User Online: 1 | Timeout: 16:33Uhr ⟳ | Ihre Anmerkungen | NUSO | Info | Auswahl | Ende | AAA  Mobil →
Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Datensätze des Ergebnis
Suche: Auswahl zeigen
Treffer:1
Sortierungen:
Anfang der Liste Ende der Liste
1. 
(Korrektur)Anmerkung zu einem Zeitungsartikel per email Dieses Objekt in Ihre Merkliste aufnehmen (Cookies erlauben!)
Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Wo ist der Platz der Deutschen Einheit?
 
Keiner kennt den Platz der Deutschen Einheit
Zwischenüberschrift:
Eine Straßenbenennung ohne Folgen: Die Osnabrücker verabreden sich eher am "Theatervorplatz"
Artikel:
Kleinbild
 
Kleinbild
 
Kleinbild
 
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Den Platz der Deutschen Einheit kennen nur die Wenigsten, und als Adresse taucht er nirgendwo auf. In Osnabrück spricht man vom " Theatervorplatz". Ein Straßenschild reicht wohl nicht aus, wenn Politiker ein großes Ereignis würdigen wollen. Vor fünf Jahren, zum 20. Jahrestag der Wiedervereinigung, musste alles sehr schnell gehen. Die CDU-Fraktion stellte den Antrag, der deutschen Einheit einen Platz zu widmen, und schon fünf Tage später, am 3. Oktober, stand der damalige Oberbürgermeister Boris Pistorius auf eine Leiter und enthüllte das Straßenschild. Seitdem ist es merkwürdig still geworden um den Platz der Deutschen Einheit. Es gibt noch mehr Plätze in Osnabrück, deren Namen kaum jemand kennt. Offensichtlich liegt es daran, dass ihnen keine Adressen zugeordnet sind.

Osnabrück. " Wir treffen uns um sieben auf dem Platz der Deutschen Einheit!" Wer auf diese Ortsangabe vertraut, muss in Osnabrück wohl den Abend allein verbringen. Vor fünf Jahren wurde aus dem Platz vor dem Theater der Platz der Deutschen Einheit. Aber kaum ein Osnabrücker kann mit diesem Begriff etwas anfangen. Und es gibt weitere Plätze, die dieses Schicksal teilen.

" Platz der Deutschen Einheit? Der ist in der Nähe vom Bahnhof", sagt eine Frau Anfang 50. " Nein", korrigiert ein Mittvierziger, der sich auskennt, " das ist da vorne, kurz vor dem Rathaus!" Eine jüngere Passantin hat schon ihr Handy gezückt und will den Straßennamen googeln. Ist nicht nötig, denn alle drei stehen bereits auf dem Platz der Deutschen Einheit, ohne es zu wissen. Und nehmen betreten oder amüsiert zur Kenntnis, dass ein Schild allein nicht genügt, um einen Ort des Gedenkens zu schaffen.

Es musste schnell gehen im September 2010, ein rundes Datum stand bevor. 20 Jahre nach dem Beitritt der DDR zur BRD schlug die CDU-Fraktion dem Rat vor, die deutsche Einheit im Stadtbild zu verewigen. Und zwar sofort. Fünf Tage später stand Oberbürgermeister Boris Pistorius vor dem Rathaus auf einer Klappleiter und enthüllte unfallfrei das noch druckfrische Straßenschild mit dem großgeschriebenen Adjektiv. Ehrengast war der Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer, und dem Zeitungsbericht vom Tag darauf ist zu entnehmen, dass " Vertreter aus Politik und Kultur, Angehörige von Marien, Heer und Gebirgsjägern" an der Veranstaltung teilnahmen.

Pistorius′ Bemerkung, nun habe die Wiedervereinigung der beiden deutschen Teile " Einzug in die sichtbare Erscheinung unserer Stadt gehalten", fand allerdings wenig Nachhall. Kein Osnabrücker verabredet sich auf dem Platz der Deutschen Einheit. Selbst Gerhard Heit vom Fachdienst Geodaten, der in der Stadtverwaltung für die Straßennamen zuständig ist, würde sich bei der Ortsangabe eher auf das Theater als auf das nationale Schicksal beziehen. " Das ist ein Problem", sagt er, und zwar " bei allen Plätzen, die keine postalische Funktion haben".

Adresstechnisch sind die Gebäude, die am Platz der Deutschen Einheit stehen, dem Domhof zugeordnet. Die Städtischen Bühnen mit der Hausnummer 10/ 11 und das Bistum Osnabrück mit der Nummer 12. Postalisch steht das Straßenschild also im luftleeren Raum. Das ist heute fast immer der Preis, wenn ein Ereignis oder eine Person von mindestens nationaler Bedeutung mit einer Erwähnung im Stadtplan gewürdigt werden soll. Denn da verbietet es sich für die Stadtpolitiker, auf eine neue Sackgasse im Baugebiet von Sutthausen oder Lüstringen zurückzugreifen.

Im Stadtzentrum sind aber alle Straßen schon vergeben, und Umbenennungen sorgen stets für Ärger bei Anwohnern, die ihre Briefköpfe nicht erneuern wollen. Da bleibt dem Rat immer nur die zahme Variante, auf Plätze ohne Adressen auszuweichen. Mit der Folge, dass die neuen Bezeichnungen keinen Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch finden. Nicht einmal städtische Ämter halten die Fahne der deutschen Einheit hoch. Das zeigt das Beispiel von Christa Spinne aus Mönchen-Gladbach, die für den Deutschen Allergie- und Asthmaverband arbeitet.

Als sie Anfang der Woche mit ihrem Allergie-Infomobil nach Osnabrück kam, hatte ihr der Fachbereich Bürger und Ordnung eine Fläche auf dem " Theatervorplatz" zugewiesen. Den konnte sie in ihrem Navigationsgerät aber nicht finden. Ein Kollege aus der Zentrale fand schließlich heraus, dass sie auf dem Platz der Deutschen Einheit ihren Infostand ausbreiten durfte.

Um solchen Irritationen von vornherein aus dem Weg zu gehen, ließen sich die Veranstalter der großen Demonstration vor einer Woche gar nicht erst auf die offizielle Bezeichnung ein. " Theatervorplatz/ Dom" stand auf dem Flugblatt, das auf die Kundgebung zum Schutz der Flüchtlinge aufmerksam machte. Die Ortsangabe " Platz der Deutschen Einheit" hätte wohl viele Teilnehmer hilflos durch die Stadt irren lassen.

Dieses Akzeptanz-Dilemma ist auch Fritz Brickwedde bewusst, dem Vorsitzenden der CDU-Fraktion, die den Namensvorschlag vor fünf Jahren in den Rat gebracht hatte. Straßennamen und Platzbezeichnungen seien immer eine schwierige Sache, sagt der Kommunalpolitiker, " niemand möchte eine Umbenennung". Das laufe dann immer auf einen Platz hinaus, " der keinem wehtut". Und was wird jetzt aus dem Platz der Deutschen Einheit? " Man müsste das etwas popularisieren", sagt Brickwedde nachdenklich. Vielleicht gibt es ja in der nächsten Ratssitzung einen Antrag dazu.

Was ist daraus geworden? Wie sich Osnabrück entwickelt, das lesen Sie auf www.noz.de
Bildtexte:
Im luftleeren Raum: Dem Platz der Deutschen Einheit ist kein Adresse zugeordnet. Das macht ihn unsichtbar.
Die rühmliche Ausnahme: Helga Teucher-Meyzis gehört zu den wenigen Befragten, die den Platz der Deutschen Einheit kannten: " Weil ich ins Theater gehe und in der Stadt arbeite".
" Keine Sau weiß das!" Jürgen Fasbender staunt: " Dabei komm ich hier jeden Tag lang": Der 75-Jährige hätte den Platz der Deutschen Einheit am Bahnhof vermutet.
Vergeblich im Navi gesucht: Christa Spinne vom Deutschen Allergie- und Asthmaverband wurde von der Stadt auf den Theatervorplatz statt auf den Platz der Deutschen Einheit geschickt.
" In Berlin gibt′s einen Platz der Deutschen Einheit, aber nicht in Osnabrück!", meint Imbissbetreiber Lothar Hubert. Ein Irrtum, denn Osnabrück hat, was Berlin nicht hat.
" Nee, hier in Osnabrück jetzt?" Carlotta Schlüter kann es kaum glauben, dass sie auf dem Platz der Deutschen Einheit steht. Für sie ist es der " Platz vor dem Theater".
Feierlich: 20 Jahre nach der Wiedervereinigung bekam Osnabrück den Platz der Deutschen Einheit. Im Vordergrund der damalige Oberbürgermeister Boris Pistorius.
Fotos:
Ebener, Lahmann-Lammert, Seiler

Plätze ohne Adressen

Der Hof zwischen der Stadtbibliothek und dem Remarque-Zentrum heißt seit Dezember 1997 Platz des Westfälischen Friedens. Damit wollte die Stadt zum Auftakt des Jubiläumsjahrs ein Zeichen setzen. Eine Adresse ist ihm nicht zugeordnet. Das gilt auch für eine Reihe weiterer Ortsbezeichnungen in Osnabrück. So wurde aus der Grünfläche vor der Volkshochschule 1984 der Platz der Städtefreundschaft. An das Stauffenberg-Attentat auf Hitler soll der Platz des 20. Juli erinnern, der zwischen der Bierstraße und der Dominikanerkirche liegt. Wenig bekannt ist in Osnabrück, dass der Platz vor dem Hauptbahnhof nach dem früheren Bundespräsidenten Theodor Heuss benannt ist, aber auch an seine Nachfolger Heinrich Lübke und Gustav Heinemann erinnern Plätze, denen keine Adressen zugeordnet sind. Dem früheren Bundeskanzler Willy Brandt ist die Grünanlage vor der Arbeitsagentur gewidmet, dem Pädagogen Adolf Reichwein das Areal mit dem Spielplatz an der Osterberger Reihe. Auch lokale Persönlichkeiten sind auf Straßenschildern verewigt worden: Holocaust Saboteur Hans Calmeyer hat eine Kreuzung an der Lotter Straße bekommen, der türkische Einwanderer Yilmaz Akyürek eine Grünanlage an der Iburger Straße. Und dem Karikaturisten Fritz Wolf bleibt ein Innenhof zwischen dem Markt und der Lortzingstraße direkt neben dem Platz des Westfälischen Friedens.

Kommentar
Neue Adresse

Hans Calmeyer und Adolf Reichwein sind klar im Vorteil. Sie haben nicht nur ein Straßenschild bekommen, sondern auch eine Bushaltestelle. Das macht ihre Namen bekannter als die anderer Plätze, die aus Rücksicht auf die Anwohner in keinem Zustellerverzeichnis auftauchen.

Ein Platz wird also erst wahrgenommen, wenn er als Adresse dient. Nun könnte der Rat ja beschließen, dass die Städtischen Bühnen ihren Briefkopf ändern und den Postboten ebenso wie ihre Besucher zum Platz der Deutschen Einheit 1 statt zum Domhof 10/ 11 bitten. Die Volkshochschule würde sich künftig am Platz der Städtebotschaften verorten, die Stadtbibliothek am Platz des Westfälischen Friedens. Und die Bundesagentur für Arbeit könnte dem Beispiel folgen, damit dem Willy-Brandt-Platz mehr Aufmerksamkeit zuteilwird.

Jetzt noch ein Tipp an Politiker, die mit dem Gedanken spielen, einem Ereignis oder einer Persönlichkeit den nächsten Platz in der Innenstadt zu widmen. Einmal kurz Luft holen und nachdenken: Ist der Gegenstand des Gedenkens wirklich so gewichtig? Wenn ja, sollten sie sich nicht scheuen, eine vorhandene Straße umzubenennen und den Konflikt mit den Anwohnern auszuhalten. Auf die Adressen kommt es an. Je mehr, desto besser!
Autor:
Rainer Lahmann-Lammert


Anfang der Liste Ende der Liste