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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Überschrift:
Neue Heimat für die Fingerwurz
Zwischenüberschrift:
Bedrohte Orchideen von der Autobahn in den Botanischen Garten umgesiedelt
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück. Neue Heimat für geschützte Orchideen: Mitarbeiter des Botanischen Gartens Osnabrück und der Biologischen Station des Kreises Steinfurt haben gemeinsam Dutzende seltene und bedrohte Orchideen umgesiedelt. Ein Teil der Pflanzen hat eine sichere Bleibe in den Gewächshäusern des Botanischen Gartens der Universität am Westerberg gefunden.

Autobahnen fressen Landschaft. Und lassen trotzdem manchmal besondere Lebensräume entstehen: zum Beispiel unter den Talbrücken südlich des Autobahnkreuzes Lotte/ Osnabrück. Hier gedeiht das Breitblättrige Knabenkraut. Die geschützte und auch als Fingerwurz bekannte Orchideenart mag es gerne karg und etwas feucht. Und verabscheut Dünger zutiefst. Unter den Talbrücken bei Leeden hat sie sich erfolgreich ausgebreitet. Seit über 20 Jahren gedeihen die Orchideen hier.

" So große Bestände sind extrem selten", erläutert Hartmut Storch von der Biologischen Station. Aber es droht Ungemach: Die Autobahn frisst wieder Landschaft und gefährdet den Bestand. Was also tun? Der Landesbetrieb Straßen NRW und die Biologische Station des Kreises Steinfurt wandten sich in diesem Fall an den Botanischen Garten der Universität Osnabrück.

Osnabrück? Dass die Wahl nicht auf Münster fiel, hat Gründe: Das Knabenkraut, 1994 zur " Blume des Jahres" gekürt, gehört zu den 15 gefährdeten Wildpflanzen, um deren Schutz und Erhalt sich im Rahmen des von der Bundesrepublik geförderten WIPs-DE-Projekts fünf botanische Gärten kümmern.

WIPs-DE: Die Abkürzung steht für Wildpflanzenschutz Deutschland. Der Botanische Garten Osnabrück ist nicht nur mit dabei, er hat auch die Gesamtleitung für das 2014 gestartete Projekt übernommen. Klar, dass Direktorin Sabine Zachgo die Umsiedlung der gefährdeten Orchideenart von der Autobahn an den Westerberg befürwortete. Mitarbeiter des Botanischen Gartens und der Biologischen Station machten sich Ende Juli auf dem Weg zur Talbrücke und gruben rund 150 Pflanzen, etwa die Hälfte des Gesamtbestandes, aus. Kein Job für Schreibtisch täter: Mindestens spatenbreit und spatentief werden die Erdballen rund um die fingerartigen Wurzelknollen ausgestochen. Viel Erde für ein bisschen Pflanze. Aber da ist nun mal diese Sache mit dem Mykoorrhiza-Pilz: Der Fingerwurz-Samen enthält kein Nährgewebe, er kann nur mithilfe dieses speziellen Wurzelpilzes keimen.

Zwei Drittel der Pflanzen haben die Helfer auf zwei nahe gelegene Wiesen wieder eingesetzt. Wo genau, darüber breitet Hartmut Storch den Mantel des Schweigens. Schließlich ist die Fingerwurz geschützt. Ob sie am neuen Standort angehen wird? Bislang sieht es gut aus. " Wir werden das in den kommenden Jahren aber beobachten", betont Storch.

Rund 50 Knabenkräuter haben eine neue Heimat im Botanischen Garten Osnabrück gefunden. " Als Back-up", betont Dr. Peter Borgmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter des WIPs-DE-Projekts. Die " Erhaltungskultur" wird in den kommenden Jahren gehegt und gepflegt, falls es bei den in der Natur verbliebenen Umsiedlern oder anderen Beständen zu Ausfällen kommt.

Samen eingefroren

Die Samen werden zudem in der Saatgut-Gendatenbank aufbewahrt. Dazu muss eine Fremdbestäubung vermieden werden. Denn das Knabenkraut, so hätte es wohl Fürstin Gloria von Thurn und Taxis früher mal formuliert, " schnackselt gern". Und " hybridisiert" dabei auch mit anderen Arten.

Die Samen werden bei minus 18 Grad Celsius tiefgefroren. Wie lange bleiben sie keimfähig? Genau lasse sich das nicht sagen, erläutert Borgmann. Sicher sei, dass die Keimfähigkeit mit der Zeit abnehme. Und noch eins ist ungewiss: Die Förderung des WIPs-DE-Projekts ist auf fünf Jahre begrenzt. Nicht viel Zeit, um Samen und Sporen zu sammeln und in Genbanken unter Tiefkühlbedingungen zu lagern oder Pflanzen wieder anzusiedeln. Immerhin: Die Zusammenarbeit zwischen Straßenbaubehörde, Biologischer Station und dem Botanischen Garten hat gut geklappt.

Vielleicht liegt das aber einfach daran, dass den wie Fingern geformten Knollen übersinnliche Kräfte zugeschrieben wurden. Glück für die Pflanzen, Pech für Wundergläubige: Der Johannistag, an dem eine mittags aufgelegte Wurzel angeblich kranke Körperteile heilen kann, war am 24. Juni.
Bildtexte:
Mitarbeiter des Botanischen Gartens Osnabrück und der Biologischen Station des Kreises Steinfurt haben gemeinsam Dutzende selten und bedrohte Orchideen von der Autobahn in Gewächshäuser umgesiedelt. Spatenbreit und spatentief wurden die Erdballen rund um die fingerartigen Wurzelknollen ausgestochen.
Unter den Talbrücken südlich des Autobahnkreuzes Lotte/ Osnabrück gedeiht das Breitblättrige Knabenkraut. Die geschützte und auch als Fingerwurz bekannte Orchideenart mag es gerne karg und etwas feucht.
Ungefähr 150 Pflanzen gruben die Orchideen-Retter aus und brachten sie in Sicherheit.
Fotos:
Michael Baar, Botanischer Garten
Autor:
Frank Wiebrock


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