macht es wütend und fassungslos, wie die Politik mit diesen Menschen umgeht", sagt Frieda. Sie fühlt sich zur Solidarität verpflichtet. In ihrer Familie, im Freundes- und Bekanntenkreis wird schon dafür gesammelt.

Bildtext:

Eine selbst organisierte Tee- und Suppenküche: Mit Gartenpavillons und Campingkochern versuchen freiwillige Helfer, die größte Not der Flüchtlinge abzuwenden Fotos: Frieda Rose

Solidarität heißt für sie nicht wegzuschauen: Frieda Rose hilft Flüchtlingen auf der Balkanroute. Foto: J. Martens

Es fehlt an allem: Vor den Registrierungsstellen müssen die Flüchtlinge oft in Schlamm und Müll auf ein Stück Papier warten, das sie zur Weiterreise berechtigt.
Autor:
Rainer Lahmann-Lammert


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