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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Gift aus dem Schaum im Grundwasser
 
Gift im Löschschaum: Jetzt wird saniert
Zwischenüberschrift:
Nach dem schweren Bahnunglück von 2002 will die Bahn das Grundwasser von PFT befreien
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück. Es war der größte Feuerwehreinsatz der vergangenen Jahrzehnte in Osnabrück. Am 16. Februar 2002 brannte östlich der Schellenbergbrücke ein Kesselwagen aus, der zuvor entgleist war. Die im Stahltank enthaltene Chemikalie Acrylnitril geriet in Brand und erleuchtete den Nachthimmel über dem Fledder. Mit 14 Tonnen Löschschaum konnten die Feuerwehren eine Explosion verhindern. Der Schaum erweist sich jetzt als Problem, weil der darin enthaltene Wirkstoff PFT äußerst gefährlich für Mensch und Umwelt ist. Große Mengen davon sind bei dem Feuerwehreinsatz versickert. Jetzt muss das Grundwasser vom PFT befreit werden eine aufwendige Prozedur, auf die sich auch schon einige Flughäfen einlassen mussten. In Osnabrück kommt die Bahn für die Grundwassersanierung auf.

Osnabrück. 14 Tonnen Löschschaum brauchte die Feuerwehr im Februar 2002, um die Flammen zu ersticken, die östlich der Schellenbergbrücke aus einem entgleisten Kesselwagen schlugen. Damals war noch nicht bekannt, wie schädlich das im Schaum wirksame PFT für Mensch, Tier und Umwelt ist. Weil große Mengen des Gifts versickert sind, muss das Grundwasser jetzt aufwendig gereinigt werden. 2016 soll die Sanierung beginnen. Die Kosten trägt die Deutsche Bahn AG.

Perfluorierte Tenside (PFT) gibt es nicht nur im Löschschaum. Sie sind die entscheidende Zutat, die Teflonpfannen fettabweisend macht oder Outdoor-Jacken atmungsaktiv werden lässt. Weil diese organischen Verbindungen chemisch absolut stabil sind, galten sie bei der Brandbekämpfung lange Zeit als unersetzlich. In der Natur kommen solche Stoffe nicht vor, von biologischen Abbauprozessen bleiben sie unbehelligt.

Inzwischen habe sich die Substanz über den gesamten Erdball ausgebreitet, sagt Detlef Gerdts, der Leiter des Fachbereichs Umwelt und Klimaschutz der Stadt Osnabrück. Selbst in den Lebern von Eisbären am Nordpol lasse sich das Gift heute nachweisen. Schon in minimalen Konzentrationen könne PFT Leber-, Nieren- und Schilddrüsenerkrankungen hervorrufen, Blasen- oder Prostatakrebs auslösen und die Fruchtbarkeit weiblicher wie männlicher Säugetiere einschränken.

Als der mit 64 Tonnen Acrylnitril beladene Kesselwagen am 16. Februar 2002 lichterloh brannte, hatten die Feuerwehren keine andere Wahl, als mit Schaum zu löschen. Dass der Löschschaum seine Wirkung einer problematischen Chemikalie verdankt, war damals wenig bekannt. Inzwischen wurde der PFT-Anteil reduziert.

Viele Flughäfen betroffen

Neue Analyseverfahren trugen in den Folgejahren dazu bei, die Wirkung von PFT zu problematisieren. So stellte sich bei genauerem Hinsehen heraus, dass an vielen Flughäfen das Grundwasser PFT-verseucht ist. Bei kritischen Landungen wird vorsorglich ein Teppich aus Löschschaum auf die Piste gesprüht. Inzwischen hat an einigen Airports die Sanierung begonnen.

In Osnabrück nahm der Fachbereich Umwelt und Klimaschutz systematisch die Orte unter die Lupe, an denen mit Schaum gelöscht wurde. An der Unglücksstelle im Fledder stießen sie dabei auf extreme Konzentrationen. Der für das Grundwasser maßgebliche Grenzwert wurde um mehr als das 150-Fache überschritten. Das kontaminierte Areal ist so groß wie zwei Fußballfelder.

Nach jahrelangen Verhandlungen gibt die Bahn jetzt grünes Licht und das Geld für die Entschärfung der Altlast. " Der DB Netz AG liegt ein von der Stadt Osnabrück genehmigtes Sanierungskonzept vor. Dieses soll nunmehr ausgeschrieben und realisiert werden", erklärte Sabine Brunkhorst von der Pressestelle der DB in Hamburg auf Anfrage unserer Redaktion. Insider schätzen, dass die Kosten mehrere Millionen Euro betragen werden.

Die Sanierung von PFT gilt als schwieriges Unterfangen, weil sich das Gift nur mit großem Aufwand aus dem Wasser herausfiltern lässt. Bei ihren Arbeiten kommt den Fachleuten aber zugute, dass an Ort und Stelle bereits eine Grundwassersanierung stattgefunden hat. In der Unglücksnacht war Acrylnitril aus dem Kesselwagen in den Boden gesickert. 13 Sanierungsbrunnen wurden gebohrt, 45 Messstellen angelegt. Die leisten auch für die anstehende PFT-Sanierung nützliche Dienste, ebenso wie der Sockel, auf dem der Container mit der Filteranlage abgestellt wurde.

In einem Container werden auch die Apparaturen untergebracht, die das Grundwasser vom Schadstoff aus dem Löschschaum befreien sollen. Bernd Früchel, Fachdienstleiter Ordnungsbehördlicher Umweltschutz, erklärt das Verfahren: Pumpen befördern 26 000 Liter pro Stunde in den Container, wo Aktivkohlefilter das PFT zurückhalten sollen. Ein Teil des Wassers fließt zurück in den Untergrund, der Rest in die Hase.

Nach drei Jahren, so Früchel, soll eine Zwischenbilanz gezogen werden. Sanierungsziel ist ein Wert von weniger als einem Mikrogramm (Millionstelgramm) PFT pro Liter, in der Hase weniger als 0, 3. Der Spezialist für Altlasten hofft, dass dieses Ziel in zehn Jahren erreicht ist.

Osnabrücks giftiges Erbe: Mehr über Altlastsanierungen lesen Sie im Internet auf noz.de
Bildtext:
14 Tonnen Löchschaum setzten die Feuerwehren im Februar 2002 ein, um den brennenden Kesselwagen im Fledder zu löschen. Vom Gift im Löschschaum war damals nicht bekannt.
Foto:
Archiv/ Klaus Lindemann

Kommentar
Aufgepasst

Dass die Bahn das PFT-verseuchte Grundwasser im Fledder saniert, ist eine gute Nachricht. Jahrelang wurde zwischen der Stadt und der DB Netz AG verhandelt, bis sich beide Seiten auf einen öffentlich-rechtlichen Vertrag verständigten.

PFT-Sanierungen hat es zwar schon auf einigen Flughäfen gegeben, für die Bahn handelt es sich aber wohl um eine Premiere. Erst seit die Substanz 2006 in der Möhne-Talsperre nachgewiesen wurde, widmen die Fachleute ihre Aufmerksamkeit diesem Umweltgift, das zuvor mit den gängigen Analyseverfahren kaum nachzuweisen war.

In Osnabrück haben die Altlastspezialisten aus dem Fachbereich Umwelt und Klimaschutz gut aufgepasst und die richtigen Konsequenzen gezogen. So verheerend die Schäden sind, die PFT anrichten kann eine Sanierung, wie sie jetzt im Fledder zum Tragen kommt, ist alles andere als ein Selbstläufer. Leider.
Autor:
Rainer Lahmann-Lammert


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