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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Überschrift:
Mini-Gedenkstätten auf den Bürgersteigen
Zwischenüberschrift:
München lehnt die Verlegung von Stolpersteinen ab – In Osnabrück verwandelten sich Kritiker zu Paten
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Der Weg zu Stolpersteinen ist manchmal holprig in München ist er jetzt versperrt. Gedenktafeln für Opfer des Nationalsozialismus sollen dort nicht mit Füßen betreten werden. Wie stehen Akteure aus Osnabrück dazu?

Mit den Füßen soll trotz ihres Namens niemand über sie stolpern deshalb sind die würfelförmigen Betonsteine bündig in den Bürgersteig eingepflastert. Zu sehen sind aber die Messingoberflächen knapp zehn Zentimeter im Quadrat. Jede der kleinen Tafeln erinnert an ein Opfer des Nationalsozialismus und soll Passanten auf eine besondere Weise stolpern lassen: nicht mit den Füßen, dafür aber mit Kopf und Herz.

Der Kölner Künstler Gunter Demnig ist der Erfinder der Stolpersteine, mit denen er die Namen der Verfolgten, Verschleppten und Ermordeten wieder in die Gemeinden und Städte zurückbringt: Vor ihren früheren Wohnungen und Häusern befinden sich die Namen der Menschen, die dem Hass und Wahn der Nationalsozialisten zum Opfer gefallen sind als Juden, als Sinti, als Deserteure, als politische Gegner, wegen einer psychischen Erkrankung, Behinderung oder wegen Homosexualität.

268 Stolpersteine befinden sich mittlerweile in Osnabrücker Gehwegen, mehr als 50 000 in Hunderten deutschen Kommunen, viele weitere in Nachbarländern. Doch nicht überall sind sie erwünscht. Der Rat der Stadt München hat kürzlich entschieden, die Verlegung auch weiterhin zu verbieten. Dass sich die Gedenksteine unter den Schuhen der Passanten statt etwa in Augenhöhe befinden, empfinden Gegner des Projekts als Zumutung so auch Charlotte Knobloch. Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern und ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland sieht es so: Die Namen der Opfer würden mit Füßen getreten. Bei manchen Juden wecke dieses Bild Erinnerungen an Stiefeltritte, mit denen Nationalsozialisten ihre Opfer demütigten und in den Tod trieben. Vor allem deshalb, weil sich die Israelitische Kultusgemeinde gegen die Stolpersteine positioniert, entschied sich der Rat der Stadt München für andere Gedenkformen.

Michael Grünberg, Vorstandsvorsitzender der Jüdischen Gemeinde Osnabrück, zeigt sich zwar " hin- und hergerissen" von Argumenten für oder gegen Gedenksteine im Straßenpflaster. Andererseits hat er für sich eine Entscheidung getroffen: " Ich bin grundsätzlich für Stolpersteine. Deren Verlegung kollektiv zu unterlassen, finde ich nicht richtig." Über den Münchner Ratsbeschluss sagt er: " Ich will keine Kritik üben, aber ich persönlich hätte anders entschieden."

Gleichzeitig zeigte er Verständnis für die Gegner der Stolpersteine: " Sie haben recht damit, dass es bessere Möglichkeiten für das Gedenken gibt." Dass die Gedenksteine mit Füßen betreten und mit Fahrrädern befahren werden, schmutzig werden und Patina ansetzen all das finde er ebenfalls nicht schön.

Lea Mor vom Vorstand der Jüdischen Gemeinde Osnabrück zeigt sich hingegen als " große Befürworterin" der Stolpersteine. Für sie sind sie lauter " Mini-Gedenkstätten" und stets eine " sehr persönliche und individuelle Würdigung was bei einer Tafel mit 100 Namen eher weniger der Fall wäre". Sie freut sich da rüber, " wenn ab und zu ein Mensch stehen bleibt, auf dem Stolperstein den Namen liest und sich vielleicht ein paar Gedanken macht".

Lea Mor hat selber einen Stolperstein in Osnabrück finanziert und ist damit Patin einer Gedenktafel wie viele andere Privatpersonen, Verbände, Schulen und Kirchengemeinden. Auch der Initiativkreis, der die Verlegung koordiniert, stützt sich auf das Engagement der Bürger. Dessen Sprecher ist Professor Gerhard Kothmann. Auf die Entscheidung des Münchner Stadtrates angesprochen, sagt er: " Ich bedaure das." Die Frage, ob die Gedenktafeln " mit Füßen getreten" werden, sei ihm in Osnabrück noch nicht begegnet: " Die Münchner Diskussion hatten wir nicht."

Und dennoch: Am Anfang stand auch hier das Für und Wider zur Diskussion. 2004 scheiterte ein Antrag auf Stolpersteine am Veto des Kulturausschusses. 2006 stand das Vorhaben dann auf der Tagesordnung des Rates. Bürgermeisterin Karin Jabs-Kiesler (SPD) appellierte an die Politiker: " Wir sollten eine einheitliche Linie finden." Vergeblich. Zwar stimmte die Ratsmehrheit für die Verlegung der Stolpersteine, doch die CDU votierte dagegen. Die FDP enthielt sich.

CDU-Fraktionschef Fritz Brickwedde hatte damals argumentiert, die Stadt Osnabrück engagiere sich bereits " mehr als jede andere Stadt in Deutschland" für die Erinnerung an Opfer des Nationalsozialismus unter anderem mit dem Felix-Nussbaum-Haus.

Doch offensichtlich hat sich die Haltung der CDU-Fraktion gegenüber den Stolpersteinen gewandelt. Sie ist nun selber Patin eines Stolpersteins. " Und wir sind mehrfach bei Verlegungen dabei gewesen", ergänzt Fritz Brickwedde. Über das Nein der CDU im Jahr 2006 sagt er heute: " Wir haben damals den Stolpersteinen nicht die Bedeutung zugemessen, wie wir es heute tun." Seine Fraktionskollegin Brigitte Neumann engagiert sich im Initiativkreis Stolpersteine und ist als Privatperson ebenfalls Patin einer Gedenktafel. Auch sie berichtet von einem Wandel: " Am Anfang war ich skeptisch, dann neugierig, dann dafür." Sie selbst achte darauf, die Stolpersteine nicht zu betreten. " Wenn ich einen sehe, erlebe ich innerlich einen Ruck und gehe drum herum."

Thomas Thiele (FDP) würde auch heute nicht für die Verlegung von Stolpersteinen stimmen. Zwar würdigt er, dass sich unter anderem Schüler bei Verlegungen engagieren, aber den Gedenktafeln in den Bürgersteigen steht er eher kritisch gegenüber: " Es gefällt mir nicht, dass man über die Namen tritt Gedenken sollte anders aussehen." Allerdings spricht Thiele in diesem Fall nicht für seine Partei, denn Christa und Peter Rössler sind schließlich ebenfalls Paten von Stolpersteinen.

Stolpersteine in Osnabrück lesen Sie mehr: noz.de/ stolpersteine
Bildtexte:
Im Pflaster an der Kommenderiestraße: Die Gedenktafeln für Opfer des Nationalsozialismus können betreten werden was in München unangenehme Assoziationen weckt. Dort sollen keine Stolpersteine verlegt werden.
Erfinder der Stolpersteine ist Gunter Demnig. Für den Künstleer aus Köln ist aus der Idee eine Lebensaufgabe geworden.
Fotos/ Archiv:
Michael Gründel
Autor:
Jann Weber


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