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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
1956 ging es noch aufwärts
Zwischenüberschrift:
Rascher Aufstieg, tiefer Fall: die Bekleidungswerke Solida-Wehrmeyer
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Fünf stolze Geschosse für das neue Betriebsgebäude der Firma Solida sind an der Johannisfreiheit/ Ecke Detmarstraße im Jahr 1956 rasch in die Höhe gewachsen. Der Hersteller von " Mode für Haus und Beruf" wächst an Umsatz und Mitarbeiterzahl ebenso rasch. Osnabrück ist stolz auf seine Textil- und Bekleidungsindustriebetriebe, in deren Reihen Solida-Wehrmeyer mit in der Spitze 1850 Beschäftigten einen vorderen Platz einnimmt.

Der Rohbau scheint nahezu abgeschlossen zu sein. Aber noch steht der Zementsilo im Innenhof. Die Aufschrift " Hüttenzement" verrät, dass dem in Georgsmarienhütte hergestellten Zement granulierte Hochofenschlacke zugesetzt wurde im Sinne der Ressourcenschonung. Am rechten Bildrand erkennt man das noch nicht verglaste Treppenhaus mit der charakteristischen Kreisbogenkrümmung. Das Foto erhielten wir von unserem Leser Helmut Kiehling, dessen Vater beruflich mit der Baustelle zu tun hatte. Er war angestellter Architekt in einem größeren Osnabrücker Büro. Sohn Kiehling meint sich zu erinnern, dass es das Architekturbüro Garthaus war.

Im Vordergrund erkennen wir einen VW-Bulli mit der Werbeaufschrift " Gepflegt, wer Solida trägt". " Solida" war der Markenname, den sich Firmengründer Georg Hartmann für seine " Erfindung" modisch geprägter Haus- und Berufskleidung einfallen ließ. Hartmann war ein ausgesprochen unternehmungslustiger und innovativer junger Mann von gerade einmal 18 Jahren, als er sich im September 1919 selbstständig machte, zunächst mit einem Großhandel in Textilien. Der Markt war schwierig: Anonyme Kollektionen aus anonymen Grundstoffen gingen zu niedrigsten Preisen über den Ladentisch. Besonders traurig sah es bei den " gesichtslosen" Artikeln aus, die als Haus- und Berufskleidung produziert wurden.

Hartmann sah voraus, dass Frauenarbeit bald nicht mehr nur den unteren Gesellschaftsschichten vorbehalten sein würde. Mit der Emanzipation wuchsen die Möglichkeiten der Frauen, in Männerberufe vorzudringen. Dafür brauchten sie Arbeitskleidung. Hartmann kam den Frauen entgegen, indem er Haus- und Berufskleidung mit modischen Akzenten entwerfen ließ und die Eigenproduktion aufnahm. Was er besser machte als die anderen Hersteller, sollte man erkennen und unterscheiden können. Deshalb erfand er den Markennamen " Solida" und ließ ihn in jedes Kleidungsstück einnähen. Das war ein Novum. Viele Händler waren irritiert und schnitten die Etiketten wieder heraus.

Das ändert sich mit dem wachsenden Bekanntheitsgrad von " Solida". 1924 beschäftigt Hartmann bereits 30 Mitarbeiter und beliefert Kunden in ganz Nordwestdeutschland. " Die Umsätze stiegen wie der Rocksaum der Frauen", heißt es in einer Chronik der Hauszeitschrift " Mit Nadel und Faden". 1927 heiratet Georg Hartmann. Frau Herta übernimmt die modische Weiterentwicklung, darunter der zweireihig geknöpfte Kittel " Solida-Form", die " praktische Lösung auch für schwierigere Figuren". 1937 entwickelt ein amerikanischer Chemiker die Kunstfaser Nylon. Es dauert nicht lange, und Hartmann beginnt damit zu experimentieren. Der Krieg verhindert die rasche Einführung.

Er hinterlässt alle Produktionsstätten zerstört. Noch 1945 fängt Hartmann in einer Baracke mit 100 Mitarbeitern wieder an. Der Bedarf an konfektionierter Berufskleidung ist schier grenzenlos, die Entwicklung verläuft rasant. 1948 wird ein erstes Gebäude an der Detmarstraße errichtet, 1949 geht die Wirkereigesellschaft Osnabrück an den Start, die ab 1951 als eine der ersten in Deutschland Perlon-Fasern verarbeitet, vom Aufschwung des Petticoats profitiert und aus der später die Tochterfirmengruppe Florbell in Sutthausen erwächst. Auch die Stammfirma Solida-Bekleidungswerke vormals Wehrmeyer & Co. expandiert beständig. 1956 wird der repräsentative Neubau an der Detmarstraße bezogen, in den Folgejahren kommt Solida den Arbeiterinnen aus ländlichen Räumen entgegen und gründet Zweigbetriebe und Lohnbetriebe in Lohne, Mettingen, Riesenbeck, Kattenvenne, Oesede, Esens, Harpstedt, Barnstorf und Helmstedt.

1965 stirbt der Firmengründer, Sohn Helmut macht weiter, dehnt den Export aus, gründet Töchter in Innsbruck, Zürich und Amsterdam. Täglich werden 18 000 Teile produziert. Auch 1969 ist die Welt noch in Ordnung, das 50-jährige Jubiläum wird ganz groß mit Howard Carpendale und Wim Thoelke gefeiert. 1970 beginnen die Schwierigkeiten mit der Billigkonkurrenz aus Fernost. Im November 1980 kündigt die Firmenleitung an, die gesamte Produktion ins Ausland zu verlagern. Die Gewerkschaft Textil-Bekleidung kämpft vergeblich gegen die Massenentlassungen an. Ihr Sekretär Peter Donath reagiert sarkastisch: " Dann müssen sich Osnabrücker Frauen demnächst wohl in Hongkong um Arbeit bemühen." Die gekündigten Mitarbeiterinnen ergattern schwarzen Stoff, schneiden daraus Trauerfahnen und hängen sie aus jedem Fenster.

Es hilft nichts. Die letzten 350 Produktionsarbeitsplätze gehen verloren, Solida wird zum Handelshaus, das Produktionsgebäude an der Detmarstraße übernimmt die Privatschule Blindow. Eine kleine " Feuerwehrkapazität" wird noch in Wallenhorst-Hollage vorgehalten. Im August 1982 ist auch das vorbei. Solida meldet Konkurs an und geht somit den gleichen Weg wie der größte Teil der Osnabrücker Textil- und Bekleidungsindustrie. Heute gehört der Bau Detmarstraße zum Niels-Stensen-Klinikverbund und beherbergt unter anderem die Verwaltung des Marienhospitals und das Bildungszentrum für Gesundheitsberufe St. Hildegard.

Stadt im Wandel: mehr Texte und Fotos auf www.noz.de/ historisch-os
Bildtexte:
Wie der Neubau an der Detmarstraße wächst und gedeiht die Firma Solida 1956 prächtig.
Die Außenansicht des Gebäudes im Eck von Johannisfreiheit (links) und Detmarstraße.
Der Innenhof des heute zum Marienhospital gehörenden Gebäudes.
Fotos:
Privatarchiv Kiehling, Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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