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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Wohnparadies für mittlere Beamte
Zwischenüberschrift:
Die Beethovenstraße am Westerberg hat ihre bauliche Geschlossenheit bewahrt
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Bunter ist die Beethovenstraße im Laufe der vergangenen 87 Jahre schon geworden. Damit ist nicht der Wechsel vom Schwarz-Weiß- zum Farbfoto gemeint, sondern das heute variantenreiche Farbspiel der Dächer, der Putz- und Verblendklinkerfassaden und natürlich die vielen Farbtupfer in den Vorgärten, die 1926 gerade erst frisch angelegt waren und folglich noch etwas karg daherkamen. Was die Hausformen angeht, hat sich hingegen fast nichts verändert.

Und das ist gut so. Die Beet hovenstraße am Südwesthang des Westerbergs gehört zu den wenigen Beispielen einer Siedlungsstraße wie aus einem Guss, die für das " ehrliche und sachliche Bauen" in der Weimarer Republik steht und den Bombenkrieg unbeschadet überstanden hat. Die Stadt hat daher die ganze Straße unter den Schutz einer Erhaltungssatzung gestellt. Die Hauseigentümer dürfen nur sehr behutsam renovieren. Das ist vor 30 bis 40 Jahren nicht immer der Fall gewesen. Aber die Sanierungen der letzten Zeit zeugen von einem großen Verantwortungsbe wusstsein der privaten Bauherren, die optische Geschlossenheit nicht zu verletzen.

Das Bewusstsein, Bewahrer einer besonderen Bautradition zu sein, schweißt offensichtlich zusammen. Anwohner wie Elke Schäfer oder Corinna Tepe berichten von einem guten nachbarschaftlichen Miteinander. Wenn runde Jahrestage der offiziellen Fertigstellung zu feiern sind, wie zuletzt der 85. Geburtstag der Straße im Jahr 2012, gibt es ein Straßenfest. Dabei kommt der Gemeinsinn nicht zu kurz: Das Organisationsteam sammelte für die Osnabrücker Krebsstiftung und brachte eine Spende von 1500 Euro zusammen.

Das alte Bild zeigt sehr schöne Differenzierungen in der Einheitlichkeit. Traufenständige Doppelhäuser und giebelständige Einzelhäuser wechseln einander ab. Die Zaungestaltung ist einheitlich, die Eingangstor-Durchlässe sind mal mit Rundbogen, mal gerade ausgeführt. Architekt und zugleich auch Bauleiter war Lothar Gürtler, der zwischen 1915 und 1934 ein gefragter und sehr produktiver Architekt war. Er entwarf unter anderem die Friedenskirche an der Klöntrupstraße in Osnabrück und in Ostercappeln die Pauluskirche. Sein Auftraggeber für die Häuser in der Beethovenstraße war der Heimstättenverein Osnabrück (HVO).

Der HVO war 1919 zunächst als genossenschaftlicher " Beamten-Wohnungsverein" mit dem Ziel gegründet worden, in der großen Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg den mittleren Beamten bezahlbares Wohneigentum zu verschaffen und daneben auch Mehrwohnungshäuser " zum Vermieten an weniger bemittelte Kollegen in unserer Stadt" zu erstellen. Im Jahr nach der Gründung öffnete sich der Verein für alle Bevölkerungsgruppen, was aber nichts daran änderte, dass die meisten Mitglieder Beamte waren.

Schon im November 1919 gelang dem nebenamtlich tätigen Vorstandsvorsitzenden, Regierungsrat Heinrich Greve, ein ausgesprochener Coup: Er kaufte dem Domänenfiskus ein zehn Hektar großes Gelände am Südwestabhang des Westerbergs zum Preis von einem bis drei Mark pro Quadratmeter ab. Nur mal so zum Vergleich: Das ist der Grund und Boden, für den heutzutage Osnabrücker Spitzenpreise von bis zu 700 Euro bezahlt werden. Nachdem der südliche Westerberg um Straßburger Platz und Belfort-Platz ab etwa 1870 für den Wohnungsbau erschlossen war, galt der westlich davon gelegene Bereich bis in die 1920er-Jahre hinein als total abgelegen. Der Lieneschweg war ein durch Gartenland führender Heckengang er musste erst einmal für Fuhrwerksverkehr hergerichtet werden, bevor an die Erschließung des Baugebiets " Siedlung am Westerberg" zu denken war.

Aus einflussreichen Bevölkerungskreisen regte sich zudem Widerspruch: Würde nicht vom Edinghäuser Weg, dem Kammweg des Westerbergs aus der Blick auf die Berge des Teutoburger Waldes durch die geplante Bebauung verschandelt? Eine Kommission aus Mitgliedern der Stadtverwaltung, des Bürgervorsteherkollegiums und des Dürerbundes begab sich zum Ortstermin auf den Berg und befand: Nein, die geplante zweieinhalbgeschossige Bauweise würde nicht stören.

Der HVO hatte die richtige Nase bewiesen. Obwohl scheinbar abgelegen, war die Nachfrage enorm. Die ersten Bauplätze mussten unter 500 Bewerbern verlost werden. Zwischen 1925 und 1928 entstanden im Musikantenviertel an Beethovenstraße, oberem Lieneschweg, oberer Mozartstraße, Richard-Wagner-Straße, Händelstraße und Schubertstraße insgesamt 104 Eigenheime mit 172 Wohnungen, dazu 14 Mietshäuser mit 44 Wohnungen. Kaufanwärter mussten nur 1000 Mark Eigengeld aufbringen, der Rest wurde durch Hypotheken, Arbeitgeber- und Hauszinssteuerdarlehen finanziert. Sonderwünsche wie Zentralheizung oder Rollläden waren allerdings zusätzlich vom Bauherrn vorzufinanzieren.
Bildtexte:
Um 1926 war der erste Bauabschnitt der Beethovenstraße fertiggestellt. Der Fotograf Rudolf Lichtenberg hat die Perspektive von der Einmündung in die Mozartstraße nach Osten hin gewählt. Das auf der falschen Straßenseite geparkte Cabrio dürfte ihm gehören.
Mehr Farbe bietet die Straße heute in jeder Hinsicht. Die Architektur der Häuser ist jedoch bewahrt worden.
Fotos:
Archiv Museum Industriekultur/ Lichtenberg, Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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