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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Wehrmachtsausstellung schockte die Nation
Zwischenüberschrift:
Wie wird die umstrittene Schau heute gesehen? Antworten gibt es am 9. September in der Volkshochschule
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. In Saarbrücken explodierte ein Sprengsatz, in Kiel lieferten sich Gegner und Befürworter Straßenschlachten, und wütende Proteste gab es fast in jeder deutschen Stadt, wo die Wanderausstellung über Verbrechen der Wehrmacht Station machte. Auch in Osnabrück spielten sich vor 16 Jahren unschöne Szenen ab, als ein Demonstrationszug der NPD-Jugend von 1000 linksautonomen Gegen demonstranten angegriffen wurde. Drei verletzte Polizeibeamte, zwei verletzte Demonstranten und erhebliche Sachschäden waren zu beklagen, 20 linke und ein rechter Gewalttäter wurden vorübergehend festgenommen.
Was im Rückblick aber sicherlich mehr zählt: 34 000 Menschen besuchten die Ausstellung " Vernichtungskrieg. Die Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944", die im September und Oktober 1999 im Kulturgeschichtlichen Museum gezeigt wurde. " Für Osnabrück war das eine ganz erstaunliche Zahl", sagt Ausstellungsmacher Hannes Heer im Rückblick, " zum Beispiel hatte die Millionenstadt München nur etwas mehr als das Doppelte." Woran lag es? " An dem intensiven Begleitprogramm durch die VHS und das Museum", ist Heer sich sicher.
" Vermutlich haben uns auch die Skandalisierung und das teils auf der Straße ausgetragene Pro und Kontra geholfen", sagt der damalige Organisator der Ausstellung und heutige Geschäftsführer der VHS, Carl-Heinrich Bösling.
Kaum einer verließ die Ausstellung oder eine der mehr als 90 Begleitveranstaltungen unberührt, mancher tief empört über die " Nestbeschmutzung" und die " pauschalierte Verleumdung" aller Wehrmachtssoldaten, die Mehrheit aber wohl aufgewühlt angesichts der dargestellten Kriegsverbrechen, die im deutschen Namen von ganz normalen Soldaten begangen worden sind. Nur zu gern hatte man vorher geglaubt, dass der Holocaust, Partisanenerschießungen und ähnliche Gräueltaten nur auf das Konto von SS, Gestapo und anderen Sondereinheiten gingen, die reguläre Truppe aber einen " anständigen Krieg" in Übereinstimmung mit der Haager Landkriegsordnung geführt habe.
Nun wurde auch im Osnabrücker Land die Diskussion darüber angestoßen, ob dieser " Nachkriegsmythos der sauberen Wehrmacht" von der Geschichtsforschung inzwischen widerlegt sei, ob man den gezeigten Bildern und Texten tatsächlich trauen könne.
Was ist von den damals geführten Diskussionen hängengeblieben? Wie hat sich die Sicht der Deutschen auf die Kriegführung besonders im Osten weiterentwickelt? Welchen Einfluss haben " Dokutainment"- Sendungen wie die von Guido Knopp im ZDF oder der TV-Mehrteiler " Unsere Mütter, unsere Väter" auf unser heutiges Geschichtsverständnis? Gerade letztgenannte Produktion stand in Polen, Russland, aber auch in Deutschland in der Kritik. Der Vorwurf: Sie habe die deutschen Hauptpersonen glorifiziert, sow jetische Soldaten aber als durchweg unmenschlich dargestellt und damit die Verbrechen der Wehrmacht an der Ostfront verdeckt.
Die VHS lädt in Kooperation mit dem Kulturgeschichtlichen Museum alle interessierten Osnabrücker zu einer Vortrags- und Diskussionsveranstaltung am kommenden Mittwoch, 9. September, 19.30 Uhr, in den Vortragssaal der VHS ein. Der Historiker Hannes Heer, der die von Jan Philipp Reemtsma und dessen Hamburger Institut für Sozialforschung finanzierte Ausstellung vor 20 Jahren leitend konzipierte, wird den einführenden Vortrag halten.
Heer wird dabei auf die Rezeptionsgeschichte der Ausstellung eingehen, die in 34 Städten fast eine Million Menschen anzog und nicht nur in Osnabrück auch Kritik zu hören bekam. So hatte etwa der polnische Historiker Bogdan Musial falsche Orts- und Zeitangaben unter manchen Bildern bemängelt und was wohl am schwersten wog die unzutreffende Zuordnung einer Anzahl erschossener Polen als Opfer deutscher Soldaten. In Wirklichkeit sei die sowjetische Geheimpolizei NKWD dafür verantwortlich gewesen.
Diese und andere von fachlicher Seite geäußerte Kritik bewog Reemtsma damals, die Ausstellung nach ihrer Station in Osnabrück nicht weiter touren zu lassen, sondern nach Hamburg zurückzuholen und von einer international besetzten Historikerkommission begutachten zu lassen. Die kam zu dem Ergebnis, dass der Ausstellung außer einer geringen Zahl von redaktionellen Unzulänglichkeiten nichts vorzuwerfen sei. Es lägen keine Fälschungen vor, die Kernaussagen träfen uneingeschränkt zu. Dennoch entschied Reemtsma Anfang 2000, die vorhandene Ausstellung nicht zu überarbeiten, woraufhin es zum Zerwürfnis kam. Reemtsma beauftragte nicht Heer, sondern ein anderes Team mit der Konzeption einer neuen Ausstellung. Die konnte nach Ansicht von Bösling nicht an die Wirkmächtigkeit der ersten Ausstellung anknüpfen.
" 20 Jahre Wehrmachtsausstellung": Vortrag und Diskussion mit Hannes Heer, dem damaligen wissenschaftlichen Gestalter der Ausstellung, am Mittwoch, 9. September, 19.30 Uhr, im Vortragssaal der VHS, Bergstraße 8. Eintritt frei.
Bildtexte:
Auf einen NPD-Protestaufmarsch reagierten Aktivisten aus dem linken Spektrum mit einer Gegendemo. Kleines Foto: Osnabrücker Schüler besuchen am 7. September 1999 die umstrittene Ausstellung.
Hannes Heer
Archivfotos:
Jörg Martens, Thomas Osterfeld, Horst Rudel
Autor:
Joachim Dierks


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