User Online: 1 | Timeout: 10:15Uhr ⟳ | Ihre Anmerkungen | NUSO | Info | Auswahl | Ende | AAA  Mobil →
Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Datensätze des Ergebnis
Suche: Auswahl zeigen
Treffer:1
Sortierungen:
Anfang der Liste Ende der Liste
1. 
(Korrektur)Anmerkung zu einem Zeitungsartikel per email Dieses Objekt in Ihre Merkliste aufnehmen (Cookies erlauben!)
Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Wegen kaputter Schuhe in Osnabrück hängen geblieben
Zwischenüberschrift:
Die Carl-Fischer-Straße im Stadtteil Fledder erinnert an den Stahlwerker und Arbeiterschriftsteller
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Bislang gibt es nur zwei Hausnummern, nämlich für eine Autowerkstatt und einen Verbrauchermarkt, an der Carl-Fischer-Straße, die im Stadtteil Fledder unweit der Schellenbergbrücke einen kleinen Ableger des Gewerbegebiets Hasepark erschließt und vor dem Zaun des Stahlveredlers Magnum endet. Wunsch der Stadtplaner ist es, eine Verbindung durch das Magnum-Gelände hin zur Hauptfläche des ehemaligen Stahlwerksgeländes zu knüpfen. Dann könnten sich Franz Lenz und Carl Fischer, beides Straßennamenspatrone mit Stahlarbeiter-Hintergrund, die Hand reichen.
Carl Fischer kam 1841 in Grünberg (Schlesien) zur Welt. Der Vater war Bäcker. Er wollte, dass der Sohn das Gleiche macht. Widerwillig absolvierte der die Lehre in der väterlichen Backstube. Nach der Gesellenprüfung ging er auf Wanderschaft und schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten und Betteleien durch. Eher zufällig blieb er in Osnabrück hängen. Wie das kam, schilderte er in seiner Autobiografie so:
" Als ich in der Gegend von Ostercappeln einen Berg hinaufkletterte, um auf die Osnabrück-Bremer Landstraße zu gelangen, da riß mir ein ganzes Stück von der Schuhsohle ab. Und dieses war ein entscheidendes Ereignis, denn als ich daraufhin mein Schuhwerk genauer besah, da war es mir bald klar, daß ich in diesen Schuhen unmöglich noch bis Kiel kommen könnte, [. . .] da mußte ich wohl oder übel nach Osnabrück."
Das war 1869, Carl Fischer war 28 Jahre alt. Er handlangerte auf verschiedenen Baustellen, bis er 1871 eine feste Anstellung im Stahlwerk fand. Die Arbeit war hart, seine Existenz entbehrungsreich. Das weiß die Nachwelt so genau, weil er in den letzten Lebensjahren Autobiografisches unter dem Titel " Denkwürdigkeiten und Erinnerungen eines Arbeiters" aufschrieb. Der frühere NOZ-Redakteur Wendelin Zimmer ordnete sie so ein: " Fischers Osnabrück-Kapitel gehören zu der anderen, lange vernachlässigten Geschichte der Stadt, zur Geschichte der Industriearbeit und der Arbeiter. Was man von diesen Erinnerungen zunächst erwartet, sind sie allerdings nicht: Also keine Klassenkampfliteratur, keine Dokumente zu einer sozialistisch [. . .] gefärbten Arbeiterbewegung". Denn Fischer sei ein Einzelgänger gewesen, ein Mann ohne Freunde, " ein Querkopf wahrscheinlich", unpolitisch und eigenwillig religiös.
In Fischers Schilderung waren die 30 Jahre, die er in Osnabrück verbrachte, 30 freudlose Jahre. Ständigen Demütigungen und Ausbeutungen setzte er eine geradezu besessene Arbeitswut entgegen. Wurde ihm wieder einmal wegen einer Kleinigkeit der Lohn gekürzt, dann machte er noch mehr Überstunden. Bis es ihm eines Tages im Jahr 1885 reichte und er gegen den Werkmeister aufbegehrte. Daraufhin wurde ihm fristlos gekündigt.
Er wollte die unterbrochene Reise nach Kiel fortsetzen, ließ sich aber davon wieder abbringen und nahm stattdessen eine Stelle in der " Abkocherei" des Ausbesserungswerks der Preußischen Staatseisenbahn an. Fischers Aufgabe war es, die mit Fett, Öl und Ruß verschmutzten Bleche und Maschinenteile der auseinandergebauten Dampflokomotiven in einem Kessel mit Lauge abzukochen. Die schweren Eisenteile wurden mithilfe eines Flaschenzugs in den Kessel gehievt, und dann " fraß die scharf kochende Lauge alle [. . .] Unreinigkeit von den Eisentheilen ab, daß sie wieder aussahen wie neu". Zu der schweren körperlichen Arbeit kam das gefährliche Hantieren mit giftigen Chemikalien, gegen die die Arbeiter nur unzureichend geschützt waren. Nach 15 Jahren in der Abkocherei kündigte Carl Fischer, " denn man war hundemüde und wollte keine Arbeit mehr haben".
Den Lebensabend von 1900 bis zu seinem Tod 1906 verbrachte Carl Fischer bei seiner Schwester in Jeßnitz (Anhalt), wo er seine Lebenserinnerungen verfasste. Das Werk erregte unerwartetes Aufsehen über 300 durchweg begeisterte Rezensionen erschienen dazu in der deutschen und internationalen Presse. Der Literaturwissenschaftler Frank Woesthoff, der 1995 an der Universität Osnabrück über Carl Fischer promovierte, spricht von einer neuen Literaturgattung, die Fischer begründete: " Memoiren kannte man zuvor nur von Staatsmännern oder anderen herausragenden Persönlichkeiten, die ein beispielhaft geführtes Leben vorzuweisen hatten. Etwas ' Denkwürdiges' aus der Feder eines einfachen Handarbeiters konnte sich das bürgerliche Lesepublikum bis dahin nicht vorstellen."
Bildtexte:
Carl-Fischer-Straße
Carl Fischer, 1841-1906
Autor:
Joachim Dierks


Anfang der Liste Ende der Liste