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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Überschrift:
Ein Handwerksmeister unter Bauern
Zwischenüberschrift:
Der Weitkampweg in Schinkel-Ost erinnert an den Lohgerberamts-Gildemeister
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Die alten Höfe in Schinkel-Ost haben ihren Niederschlag auf Straßenschildern gefunden. Boltenweg, Entrupweg und Ruppenkampstraße verweisen auf das bäuerliche Erbe. Gleich um die Ecke stößt man auf den nach einem Handwerksmeister benannten Weitkampweg. Wie kommt er dahin? Bis 1972 hieß er noch Wellmannsweg, nahm also Bezug auf den Hof Wellmann. Doch mit der Eingemeindung Voxtrups musste ein neuer Name gefunden werden, denn in Voxtrup gab es bereits einen Wellmannsweg neben den Wellmannswiesen und dem Wellmannsbruch.

Als Namenspatron stand Georg Rudolph Weitkamp (1797–1863) bereit. Er ist Namensgeber der Lohgerberei Weitkamp in der Johannisstraße 108, aus der in späteren Generationen die Lederfabrik und der Ledergroßhandel wurden. Daneben bekleidete Weitkamp das quasi-öffentliche Amt des Lohgerberamts-Gildemeisters. Das war ein Wahlamt. Der Mann, den die selbstständigen Lohgerber aus ihren Reihen dazu erkoren, ihren Stand nach innen und außen zu vertreten, musste schon etwas darstellen, fachlich kompetent und in der Lage sein, sich Gehör zu verschaffen.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es in Osnabrück 27 Gerbereien. Die Aufbereitung der Tierhäute zu gebrauchsfähigem Leder war eine aufwendige Arbeit, die Mensch und Umwelt belastete. Nachdem der Lohgerber die Fleischreste und Fette auf dem Schabebaum vom Balg entfernt hatte, erfolgte das sogenannte Äschern mit Kalk in der Äschergrube, wodurch sich die Haare vom Balg lösten und in einem zweiten Schabegang entfernt werden konnten. Dann wurden die Kuhhäute in den Lohgruben aufeinandergelegt, wobei zwischen jede Haut Eichenlohe (zerkleinerte Baumrinde) gestreut wurde.

Wenn die drei Meter tiefe Lohgrube voll war, wurde sie mit Wasser gefüllt und mit Findlingen beschwert. Weitkamp hatte acht Lohgruben, in denen die Häute ein Jahr oder länger lagerten, bevor sie zu Pferdegeschirr-, Stiefel- und Kofferleder weiterverarbeitet werden konnten. In dem separaten Gerbstofflager zerkleinerte eine Lohmühle die tanninhaltigen Baumrinden zu feinem Lohmaterial, das für die pflanzliche Gerbung benötigt wird und dem Leder die hellbraune Farbe gibt.

Georg Rudolph Weitkamp kam 1797 auf dem Stammhof der Weitkamps in Gaste zur Welt. Mit ihm fing die Geschichte nicht an, sondern er repräsentiert bereits die neunte im Stammbaum erfasste Generation. Seine Ururenkel Klaus und Knut Weitkamp, Angehörige der 13. Generation, haben die Familienchronik weitergeführt. Sie sorgen auch für den Zusammenhalt der in Gaste, Osnabrück, Münster und in den USA verstreuten Großfamilie und wollen die Tradition der " Sippentage" fortsetzen.

Georg Rudolph war das fünfte von sieben Kindern, somit nicht erbberechtigt und " abgängig". Mit 650 Reichstalern abgefunden, ging er in Osnabrück beim Lohgerbermeister August Prins an der Großen Gildewart 11 in die Lehre. 1819 erhielt er den Gesellenbrief, in dem " drei angesehene Geschworene und Meister des löblichen Handwerks der Lohgerber" ihm bescheinigen, dass er sich " treu, fleißig, stille, friedsam und ehrlich verhalten hat, wie einem jeglichen Handwerksburschen gebühret". Es folgte die " Walz", die ihn bis nach Russland führte. Wer Meister werden wollte, musste zwei Jahre Wanderschaft nachweisen, die ihm möglichst viel Erfahrung für den späteren eigenen Betrieb einbringen sollten.

Zurück in Osnabrück, trat er in die Dienste des Gerbermeisters Johann Christian Bönkemeyer in der Johannisstraße 108. Nach vier Jahren starb der Chef. Georg Rudolph Weitkamp heiratete 1827 die Witwe, übernahm den Betrieb, führte ihn zu neuer stabiler Größe und übernahm das Amt des Gildemeisters. Weitkamp und seine Söhne hielten die Bönkemeyer-Tradition stets in Ehren. So nennt die Firma Weitkamp als ihr Gründungsdatum das Jahr 1752, als Johann Dietrich Bönkemeyer mit der Lohgerberei in der Johannisstraße anfing. Die Chronisten Klaus und Knut Weitkamp hatten das Glück, kürzlich auf einen Nachfahren der Bönkemeyer-Linie zu stoßen. Der heute in Bramsche-Epe lebende Dieter Bönkemeyer konnte viele bis dato unbekannte Details zur Firmen- und Familiengeschichte beisteuern.

Zeitsprung von Generation 9 nach Generation 12: 1945 bauen Hubert und Wilhelm Weitkamp die kriegszerstörte Gerberei an der Johannisstraße 107–109 wieder auf und weiten sie zu einer Lederfabrik aus. In den 1960er-Jahren wirft die Geruchsbelästigung, die mit der Lederproduktion zwangsläufig verbunden ist, zunehmend nachbarschaftliche Probleme auf. Die Stadt möchte den Betrieb am liebsten aussiedeln und bietet Ausweichgrundstücke im Umland an.

Doch Hubert und Wilhelm gehen nicht auf die Offerten ein. Zum einen, weil keiner aus der Generation Nr. 13 Gerber werden möchte, zum anderen, weil das Kunstleder Skai gerade in Mode gekommen ist und dem klassischen Leder große Marktanteile wegschnappt. So endet 1963 die Gerberei an der Johannisstraße und damit das Gerberhandwerk in Osnabrück insgesamt. Hubert und Wilhelm verlegen sich auf den Ledergroßhandel. " Wenn befreundete Jäger aus alter Gewohnheit ihre Sauschwarten vorbeibrachten, dann haben wir die zum Gerben nach Mettingen gegeben", erinnert sich Klaus Weitkamp.

Im Jahr 1987 endet auch der Ledergroßhandel. Huberts Söhne Knut, Klaus und Karsten lassen die zuletzt als Lagerraum verpachtete Gerberei abreißen und gestalten die Fläche als Parkplatz. Zusammen mit ihren Vettern Wilhelm, Jürgen und Ernst-Otto bauen sie die Häuser Johannisstraße 106 bis 109 zu einem Geschäftshaus-Komplex um. Wo früher Leder gegerbt und verkauft wurde, versorgen heute Arztpraxen, Anwaltskanzlei und Ladengeschäfte ihre Patienten, Mandanten und Kunden.
Bildtexte:
Die Brüder Julius (1873–1945) und Ernst Weitkamp (1870–1953) aus der Generation Nr. 11 gehörten zu den ersten Automobilisten auf Osnabrücks Straßen, hier mit ihrem De Dion-Bouton Parisienne (um 1903).
Georg Rudolph Weitkamp (1797–1863, Ölgemälde von Richard Zenke).
Lohgerber der Firma Weitkamp präsentieren die typischen Arbeitsgerätschaften ihrer anstrengenden und mit Geruchsbelästigung verbundenen Arbeit.
Der Weitkampweg in Schinkel-Ost.
Fotos:
Familienarchiv Weitkamp, Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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