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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Anna Marquard half 1000 Kindern auf die Welt
Zwischenüberschrift:
Straße erinnert an Hastes unerschrockene Hebamme
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Nach der Befreiung 1945 war das Leben in Haste besonders gefährlich. Die britische Besatzung hatte 10 000 ehemalige Kriegsgefangene und Zwangs arbeiter aus Stadt und Land in der Winkelhausen-Kaserne zusammengezogen, um sie von hier aus in ihre Heimatländer zurückbringen zu können. Doch zuvor entlud sich ihr Hass gegen die wehrlose Zivilbevölkerung. Plünderungen, Raubüberfälle bis hin zu Mord und Totschlag waren an der Tagesordnung. Die meisten Deutschen machten einen großen Bogen um das Auffanglager in der Netterheide. Nicht so Anna Marquard.
Wenn die Lagerleitung nach der Hebamme rief, setzte Anna Marquard sich aufs Fahrrad, hängte ihr Köfferchen mit dem Geburtshilfebesteck an den Lenker, zündete die Karbidlampe an und radelte allein und ungeschützt auf das Kasernengelände. Man krümmte ihr kein Haar. Die Polen und Russen kannten Schwester Anna. Sie waren froh, dass sie von ihr routinierte Hilfe bekamen. Denn auch im Lager wurde gelebt, geliebt und geboren ein großer Teil der sogenannten Displaced Persons, wie die Alliierten die Verschleppten und Versklavten des Krieges nannten, blieb bis 1947. Oftmals mit Geschenken entlohnt, radelte Anna Marquard aus dem Lager zurück zu ihrem Haus Bramstraße 38. Ihre Erfahrungen mit den ehemaligen Zwangsarbeitern waren das genaue Gegenteil dessen, was viele andere Haster in Erinnerung behalten haben.
Einer, der von Anna Marquards gutem Ruf profitierte, ist ihr Enkel Friedel Wallenhorst. Der pensionierte Sportlehrer erinnert sich, dass Pastor della Valle die Glocken der Christus-König-Kirche läuten ließ, wenn wieder eine marodierende Bande gesichtet wurde als Warnung, damit die Kinder und insbesondere die heranwachsenden Töchter in Sicherheit gebracht werden konnten. " Uns ist aber nie etwas passiert", sagt Wallenhorst, " weil man unser Haus kannte."
Anna Marquard wurde am 30. November 1878 als Anna Piepmeyer in Schinkel geboren. Auf der Hebammen-Lehranstalt St. Irminen in Trier erhielt sie ihre Ausbildung. In den fast 50 Jahren ihres Wirkens half sie etwa 1000 Kindern aus Haste, Pye und Rulle auf die Welt. Anna Marquard selbst hatte acht Kinder: zwei von ihrem ersten Mann Hermann Stallhof und sechs mit ihrem zweiten Mann, dem Postsekretär Adolf Marquard. Wie im NS-Staat üblich, wurde ihr 1938 das " Ehrenkreuz der deutschen Mutter" verliehen, und zwar die zweite Stufe in Silber. Sie war für Mütter von sechs oder sieben Kindern vorgesehen. Offenbar zählte man bei Anna die Kinder aus erster Ehe nicht mit, denn ab acht Kindern war eigentlich die erste Stufe in Gold fällig.
Der Haster Chronist Wido Spratte wohnte im Nachbarhaus Bramstraße 36. Er schildert Anna Marquard als eine sehr angesehene, fromme Frau, die vollständig in ihrem Beruf aufging. Entsprechend wenig Zeit blieb ihr für den eigenen Haushalt. Da hatte sie viele Pflichten an ihre älteren Kinder übertragen.
Frühere Angelaschülerinnen werden Marquards Haus Bramstraße 38 kennen, weil sie dort Süßigkeiten und Ersatz für ihre abgebrochenen Buntstifte kaufen konnten. Anna Marquards Schwiegertochter Mathilde betrieb dort ein Schreibwarengeschäft. Heute befindet sich in den Räumen ein kieferorthopädisches Labor.
In den Nachkriegsjahren, die ihr bis zu ihrem Tod mit 73 Jahren am 4. Oktober 1952 verblieben, fuhr Anna Marquard häufig zusammen mit dem Haster Hausarzt Hermann Moormann in dessen VW-Käfer zu den Wöchnerinnen im Umland, um ihnen beizustehen. Die beiden waren, so würde man es heute nennen, ein gutes Team. Von daher war es eine sehr weise Entscheidung des Stadtrats, in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander zwei Straßen im Neubaugebiet nördlich der Gartenbauschule nach Hermann Moormann und Anna Marquard zu benennen.
Bildtext:
Anne Marquard (1878 bis 1952).
Foto:
Archiv/ Marquard
Autor:
Joachim Dierks


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