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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Schöner wohnen auf altem Industriegelände
Zwischenüberschrift:
Der Ortmannweg in Schinkel erschließt das frühere Anwesen der Eisengießerei H. W. Ortmann
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Wenn man nach Spuren der Eisengießerei Ortmann (1876–1966) im Osnabrücker Telefonbuch sucht, wird man scheinbar fündig: Carsten Ortmann wohnt am Ortmannweg 16. Ein Anruf führt jedoch zu schneller Ernüchterung: Carsten Ortmann hat nichts mit der Familie der Metallfabrikanten zu tun. Oft werde er darauf angesprochen, wie er es geschafft habe, dass die Straße nach ihm benannt sei. Seine Antwort, wenn er ehrlich ist: " Nichts dergleichen, reiner Zufall. Im Übrigen hat mich der Name auch erst später eingeholt: Als ich hierhin zog, hieß die Straße noch Obergweg."

Das war nämlich das erste Ergebnis einer Namensfindung für die Siedlungsstraße, die das Baugebiet auf dem früheren Gelände der Eisengießerei erschließt. Johann von Oberg war ein streitbarer Mühlenbesitzer, der 1525 einen Aufstand gegen die Obrigkeit anzettelte. 2001 wechselte die Mehrheit im Rat der Stadt. Die CDU kippte die Namensgebung und verwies den von SPD und Grünen bevorzugten Revoluzzer in die Schranken. Stattdessen wurde die Unternehmerfamilie Ortmann zum Namenspatron bestimmt.

Was ja auch nicht ganz abwegig ist. Denn genau an dieser Stelle baute Heinrich Wilhelm Ortmann ab 1876 eine Eisengießerei mit angeschlossener Bearbeitungswerkstatt auf. Ortmann kannte sich in dem Metier aus. Er war zuvor kaufmännischer Leiter der Gießerei Carl Weymann gewesen. Wie das eben so ist und zumal in den Gründerjahren der Industrialisierung war: Gute Leute wollen irgendwann nicht mehr nach fremder Pfeife tanzen, sondern direkt für den eigenen Erfolg arbeiten und machen sich selbstständig.

Ortmanns Produktionsprogramm ähnelte dem seines vormaligen Dienstherren: Er stellte Graugussteile für landwirtschaftliche Maschinen wie Göpel und Häckseler her, ebenso Lager, Kupplungen, Riemenscheiben und Zahnräder für Transmissionen, die damals, vor der flächendeckenden Verbreitung von Elektromotoren, jede mechanische Werkstatt brauchte. Außerdem wurde nach dem Geschmack der Zeit Zier- und Kunstguss in Form von Bänken, Tischen, Geländern, Grabkreuzen und Kamin- und Herdplatten in Serie gefertigt.

Daraus entwickelte sich ein komplexerer Maschinen- und Anlagenbau. Für die Zement- und die keramische Industrie wurden Dampfmaschinen und hydraulische Pressen gebaut, für die Holzverarbeiter Sägegatter, für Mühlenbetriebe komplette Mahleinrichtungen.

In den " Schinkeler Geschichte( n)", die der örtliche Bürgerverein 1990 herausgegeben hat, beschreibt Erich Brundiek anschaulich den weiteren Gang der Geschäfte. Die Belegschaft stieg auf mehr als 200 Mitarbeiter an. Großen Anteil an der Expansion hatten Sohn Ludwig Ortmann, der 1900 die Firma übernahm, und der zum Prokuristen bestellte Schwiegersohn Hansen. Hansen ließ sich 1895 auf der südöstlichen Ecke des Firmenareals eine Villa errichten. Sie fiel großzügiger und prächtiger aus als die eigentliche Fabrikantenvilla Ortmann etwas weiter westlich an der Buerschen Straße. " Das lag ganz einfach daran, dass Ortmann sein Wohnhaus etwa zeitgleich mit den ersten Firmengebäuden in der bescheidenen Anfangszeit um 1876 baute und Hansen 20 Jahre später, als die Firma bereits in voller Blüte stand", erläutert Heinrich Grofer. Er rettete 1977 die Villa Hansen vor dem schon beschlossenen Abriss und bewohnt sie bis heute. Die Villa Ortmann wurde im letzten Krieg zerstört. Beide Häuser sind auf dem auf dieser Seite abgedruckten Briefkopf von 1910 zu erkennen.

Nach dem Tod des Prokuristen Hansen erhielt August Brundiek 1927 Prokura. 1930 trat mit Jürgen Ortmann die dritte Generation in die Firmenleitung ein. Im Zweiten Weltkrieg kam die Produktion nie vollständig zum Erliegen. Selbst als am 13. Mai 1944 ein Bombenteppich fast alle Gebäude zerstörte, wurde schon wenige Tage später die kriegswichtige Gießerei wieder in Betrieb genommen. Nach der Währungsreform erlebte die Firma mit der Konzentration auf mittleren und schweren Maschinenguss noch einmal gute Jahre. Der Vorkriegsstand an Produktionsmenge wurde überschritten, 120 Arbeitskräfte standen in Lohn und Brot, Maschinen und Maschinenteile wurden auch ins europäische Ausland exportiert.

In den 1960er-Jahren wurde der Markt für Gussbetriebe kritisch. Die hohen Lohnkosten ließen sich über die erzielbaren Preise nicht mehr hereinholen. Als Prokurist Brundiek im Jahr 1966 nach 53 Jahren in Diensten der Firma Ortmann in Ruhestand ging, entschied Jürgen Ortmann, die Firma zu schließen. Er verkaufte die Schinkeler Immobilie an die Stadt Osnabrück, die sie wiederum als Tauschobjekt einsetzte, um vom Klöckner-Konzern den Grund und Boden zu erwerben, auf dem das Stadion Bremer Brücke steht. So wurde Klöckner über einen Umweg neuer Hausherr im Betrieb Ortmann und richtete dort Lehrlingswerkstätten ein. Einen Teilbereich nutzte die Papiergroßhandlung Kamphemann. Nach dem Ende des Osnabrücker Stahlwerks wurden die Bildungseinrichtungen noch einige Jahre weitergeführt, bis in den 1990er-Jahren alle Gewerbebauten abgeräumt wurden, um der neuen Wohnsiedlung Platz zu machen.
Bildtexte:
Rechnungsformular der Gießerei Ortmann mit idealisierter Ansicht des Firmengeländes an der Buerschen Straße aus dem Jahr 1910. Unten rechts die Villa des Prokuristen Hansen, die erhalten ist.
Der Ortmannweg liegt in Schinkel auf dem früheren Firmengelände der Ortmann′schen Eisengießerei.
Fotos:
Archiv des Museums Industriekultur, Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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