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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Ein Leben für Gehörlose
Zwischenüberschrift:
Die Luhmannstraße erinnert an den "Vater der Taubstummen"
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Vor 146 Jahren wurde der spätere Taubstummen-Oberlehrer Karl Luhmann geboren, und sein Tod liegt nun auch schon 59 Jahre zurück. Trotzdem können viele Osnabrücker mit seinem Namen etwas anfangen. Das liegt daran, dass die Einrichtungen für gehörlose Menschen an der Knollstraße nach ihm benannt sind. Und auch einer Straße gab er seinen Namen: Nur wenige Meter weiter stadtauswärts zweigt die Luhmannstraße von der Knollstraße ab.

Karl Luhmann kam am 24. Januar 1869 in Verden an der Aller zur Welt, wo es übrigens auch einen Karl-Luhmann-Weg gibt. Die Familie war nicht auf Rosen gebettet. Der Vater, ein einfacher Arbeiter, starb früh, die Mutter hatte größte Last, den Nachwuchs überhaupt durchzubringen. Luhmann hat es seiner Mutter stets hoch angerechnet, dass sie ihm nach der Schule den Besuch der Präparandie in Diepholz und anschließend des Lehrerseminars in Verden ermöglichte.

Der Direktor der Taubstummenanstalt Hildesheim, der ältesten in der Provinz Hannover, klapperte stets die Seminare ab, suchte sich geeignete Junglehrer aus und holte sie nach Hildesheim zur weiteren Fortbildung. Zu ihnen gehörte auch Karl Luhmann. Er erwarb die Zusatzqualifikation als Taubstummenlehrer.

Die erste Anstellung führte ihn 1895 nach Osnabrück, wo es an der Alten Münze eine Taubstummenanstalt gab. Luhmann lernte das schwere Schicksal insbesondere der mehrfach behinderten Gehörlosen kennen, die ihr Dasein oft ohne Arbeit, einsam und von ihren Familien im Stich gelassen hinfristeten. Er war von der Idee beseelt, sie aufzufangen. Mit der Gründung des Taubstummenvereins " Hephata" (aramäisch für " Öffne dich!") etablierte er 1900 in Osnabrück eine Wohlfahrtseinrichtung für diese Menschengruppe. 1901 gehörte Luhmann zu den Mitbegründern des Hannoverschen Provinzial-Taubstummenvereins. Sein großes Anliegen war, den Gehörlosen in einem eigens für sie und ihre Bedürfnisse eingerichteten Heim Geborgenheit und sinnvolle Betätigung zu bieten. Ohne eigene Mittel bettelte er um jede Mark, bis er 1910 genug Geld für den Baubeginn eines Heims an der Knollstraße 96 zusammenhatte. 1912 zogen die ersten 30 Bewohner ein. Da für einen bezahlten Hausvater kein Geld da war, übernahm Luhmann neben seiner Lehrertätigkeit die Heimleitung selbst.

Es wird berichtet, dass Taubstumme " zu ihm wie zu einem leiblichen Vater aufschauten". Manche Zeitgenossen rückten ihn gar in die Nähe eines " Pestalozzi" oder eines " Albert Schweitzer der Gehörlosen". Auf jeden Fall verstand er es, den mehrfach Benachteiligten Lebensmut zurückzugeben. Er muss wirklich wie ein Vater für die große Heimfamilie da gewesen sein. Die Geschlossenheit und der Zusammenhalt dieser Gemeinschaft sind nach Ansicht des Historikers Helmut Vogel, der 2012 eine Chronik zum 100-jährigen Bestehen der Luhmann-Heime verfasste, ein Grund dafür, dass Heim und Bewohner den Nationalsozialismus überlebten. Während 250 psychisch Kranke aus der Heil- und Pflegeanstalt auf der anderen Straßenseite nach Hadamar deportiert und ermordet wurden, ließen die Nazi-Schergen die Gehörlosen in Ruhe.

Mit dem von ihm begründeten großen Hilfswerk und den Heimen für Gehörlose hat sich Luhmann ein bleibendes Denkmal gesetzt, das mehrfach erweitert und aufgestockt wurde. 1954 kam ein Heim für 70 taubstumme Kinder hinzu, später Werkstätten, Schulen und Außenwohngruppen. Heute bieten die Einrichtungen in Trägerschaft des Vereins " Hilfe für hörgeschädigte Menschen in Niedersachsen e. V." insgesamt 234 Plätze für Hörgeschädigte.

In seiner spärlich bemessenen Freizeit war Luhmann ein großer Anhänger der Sangeskunst. 1895 trat er dem Lehrergesangverein bei, war ab 1922 dessen Vorsitzender und bekleidete weitere Ehrenämter in der landesweiten Musikszene. Er zählt zu den Mitbegründern des Osnabrücker Schlossvereins, der sich um die kulturelle Nutzung des Schlosses unter anderem durch kammermusikalische Aufführungen verdient gemacht hat.

Bis in seinen letzten Lebensmonat hinein blieb Luhmann der " Heimvater". Er starb am 9. Oktober 1956 im Alter von 87 Jahren. Ungezählte Weggefährten, darunter alle Gehörlosen, begleiteten ihn auf seinem letzten Weg zum Hasefriedhof.
Bildtext:
Am Sonnenhügel erinnert die Luhmannstraße an einen großen Osnabrücker.
Karl Luhmann (1869 bis 1956) kam 1895 nach Osnabrück.
Foto:
Joachim Dierks/ Archiv
Autor:
Joachim Dierks


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