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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Die Zigarre im Blumentopf
Zwischenüberschrift:
Vor 50 Jahren besuchte Bundeskanzler Ludwig Erhard Osnabrück
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. " Der Dicke", wie manche Medien den zweiten Kanzler der Bundesrepublik etwas respekt-, aber keineswegs lieblos nannten, besuchte vor 50 Jahren die Hasestadt. Er befand sich auf " Wahlreise", man sprach noch nicht so sehr von Wahlkampf. Am 31. August 1965 versuchte Ludwig Erhard auf dem Marktplatz die Osnabrücker davon zu überzeugen, dass er die bessere Alternative zu Willy Brandt darstelle, der bei der Bundestagswahl am 19. September 1965 für die SPD antrat.

Tatsächlich sollte Erhard knapp drei Wochen später das bis dahin zweitbeste Wahlergebnis für die Union einfahren. CDU/ CSU errangen 47, 6 Prozent und blieben damit nur knapp unter der absoluten Mehrheit ein Ergebnis, das wohl nur im damaligen " Drei-Parteien-System" noch ohne Grüne und Linke möglich war. Erhard konnte mit dem Koalitionspartner FDP weiterregieren, der Wahl-Slogan " Der Dicke muss bleiben" war in Erfüllung gegangen.

Einen kleinen Anteil an Erhards Wahlsieg haben auch die Osnabrücker Wähler gehabt. Dabei waren die Vorzeichen für seinen Auftritt nicht besonders günstig. Dauerregen war angesagt und trat auch ein. Kolumnist " Willibald" unkte schon vorher im " Osnabrücker Tageblatt", dass so eine Kundgebung unter der Woche um 15 Uhr doch recht riskant sei, wer habe da schon Zeit? Und dann auch noch das prophezeite schlechte Wetter? " Nur ein Häuflein Unentwegter" werde sich vermutlich einfinden.

Doch dann die Überraschung: " Tausende" kamen auf den Marktplatz, und " mehrere Hundert" hatten zuvor die Straßen gesäumt. Um 14.40 Uhr traf der Kanzler-Sonderzug am Hauptbahnhof ein. Der Zug war Erhards bevorzugtes Transportmittel. Er reiste gern im Salonwagen, der einst für Reichsmarschall Hermann Göring gebaut worden war, und nutzte den Kanzler-Mercedes 600 meist nur als Bahn-Zubringer. Auf dem Bahnsteig standen Bürgermeister Erpenbeck, Senator Scholz, Landrat Tegeler und andere CDU-Parteifreunde zum Empfang bereit.

Umwege durch die Stadt

Ein Porsche 911 der Sicherungsgruppe Bonn bahnte der Fahrzeugkolonne den Weg durch die Stadt. Man nahm nicht den kürzesten Weg zum Rathaus, sondern fuhr eine Schleife durch Große Straße, Hasestraße und über die Wälle, um möglichst vielen Schaulustigen die Gelegenheit zu geben, dem Kanzler zuzuwinken. Im Rathaus empfing Oberbürgermeister Willi Kelch den Gast aus Bonn und schenkte ihm eine Bronzemedaille mit dem Wappen der Stadt. Dem Zeitungsredakteur entging nicht, dass Erhard vor der Zeremonie im Friedenssaal mit Eintrag ins Goldene Buch seine obligate Zigarre unauffällig in einem Blumentopf in der Rathaushalle parkte.

Um 15 Uhr trat Erhard auf die Rathaustreppe, unter sich ein Meer von Regenschirmen. Drei kleine Osnabrücker boxten sich zu ihm durch: Eva-Marie, Hildegard und Josef überreichten dicke Asternsträuße. Der Kanzler erklärte zunächst, das Versprechen, das er den Osnabrückern zwei Jahre zuvor, damals noch Wirtschaftsminister, gegeben habe, nämlich als Kanzler wiederzukommen, löse er hiermit ein. Dann beschrieb er die großen Linien seiner Politik, lobte die soziale Marktwirtschaft und wetterte gegen die SPD: " Lassen Sie die Nörgeleien der Opposition an sich he runterlaufen wie den Regen an Ihren Schirmen."

Es gab verschiedentlich Beifall, aber auch Pfiffe. Und Gelächter, als die Lautsprecher ausfielen und Erhard vergebens gegen die schleichende Übermacht der Funktionäre anredete. " Vermutlich steht gerade ein Funktionär auf dem Kabel", witzelte jemand auf der Rathaustreppe.

Erhard selbst reagierte unwirsch auf die Panne. Nach kurzer Zeit war sie behoben, und er konnte seine Rede zu Ende führen. Unterdessen ruhte die Zigarre im Pappmundstück auf dem Rednerpult, zusammen mit dem Kanzler beschirmt. Trotzdem hatte sie wohl etwas Feuchtigkeit abbekommen. Jedenfalls brauchte Erhard ungewöhnlicherweise zwei Streichhölzer, um sie vor dem Besteigen des " Sechshunderters" wieder anzuzünden. Der Tag war für ihn noch nicht zu Ende. In Oesede wartete Bürgermeister Burkhard Ritz auf ihn, in Iburg Bürgermeister Schowe und mit ihnen jeweils mehr als tausend Bürger.

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Bildtexte:
Trotz Dauerregen kamen mehrere Tausend Menscheen am 31. August 1965 auf dem Marktplatz, um Bundeskanzler Ludwig Erhard, rechts unter dem Regenschirm, zu sehen und zu hören.
Der Blick von der Rathaustreppe auf die Stadtbibliothek ist der gleiche geblieben, nur heißt die Fläche dahinter jetzt " Platz des Westfälischen Friedens", von dem Szalinskis Frauenfigur " Die Sitzende" zugunsten von Ruwes " Bürgerbrunnen" verbannt wurde.
Begrüßten Kanzler Ludwig Erhard (rechts) am Osnabrücker Hauptbahnhof: Ratsherr Karl Kühling und Ratsfrau Ursula Flick (1. und 2. von links) sowie Landrat Josef Tegeler, MdL Heinrich Franke und Senator Georg Bernhard Scholz (3., 4. und 5. von links).
Fotos:
NOZ-Archiv, Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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