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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Ausgegrenzt und stigmatisiert
Zwischenüberschrift:
Die "Papenhütte" war bis 1985 ein Ort der gesellschaftlichen Verlierer
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Nachdem der Bombenkrieg 9400 Wohnungen in Osnabrück zerstört und 4000 weitere beschädigt hatte, waren Holzbaracken, Nissenhütten und andere Notunterkünfte in den Nachkriegsjahren zunächst noch unentbehrlich. So darf es nicht verwundern, dass die Barackensiedlung " Papenhütte" auch noch im Jahr 1953 die Aufnahme aus unserem Zeitungsarchiv beweist es dicht besiedelt war.

Wohl empfand man die Siedlung als " unschön", aber die zu Beginn der Fünfzigerjahre erst langsam anlaufenden Wohnungsbauvorhaben bei anhaltendem Zustrom von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen ließen keine andere Wahl, als zunächst jeglichen Wohnraum, und sei er noch so erbärmlich, weiter zu nutzen. Soziale Randgruppen, die sich die Mietpreise in besseren Häusern aus Stein nicht leisten konnten, fanden hier eine Bleibe. Wie meistens, wenn arme Menschen zusammengepfercht leben, " menschelt" es, wird es dann und wann laut, werden strafbare Handlungen begangen. So kam es, dass " Papenhütte" in weiten Kreisen der Osnabrücker Bevölkerung ein Synonym für chaotische Wohnverhältnisse und Kleinkriminalität wurde.

In einem gewissen Gegensatz dazu spielt " Papenhütte" in der aktuellen stadthistorischen Debatte in erster Linie eine Rolle als der Ort, an dem die Behörden in der Zeit des Nationalsozialismus Sinti und Roma aus der ganzen Stadt zusammentrieben, unter gettoähnlichen Bedingungen ansiedelten und von hier aus schließlich am 1. März 1943 nach Auschwitz deportierten und dort ermorden ließen. Erstaunlicherweise liest man in den Zeitungsberichten bis in die Siebzigerjahre kein Sterbenswörtchen darüber, obwohl es sicherlich bekannt war.

Im Dezember 1959 etwa, als ein erster Teil der Baracken abgerissen wurde, ist von " Ordnung schaffen" und " Säuberung" die Rede, von " Schandfleck", " trostlosen Bildern", von " Elendsdasein", " Unrathaufen" und " Wohnwagenpark". Weiter heißt es: " Wenn die Eversburger mit Recht über eine Einrichtung schimpften, dann war es die Papenhütte. Wenn die Polizei nur höchst ungern Ermittlungen anstellte, dann war es in der Papenhütte."

1960 war ein großer Teil der " morschen Baracken" abgeräumt: " Selbstverständlich ist das Holz keinen Pfifferling wert, es wurde vernichtet", heißt es in zeitgenössischen Presseberichten. Die Bewohner der Baracken konnten in ein dreigeschossiges Steingebäude mit 81 " Schlichtwohnungen" einziehen, das direkt am Bahndamm errichtet worden war.

25 Jahre später war die Erkenntnis gereift, dass allein ein Haus aus Stein soziale Probleme nicht löst. Die Zusammenballung armer Familien ließ das Viertel nicht zur Ruhe kommen. So entschied man sich 1985, die Häuser am Kiefernweg allesamt wieder abzureißen und den bislang dort lebenden 15 Sinti-Großfamilien andere Wohnungen in Eversburg anzubieten. Sozialdezernent Heinz Fitschen wird mit den Worten zitiert, dass die Stadt alles daransetze, die Wohnverhältnisse für ethnische Minderheiten zu verbessern. Aber auch hier fiel kein Satz über das grausame Schicksal der Sinti und Roma, das sie mit der " Papenhütte" verband.

Es ist das Verdienst der Historiker Duncan Cooper und Michael Schubert, die Diskriminierung und rassistische Verfolgung von " Zigeunern" in Osnabrück von den 1920er- bis in die 1950er-Jahre erforscht zu haben. Ihre Recherche beginnt 1912/ 13, wo sie im Adressbuch auf das Obdachlosenheim Oldenburger Straße 4 (heute etwa Ecke Klöcknerstraße/ Kiefernweg) stoßen. Zwischen 1923 und 1928 wurden längs der Straße An der Papenhütte (heute Kiefernweg) Baracken als Ergänzung des Obdachlosenheims errichtet. Die Stadt Osnabrück hat, so ihre Erkenntnis, also auch schon in der Weimarer Zeit städtebauliche Maßnahmen zur Konzentration sozialer Unterschichten am Rande der städtischen Besiedlung getroffen. Nach 1933 kam es dann zu Zwangseinweisungen von " Asozialen" und " Zigeunern" in das Barackenlager. Durch die Konzentration an einer Stelle wollte man die " Gemeinschaftsfremden" von der Mehrheitsgesellschaft fernhalten und ihre " Aufsicht und Erziehung" vereinfachen.

Geplant war, die Baracken durch Steinbauten zu ersetzen, um dadurch die " hässlichen Zeugen der vergangenen Systemzeit" zu beseitigen, und das Ganze nach Art eines Gettos von einer Mauer zu umgeben, samt einem Aufseherhaus und einem Kindergarten. Der Krieg vereitelte die Umsetzung dieser Planungen. So blieben die Baracken bis Ende der Fünfziger stehen.

Wer weitergehende Informationen wünscht: Cooper und Schubert halten am morgigen Donnerstag um 19 Uhr im Zimeliensaal der Unibibliothek (Eingang Alte Münze) einen Vortrag zum Thema " Anhaltende Ausgrenzung. Diskriminierung und rassistische Verfolgung von Zigeunern′ in Osnabrück." Veranstalter ist der Historische Verein, der Eintritt ist frei.
Bildtexte:
Die Barackensiedlung " Papenhütte", wie sie sich dem Bahnreisenden auf dem Weg nach Rheine im Jahr 1953 präsentierte. Im Hintergrund ist der Schornstein der Papierfabrik, vormals Gebrüder Kämmerer, zu sehen.
In gleicher Perspektive sieht man heute fast nur Bäume und Buschwerk.
Vom Kiefernweg aus gesehen, stellt sich das Areal der früheren " Papenhütte" heute als ein friedliches Nebeneinander von Wohnen und Gewerbe dar.
Fotos:
Archiv/ NOZ, Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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