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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Überschrift:
Diesel im Blut und Rostprobleme ohne Ende
Zwischenüberschrift:
Erst restaurieren, dann fahren: Verein Traditionsbus Osnabrück ist auch Sonntag wieder unterwegs
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück. Mit dem Bus zu fahren ist ja eine schöne Sache, aber einen Bus zu fahren, das muss süchtig machen. Viele Mitglieder des Vereins Traditionsbus Osnabrück steuern tagsüber einen Gelenkbus der Stadtwerke und können sich nichts Schöneres vorstellen, als am Wochenende mit einem 60 Jahre alten Büssing-Oldtimer Hochzeitsgesellschaften oder Touristen durch die Stadt zu gondeln. Sechs Busse der Jahrgänge 1955 bis 1987 stehen fahrbereit im Vereinsdepot, zwei werden gerade restauriert, und sechs Fahrzeuge warten darauf, zu neuem Leben erweckt zu werden.

Heini hat natürlich keine Servolenkung, kein Automatikgetriebe und keinen Rußfilter. Heini, das ist der Büssing 4500 T, Baujahr 1955, das älteste Stück in der Sammlung des Vereins, benannt nach Firmengründer Heinrich Büssing. Seine Blattfedern lassen jeden Insassen unmissverständlich spüren, dass die Straße aus einer Vielzahl von Unebenheiten besteht. Jeder Schlag ist Gift für Aloys Dreyers Rücken, den ihm die Ärzte vor zwei Jahren wieder " zusammengeschraubt" haben, wie er sarkastisch bemerkt. Aber der 66-Jährige hat Diesel im Blut. Und er kann es nicht lassen, sich ans Steuer des 8, 80 Meter langen Busveteranen zu setzen.

40 Jahre war er auf allen Linien der Stadtwerke unterwegs, seit 2012 ist er im Ruhestand. Und hat Zeit, die alten Schätzchen auf Vordermann zu bringen, die der Verein Traditionsbus überall in Deutschland zusammenkauft. Als gelernter Tischler war er der richtige Mann, um die Deckenverkleidungen des Büssing 4500 zu erneuern. Zwei Monate hat er dafür gebraucht, und nun steht ihre Makellosigkeit im krassen Gegensatz zu den hölzernen Sitzen mit den grünen Polsterauflagen.

Aloys Dreyer startet den Sechs-Liter-Diesel. Der Motor springt sofort an, klingt kernig und schickt zur Begrüßung eine graue Rußwolke aus dem Auspuff. Kupplung treten ganz ohne Hydraulik, das kostet Kraft in den Beinen, Gang einlegen am hakeligen Lenksäulenhebel, das fordert eine starke Hand, Lenken ganz ohne Servounterstützung, das braucht kräftige Arme.

Warum tut sich ein Rentner so etwas an? " Ist doch ein schönes Auto!", sagt Aloys Dreyer und strahlt. Schon als Kind wollte er Busfahrer werden, und die Begeisterung hat während seiner aktiven Jahre nicht nachgelassen. Aber während sich ein moderner Bus " wie ein Auto" bewegen lässt, macht der körperliche Einsatz die Fahrt mit Heini zum Erlebnis.

82 Stundenkilometer soll der knapp sieben Tonnen schwere Dieselveteran laut Kraftfahrzeugschein schaffen. Damit ist er deutlich schneller als ein Stadtbus von heute. Theoretisch. " Mehr als 60 darf man damit nicht fahren!", bremst Aloys Dreyer vorsorglich die Erwartungen. Vollgas widerstrebt ihm. Wenn er den Büssing zum Oldtimertreffen nach Stuttgart fährt, müssen die anderen Verkehrsteilnehmer auf der Autobahn sehr geduldig sein.

Flüsterbus wiederbelebt

Heini ist nicht der einzige Wagen aus dem Fahrzeugpark vom Traditionsbusverein, zu dem Aloys Dreyer eine besondere Beziehung hat. Fast zeitgleich mit ihm stellten die Stadtwerke 1973 einen Daimler Benz O 305 in Dienst. Weil der 180-PS-Motor komplett eingekapselt war, erhielt er den Ehrentitel " Flüsterbus". Genau dieser seit Langem ausgemusterte Oldie ist nach einer langen Odyssee über den Schwarzwald vor zehn Jahren wieder in Osnabrück angekommen.

Es war eine große Freude für den Verein, das Original mit dem seltenen Schaltgetriebe nach 22-jähriger Abwesenheit wieder in Osnabrück aufzunehmen, erzählt Marcel Beckmann (30), der zweite Vorsitzende vom Traditionsbus e. V. Da hatten die Hobbyschrauber das größte Stück Arbeit noch vor sich. Von " Rostproblemen ohne Ende", erzählt der Vize, und je gründlicher sie das Gefährt untersuchten, desto katastrophaler wurde der Befund.

Den Vereinsleuten blieb nichts anderes übrig, als den durchlöcherten Mercedes einer Fachwerkstatt anzuvertrauen. Und das, obwohl sie selber Spezialisten für alle Fälle haben. Zum Beispiel Thorsten Duwendag. Der 42-jährige Kfz-Mechaniker arbeitet seit 26 Jahren in der Buswerkstatt der Stadtwerke. Nach Feierabend widmet er seine Zeit den Oldtimern des Vereins. " Alte Autos sind einfach schöner", sagt er mit breitem Grinsen, " und die Technik lässt sich leichter reparieren!"

Sein Kollege Robert Flottemersch, der als Karosseriebauer die kleinen oder großen Missgeschicke ausbügelt, die einem Stadtbusfahrer unterlaufen können, sieht es genauso. " Das war schon immer mein Hobby", erzählt der 52-Jährige. " Heute ist alles aus Kunststoff, Sandwich-Bauweise wenn man da drankommt, fliegt alles auseinander. Damals gab es nur eine Beule!" Robert Flottemersch hat auch selber einen Busführerschein: " Wenn man über Jahre etwas restauriert hat, ist es ein Highlight, damit zu fahren!"

Umgekehrt gibt es auch Busfahrer und sogar Busfahrerinnen, die gerne einen Montierhebel oder eine Zange in die Hand nehmen: Silke Borkowsky (47), die tagsüber für die Stadtwerke-Tochter Osnabus unterwegs ist, schraubt gerne an den Oldtimern herum.

Jeden Mittwoch treffen sich die Freunde der großen Autos in ihrer Werkstatt am Bahnübergang der Atterstraße. Auch die Halle hat eine bemerkenswerte Geschichte hinter sich. 1949 wurde sie von den Stadtwerken als Depot für die Obusse gebaut. Ein Betonmast für die Oberleitung zeugt noch von der E-Mobilität der Nachkriegsjahre. Für den Verein war es ein Glücksfall, dass er das historische Gebäude vor zehn Jahren übernehmen konnte.

Ölspur durch die Stadt

Da stellt sich die Frage, wie die 80 Mitglieder vom Taditionsbus e. V. das Geld für ihre Miete und ihre Fahrzeuge aufbringen. Mit ihren Monatsbeiträgen ließe sich das nicht stemmen, aber der Verein unterhält ja kein Museum, sondern einen Fahrbetrieb, und der spült Geld in die Kasse. Zum Beispiel für Stadtrundfahrten, Landfrauenausflüge, Jubiläumsfeiern und Kaffeefahrten. Am Sonntag sind die Oldies beim Tag des offenen Denkmals am Piesberg unterwegs. Sogar die Stadtwerke greifen bei besonderen Anlässen auf die Unterstützung der Veteranenvereinigung zurück. So kommen, alles in allem, knapp 200 Touren pro Jahr zusammen, rechnet Gertrud Krampf vor, die für die Buchführung zuständig ist.

Natürlich kommt es da auch schon mal zu Pannen. Heini, der Uralt-Büssing, zog einmal eine Ölspur durch die halbe Stadt. Da musste großflächig ein Bindemittel ausgeschüttet werden. Und vor einem Jahr blieb der Büssing Präfekt von 1968 mit einer Hochzeitsgesellschaft auf dem Weg nach Ibbenbüren einfach stehen. " Das sind Oldtimer!", sagt Vereinsvize Marcel Beckmann entschuldigend. Die Stadtwerke sprangen mit einem modernen Bus ein und retteten das Brautpaar und den Verein aus der Bredouille.

Historische Busse und Bahnen: Weitere Berichte und viele Fotos finden Sie auf noz.de
Bildtexte:
Mit Heini raus ins Grüne: Aloys Dreyer am Steuer des Büssing 4500 T, den alle Heini nennen.
In seinem Element: Aloys Dreyer im Büssing 4500 T.
Dauerbaustelle: Auch beim MB O 305 mit der Wagennummer 13 gibt′s noch viel zu tun.
Mit vereinten Kräften: Thorsten Duwendag und Robert Flottemersch nehmen sich die Achse vor.
Wer erinnert sich noch an die orangefarbenen Plastiksitze? So sah es mal im Bus MAN SG 240 H aus.
Vor der Ausfahrt mit dem Büssing 4500 T kontrolliert Stephan Stobbe den Ölstand.
Der Mann an der Achse: Thorsten Duwendag bei der Arbeit.
Zum Ausschlachten: Das Wrack des MB O 305 dient als Ersatzteilspender für den Wagen 13.
Haltestelle Atterstraße: Die Werkstatt der Oldtimer-Freunde aus dem Jahr 1949 diente ursprünglich als Obus-Depot.
Mit der Verlängerung löst Silke Borkowsky eine Radmutter am MAN-Gelenkbus
Thorsten Duwendag vom Verein Traditionsbus Osnabrück in der Grube.
Ein schöner Rücken kann auch entzücken. Der Büssing-Oldtimer.
Immer das Fahrtziel vor Augen: Marcel Beckmann an der Rollzielbandanzeige.
Fotos:
Jörg Martens

Traditionsbus Osnabrück e.V.

Den Verein Traditionsbus gibt es seit zehn Jahren. Er hat 80 Mitglieder zwischen 15 und 81 Jahren, von denen 25 regelmäßig aktiv sind. Seit 2005 steht dem Verein die ehemalige Obushalle an der Atterstraße zur Verfügung. Sechs historische Busse der Jahrgänge 1955 bis 1987 sind fahrbereit und können für Ausflugsfahrten gebucht werden. Zwei Fahrzeuge werden gerade restauriert, sechs weitere wollen sich die Bus-Enthusiasten erst noch vornehmen. Weitere Informationen im Internet unter www.tbo-test.de.
Autor:
Rainer Lahmann-Lammert


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