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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Erst linker Rebell, dann weitblickender Oberbürgermeister
Zwischenüberschrift:
Miquelstraße im Stadtteil Schölerberg erinnert an genialen Finanzexperten
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Der Aufstieg eines Osnabrücker Oberbürgermeisters zum Landesminister ist nichts Neues. Was Boris Pistorius in diesem Jahr zustande brachte, schaffte 123 Jahre vor ihm bereits Johannes von Miquel. Der wurde 1890 preußischer Finanzminister, nachdem er zuvor in zwei Amtsperioden die Geschicke der Hasestadt gelenkt hatte. An ihn erinnert die Miquelstraße, die in Höhe der Lutherkirche eine Verbindung zwischen Iburger und Meller Straße schafft.
Johannes Miquel erblickte 1828 in Neuenhaus in der Grafschaft Bentheim das Licht der Welt. Das " von" vor dem Nachnamen kam erst 69 Jahre später, als der Kaiser ihm den Schwarzen Adlerorden verlieh und ihn dadurch in den Adelsstand erhob. Wilhelm II. zeichnete damit einen preußisch gesinnten Gefolgsmann und klugen Finanzpolitiker aus, der sich in zahlreichen Funktionen um das Gemeinwesen verdient gemacht hatte. Doch bis dahin war es ein weiter Weg mit einigen Spitzkehren.
Miquel hatte einen französischstämmigen, katholischen Vater, Arzt von Beruf, und eine reformiert-protestantische Grafschafter Mutter. Einige Biografen meinen, die Konfessionsverschiedenheit der Eltern habe im Sohn Toleranz und den Hang zum Ausgleich verankert, ihn zu einem Meister des Kompromisses werden lassen.
Johannes besucht in Lingen das Gymnasium, studiert dann in Göttingen und Heidelberg Jura. Die erste deutsche Demokratiebewegung beeinflusst ihn stark, er schließt sich 1848 einer linksradikalen Gruppierung an. Mit Karl Marx steht er ab 1850 in Briefkontakt zu sozialen Fragen. Sein persönliches Bekenntnis in der Zeit: " Ich bin Marxist und Kommunist."
Doch im Gegensatz zu Marx möchte Miquel nicht nur an Theoriegebäuden basteln, sondern Praktisches bewirken. Nach bestandenem Examen lässt er sich in Göttingen als Rechtsanwalt nieder und versucht im Kleinen, den Bauern und dem handwerklichen Mittelstand bei der Durchsetzung ihrer Interessen gegen die Obrigkeit zu helfen. Dem Marxismus kehrt er nach und nach allerdings den Rücken und wandelt sich zum Nationalliberalen. Zusammen mit Rudolf von Bennigsen und anderen gründet er 1859 den " Deutschen Nationalverein", der die deutsche Einigung unter preußischer Vormachtstellung anstrebt.
Mit seiner Redegewandtheit macht Miquel auf sich aufmerksam, wo immer er erscheint. So auch 1863 in Osnabrück, wo er einen Mandanten in einer öffentlichkeitswirksamen Prozesssache glänzend vertritt. Als Osnabrücks Bürgermeister Stüve 1864 nach 27 Amtsjahren der Rücktritt nahegelegt wird, besinnen sich die Bürgervorsteher des ebenso beredten wie tatkräftigen Göttinger Advokaten. Miquel wird mit großer Mehrheit zu Stüves Nachfolger gewählt. In seine erste Amtszeit bis 1870 fällt die Annexion des Königreichs Hannover durch Preußen. Miquel findet sich pragmatisch und schneller als andere in den neuen Verhältnissen zurecht. Mit der allgemeinen Wehrpflicht kommt der Kasernenbau, wobei Miquel geschickt die städtischen Interessen wahrt. Er lenkt die Gelder aus Berlin dahin, wo sie der Stadt guttun. Sozialer Wohnungsbau und die Gründung des überkonfessionellen Realgymnasiums, eine neue Bauordnung und die Reform der Finanzverwaltung gehen auf sein Konto. Die mittelalterlichen Wälle werden abgetragen, mit Gasanstalt und Kanalisation hält die neue Technik Einzug.
Neben seinen Verpflichtungen in Osnabrück nimmt Miquel in Berlin Abgeordnetenmandate wahr. Die Doppelbelastung wird ihm zu viel. 1870 verlässt er dennoch die Stadt und tritt die Stelle eines Bankdirektors in Berlin an, die sich besser mit seiner parlamentarischen Arbeit vereinbaren lässt.
Doch schon 1876 erreicht ihn ein neuer Ruf aus Osnabrück. Miquels Amtsnachfolger Detering war plötzlich gestorben. Miquel lässt sich ein weiteres Mal zum Stadtoberhaupt wählen. In seiner zweiten Amtszeit kann er weniger gestalten als in der ersten, da die Wirtschaftskrise der Gründerjahre die städtischen Finanzen arg gebeutelt hat. Die Kohlengruben des Piesbergs werfen keine Gewinne mehr ab, sondern erfordern städtische Zuschüsse. Miquel reformiert die Kommunalsteuern, setzt eine eiserne Ausgabendisziplin durch und kann so die Stadt vor Schlimmerem bewahren.
Mit der Gewissheit, Osnabrück auf einen guten Weg zur modernen Stadt gebracht zu haben, strebt Miquel nach höheren Aufgaben. Von 1880 bis 1890 ist er Oberbürgermeister von Frankfurt am Main, danach bis 1901 preußischer Finanzminister. Als sein größtes Werk gilt die Reform des preußischen Finanzwesens mit Einführung der progressiven Einkommensteuer, die starke Elemente des sozialen Ausgleichs beinhaltete und zum Vorbild für das Steuerwesen in vielen anderen Ländern wurde. Für diese Großtat das mussten die Osnabrücker neidlos anerkennen war die hiesige Bühne, auf der Miquel zwei gute Spielzeiten hingelegt hatte, zu klein geworden. Miquel starb am 8. September 1901 in Frankfurt.
Bildtexte:
Die Miquelstraße liegt im Stadtteil Schölerberg. Das Straßenschild ist hier im Ensemble mit einem Schornstein und einem Dachreiter der Lutherkirche zu sehen.
Johannes von Miquel (1828 1901).
Foto:
Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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