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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Völkerwanderung am Gleis 2
Zwischenüberschrift:
1948 löste jede Zugankunft am Hauptbahnhof Massenbewegungen aus
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Der Hauptbahnhof war im letzten Krieg besonders häufig das Ziel alliierter Bombenangriffe gewesen. Als Etagenbahnhof im Kreuzungspunkt zweier Hauptbahnstrecken ließ er sich erstens leicht aus der Luft ausmachen, und zweitens war er ein besonders lohnendes Ziel, konnte doch ein einziger Treffer den deutschen Nachschub gleich auf mehreren Linien empfindlich stören. Entsprechend sah es im Bahnhof aus.

Er war so kaputt, dass im Rat der Stadt schon diskutiert wurde, ihn nicht wiederaufzubauen, sondern einen neuen Bahnhof am Niedersachsenplatz für die Nord-Süd-Linie zu errichten und den alten Hannoverschen Bahnhof für die Ost-West-Linie zu reaktivieren. Daraus wurde bekanntlich nichts, weil es das Umsteigen von einer Linie auf die andere gewaltig erschwert hätte.

Das historische Foto verdeutlicht, dass im dritten Nachkriegsjahr die Kriegsfolgen noch unübersehbar sind. Die Holzplatten der Bahnsteigüberdachungen, die beim Angriff vom 13. September 1944 verbrannt waren, sind noch nicht ersetzt worden. In der Empfangshalle sah es ähnlich trostlos aus: Man watete durch Lachen von dreckigem Wasser und Trümmerschlamm.

Nur der Wartesaal dritter Klasse war wieder begehbar. Aber was sollte man da? Er präsentierte sich als öde Halle mit notdürftig geflicktem Gewölbedach ohne Stühle und Tische. Immerhin war er nachts durchgehend beleuchtet, sodass gestrandete Reisende, ausgebreitet auf ihrem Hamstergut, sich etwas sicherer fühlen konnten.

Der Zugverkehr selbst kam erstaunlich schnell wieder in Gang. Britische Besatzungsmacht und Reichsbahn arbeiteten mit höchster Priorität daran, insbesondere den Güterverkehr wieder zum Rollen zu bringen, da er überlebensnotwendig für die deutsche Volkswirtschaft war. Nachdem britische Pioniere die gesprengten Kanalbrücken repariert hatten, konnte schon am 1. Mai 1945 die Strecke von Rheine bis Osnabrück in Betrieb gehen. Ab dem 5. Mai fuhren Kohlenzüge von Ibbenbüren über Osnabrück und Hannover nach Hamburg die Kraftwerke brauchten Futter, ohne Kohle kein Strom. Der direkte Weg über Bremen war wegen der zerstörten Weserbrücke noch versperrt.

Im Personenverkehr stürzten sich wahre Völkerwanderungen auf die Bahn als einzig verfügbares Transportmittel. Da waren die Flüchtlinge und Vertriebenen aus den Ostgebieten, dann die aus der Gefangenschaft entlassenen Soldaten, die Ausgebombten auf dem Weg zu Verwandten, die ihnen eine vorübergehende Bleibe bieten konnten. Nicht zu vergessen auch Menschen auf der Nahrungssuche. " Hamsterer" kamen aus den Städten des Ruhrgebiets, um ins Osnabrücker Land auszuschwärmen und auf den Höfen Essbares gegen goldene Armbanduhren oder Eheringe einzutauschen. Jeder hatte Kisten und Kästen, Säcke und verschnürte Pakete zu transportieren.

Und wie man damals reiste: In den Abteilfenstern fehlten die Verglasungen, in den Lampenfassungen die Glühbirnen. Abteile und Gänge waren heillos überfüllt. Ein Stehplatz für beide Füße war das große Los. Wenn der Zug hielt und jemand einsteigen wollte, schlug die Empörung hohe Wogen: " Kein Platz", wurde den Hineindrängenden entgegengebellt. Die Erfahrenen unter ihnen beeindruckte das nicht: Sie warfen einfach ihren Koffer oder Sack auf die Köpfe der auf der Plattform Stehenden, und schon war ein Platz zum Stehen geschaffen. Die Bahnpolizei versuchte vergebens, das Mitfahren auf Trittbrettern, Puffern, Wagendächern und in Bremserhäuschen zu unterbinden. " Pufferreisende stören den Bahnverkehr", hieß es auf Verbotstafeln. Daraus sprach nicht die Sorge um Leben und Gesundheit der Pufferreisenden, jeder war schließlich für seine Leichtsinnstaten selbst verantwortlich. Nein, es ging darum, notwendige Rangierarbeiten nicht zu behindern und damit den Fahrplan durcheinanderzubringen.

Wer damals mit der Bahn fuhr, nahm unfassbare Strapazen und Gefahren auf sich. Aber wenigstens gab es keine Tieffliegerangriffe mehr, die das Bahnreisen vor dem Kriegsende noch lebensgefährlich gemacht hatten.

Stadt im Wandel: mehr Texte und Fotos auf www.noz.de/
Bildtext:
Konkurrenzlos war die Bahn 1948 und entsprechend hoch das Verkehrsaufkommen auf dem Osnabrücker Hauptbahnhof. Hier die Gleise 2 und 3 des oberen Bahnhofs. Das Foto von A. Wiechmann ist entnommen aus dem Band von Wido Spratte " Osnabrück 1945-1955, Stadtgeschichte in Bildern" (Verlag Wenner 2005).
Nein, kein Lokführerstreik, sondern (zumindest außerhalb der Stoßzeiten) normale Verhältnisse in Zeiten, wo die Bahn gegen Pkw, Fernbus und Flugzeug antreten muss.
Foto:
J. Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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