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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Wie reagieren Nachbarn auf Flüchtlinge?
Zwischenüberschrift:
Interview mit der Psychologiestudentin Swantje Decker
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. An einem regionalen Beispiel hat die Osnabrücker Psychologiestudentin Swantje Decker für ihre Masterarbeit untersucht, wie Bürger auf eine Flüchtlingsunterkunft in ihrer Nachbarschaft reagieren. Im Interview erklärt die 26-Jährige, wann sich Menschen verstärkt für Flüchtlinge engagieren, warum der persönliche Kontakt zu Geflüchteten so wichtig ist und wieso die Ablehnung gegen das Flüchtlingsheim in Osnabrück vergleichsweise gering ist.
Machen Sie die vermehrten Proteste gegen Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland wütend?
Ja! Ich denke, dass es wichtig ist, die Menschen hier aufzunehmen, denn ich glaube, sie kommen aus guten Gründen hierher. Gerade die Proteste direkt vor einer Erstaufnahmestelle finde ich furchtbar, weil sie oft der erste Eindruck für die Geflüchteten bei ihrer Ankunft sind.
Sie haben in Ihrer Arbeit untersucht, wie Menschen auf eine Flüchtlingsunterkunft in ihrer Nachbarschaft reagieren. Waren die aktuellen Proteste Anlass für Ihr Forschungsinteresse?
Ja und nein. Die Idee hatte ich schon länger, da ich mich schon seit rund vier Jahren bei der Osnabrücker Initiative " Freizeit für Flüchtlingskinder" engagiere und ich mich seitdem verstärkt mit den Themen Flüchtlinge und Asyl auseinandersetze. Aber gerade auch mit Blick auf die Proteste fand ich es interessant herauszufinden, was so ein ablehnendes Verhalten auslösen kann.
Wie sind Sie dabei vorgegangen?
Ich wollte gerne eine Erhebung machen, die auch einen Anwendungsbezug hat. Deshalb habe ich eine Situation in der Nähe von Osnabrück gewählt. Ich habe dort insgesamt 115 Bürger befragt. Die Hälfte kam dabei aus einem Ort mit einer großen Flüchtlingsunterkunft, die andere aus einem Ort ohne Flüchtlingsunterkunft. Dann habe ich untersucht, welche Einstellungen die Menschen gegenüber Flüchtlingen haben und welche Faktoren ihr Verhalten beeinflussen. Mich hat beispielsweise interessiert: Wie sieht der Kontakt zwischen den Befragten und der Gruppe der Flüchtlinge aus? Nehmen sie die Flüchtlinge als Bedrohung wahr, zum Beispiel für den eigenen Wohlstand oder für das Ansehen des Ortes?
Wie haben die Bürger, die Sie gefragt haben, auf Ihr Forschungsinteresse reagiert?
Es gab viele, die nicht teilnehmen wollten. Allerdings aus den unterschiedlichsten Gründen: keine Zeit, keine Lust, kein Interesse es war alles dabei. Einzelne wollten auch wegen des Themas nicht mitmachen. Aber die Bürger, die mitgemacht haben, waren meistens total offen und haben auch über den Fragebogen hinaus noch viel zu dem Thema gesagt und zum Beispiel von eigenen Erfahrungen berichtet. Das Thema hat sie anscheinend sehr beschäftigt.
Welche unterschiedlichen Einstellungen gegenüber Flüchtlingen haben Sie festgestellt?
In dem Ort mit Flüchtlingsunterkunft gab es viel mehr unpersönlichen Kontakt zwischen Geflüchteten und Bürgern, interessanterweise aber nicht mehr direkten, persönlichen Kontakt. Das heißt, die Nachbarn sehen sich, aber sprechen nicht miteinander. Obwohl in dem Ort mit Flüchtlingsunterkunft also die Chance viel höher ist, auf Geflüchtete zu treffen, führt dies nicht dazu, dass es auch mehr persönliche Interaktionen gibt. Auch die Wahrnehmung der Flüchtlinge als Bedrohung war dort höher als in dem Ort ohne Flüchtlingsunterkunft. Wahrscheinlich gerade deshalb, weil die Leute die Geflüchteten sehen, aber sie gar nicht richtig kennenlernen.
Und wie hängen diese Einstellungen mit dem Engagement für oder gegen Flüchtlinge zusammen?
Vor allem dann, wenn die Menschen die Flüchtlinge als lokale realistische Bedrohung empfinden, ist ihre Absicht höher, sich gegen Flüchtlinge zu engagieren. Lokale realistische Bedrohung heißt, dass sie die Flüchtlinge als konkrete Gefahr für die örtliche Umgebung sehen, indem zum Beispiel die Angst vor Diebstahl steigt oder sie glauben, dass durch eine Flüchtlingsunterkunft das Ansehen des Dorfes sinkt. Interessant ist, dass sich die Spendenbereitschaft und die Bereitschaft, sich politisch für Flüchtlinge zu engagieren, unterscheiden. Da stehen scheinbar andere Beweggründe hinter. Denn auch wenn Menschen negative Einstellungen gegenüber Flüchtlingen haben, zeigen sie die Absicht zu spenden.
Wie erklären Sie sich das?
Ich denke, es ist für viele einfacher, etwas zu spenden, statt persönlich mit den Geflüchteten in Kontakt zu treten. Es ist weniger Aufwand, aber trotzdem natürlich ein Akt für die Geflüchteten. Aber in dem Bereich lässt sich sicher noch weiterforschen. Und tatsächlich mache ich gemeinsam mit einer Studentin und meiner Professorin eine Anschlussstudie zu dem Thema, allerdings als Onlinebefragung. Dabei wollen wir die Spendenbereitschaft noch einmal genauer untersuchen.
Welche konkreten Schlussfolgerungen ziehen Sie aus Ihrer Arbeit?
Man könnte all das als Ausgangspunkt nehmen, um zu überlegen, wie man Kontaktmöglichkeiten zwischen Anwohnern und Geflüchteten gestalten kann. Denn die Ergebnisse haben ja gezeigt, wie wichtig persönlicher Kontakt ist.
Lassen sich Ihre Ergebnisse auch auf die Stadt Osnabrück übertragen insbesondere mit Blick auf die Erstaufnahmestelle, die Ende 2014 am Natruper Holz eingerichtet wurde?
Ein großer Unterschied ist natürlich, dass in dem untersuchten Ort schon seit Jahrzehnten Flüchtlinge untergebracht wurden, deshalb ist kein direkter Vergleich möglich. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass die Reaktionen am Natruper Holz vergleichsweise positiv sind. Es scheint wichtig, die Anwohner von Anfang an ins Boot zu holen und den Dialog zu suchen. Und ich denke, das ist in Osnabrück tatsächlich ganz gut passiert. Zum Beispiel wurde ja auch zu Beginn ein Bürgertelefon eingerichtet. So war in Osnabrück von Anfang an eine gewisse Akzeptanz da.

Weitere Berichte zum Thema: www.noz.de/ fluechtlinge.
Bildtexte:
Im ehemaligen Bundeswehrkrankenhaus am Natruper Holz werden seit Dezember 2014 Flüchtlinge aufgenommen. Dieses Bild entstand bei der Ankunft der ersten Bewohner.
In der Uni-Asta-Villa an der Sedanstraße hielt Swantje Decker kürzlich einen Vortrag, in dem sie die Ergebnisse ihrer Masterarbeit zum Thema " Flüchtlingsunterkünfte in der Nachbarschaft" vorstellte.
Fotos:
Archiv/ Gerd Westdörp, Elvira Parton
Autor:
Mareike Katerkamp


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