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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Inklusion im modernen Tanz
 
"Das würde ich auch gerne können"
Zwischenüberschrift:
Inklusion kann die Sprache des modernen Tanzes erweitern
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück. Eine Facette der Toleranz ist die Inklusion. Gerade in der Welt des Tanzens kann sie eine Chance zur Weiterentwicklung sein. Musikpädagogin Tamara McCall bringt Tänzer mit und ohne Behinderung in Osnabrück zusammen.

Osnabrück/ Bremen. Eine Facette der Toleranz ist die Inklusion. Gerade in der Welt des Tanzens kann sie eine Chance zur Weiterentwicklung sein. Wissenschaftliche Pionierin auf diesem Gebiet ist Tamara McCall. Sie bringt Tänzer mit und ohne Behinderung in Osnabrück zusammen. An einem solchen Hochschul-Projekt nahmen auch zwei Tänzerinnen aus Bremen teil.

Melodische, etwas verträumte Musik plätschert durch das hell erleuchtete Studio. Ein gutes Dutzend Männer und Frauen schleicht, tänzelt und tastet sich durch den luftigen, weiß verputzten Raum. Ein besonders kleiner, etwas pummeliger Mann nähert sich einer jungen Frau und stößt mit seiner Hand rüde ihre Schulter weg. Die Frau nimmt die Bewegung auf, lässt Schulter und Kopf nach hinten sinken, dreht sich um die eigene Achse und entfernt sich im Takt der Musik. Ein besonders langer Mann sitzt am Rand und beobachtet das Schauspiel regungslos. Es wird lange dauern, bis er seinen Platz verlässt.

Als " offenes Tanztraining" bezeichnet Trainerin Corinna Mindt dieses Angebot des Vereins " tanzbar_Bremen". Das Wort " inklusiv" lässt sie am liebsten weg, obwohl sie ihre Trainingsanweisungen nicht nur sehr langsam und sehr deutlich formuliert für die Teilnehmer mit Lernbehinderung sondern auch in Gebärdensprache übersetzt.

Christoph, ein Tänzer mit Downsyndrom nutzt den Beginn der Stunde zum Üben. Laut Choreografie soll er seine Arme vor dem Körper positionieren. Die Haltung erinnert an die erste Position im klassischen Ballett. Christoph probiert es mehrmals, antwortet auf die Korrekturen seiner Trainerin mit " natürlich" und scheitert immer wieder an der entscheidenden Stelle. Schließlich stellt sich Trainerin Corinna vor ihn, ganz nah und führt seine Arme um sich herum. " Stell dir vor, du würdest jemanden beschützen", sagt sie. Beim nächsten Durchgang klappt es.

Inklusiver Tanz sei " nicht mehr total neu", sagt Mindt in einer Pause, aber es handele sich häufig immer noch um Sonderprojekte, die sprachlich gekennzeichnet werden. Der Begriff " inklusiv" bezeichnet zum Beispiel Tanzstunden, an denen auch Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen teilnehmen. Am liebsten wäre es Mindt jedoch, wenn der Zusatz gar nicht mehr nötig wäre. Theaterpädagogik-Studentin Laura Solar nimmt hier teil, " um Erfahrungen zu sammeln". So einen Beruf wie den von Corinna Mindt könnte sie sich gut vorstellen. Gleichzeitig schaut sie sich Bewegungen ihrer Mittänzer ab, um ihr Repertoire zu erweitern. Aufgabe heute: Die Tänzer sollen paarweise üben, aufeinander zu reagieren. Zum Beispiel berührt einer den anderen, der soll diesen Impuls in seinen Tanz einbeziehen. Das kann ganz ausgelassene Züge annehmen. Hier versuchen zwei Kontrahenten, eine attraktive Tänzerin für sich zu gewinnen, gestikulieren, stoßen sich weg, versuchen sie einzufangen, wenden sich ab, dort zieht jemand seinen Partner hinter sich her ohne ihn zu berühren.

Erfahrene Tänzer

Einige reden in diesen zwei Trainingsstunden nicht viel, lassen aber ihre Körper umso deutlicher sprechen. Alle haben Erfahrung im Tanzen. Professionell arbeiten aber nur Corinna Mindt und ihre Assistentin Neele Buchholz als Tänzerinnen. Buchholz hat ebenfalls Trisomie 21. Vor fast genau einem Jahr hat sie in Osnabrück bei den " diversity days" der Hochschule Osnabrück einen Workshop geleitet.

Organisiert hatte das Treffen von Tänzern mit und ohne Behinderung die Hochschulprofessorin Tamara McCall. Sie lehrt Elementare Musikpädagogik an der Hochschule Osnabrück. Einer ihrer Schwerpunkte ist inklusives Tanztheater. " Das blüht jetzt in allen größeren Städten auf", sagt McCall. Sie bilde mittlerweile die zweite Generation von Tänzern aus, die es nicht mehr für unmöglich halten, dass ein körperbehinderter Mensch tanzen will. " Das ist aber immer noch ein kleiner Kreis." Für die Zukunft wünscht sie sich " mehr Möglichkeiten der Teilhabe".

Aber wie passen etwa amputierte Gliedmaßen und die perfekte Körperbeherrschung einer Ballerina zusammen? Tamara McCall unterscheidet zwischen traditionellem Ballett und modernen Ausdrucksformen wie dem Tanztheater. " Dabei geht es mehr um persönlichen Ausdruck, nicht um die Annäherung an ein Ideal." Die Tänzer lernten, ihren ganz persönlichen Ausdruck zu finden, und erweiterten das moderne Ausdrucksrepertoire.

Kein Mitleid

McCall fasst es so zusammen: " Der Anspruch ist, dass ich eine Tänzerin im Rollstuhl nicht bemitleide, sondern als Zuschauer denke: Toll, das würde ich auch gerne können."

Im Bremer Tanzstudio geht die freitägliche Stunde indes langsam zu Ende. Der besonders lange Tänzer wartet fast ganz bis zum Schluss, erhebt sich zuletzt doch und wandelt langsam durch den Raum zur Wand. Dort schmiegt er sich an den weißen Putz, hangelt sich an ihm entlang. Das zieht andere an, die es ihm gleichttun und seine Bewegungen imitieren. Nachdem der letzte Ton verklungen ist, stehen sie zu dritt an der Wand, ganz eng und gedrängt. Die Zuschauer applaudieren. Und das Hörgerät im Ohr des besonders langen Tänzers sieht nur, wer ganz genau darauf achtet.
Bildtext:
Am offenen Tanztraining in Bremen nehmen auch Tänzer mit Downsyndrom oder Hörbehinderung teil.
Foto:
Stefanie Witte

Tanz und Inklusion

Inklusiver Tanz geht von der Idealvorstellung aus, dass es für keinen Menschen ein Hindernis gibt, gleichberechtigter Teil einer Tanzstunde oder eines Ensembles zu sein. In einer vollständig inklusiven Gesellschaft müsste nicht extra ausgezeichnet werden, dass ein Tanztraining inklusiv ist. Es würde einfach vorausgesetzt. Derzeit sind solche Projekte aber eher die Ausnahme, auch wenn zum Beispiel Gerda König in Köln schon vor 20 Jahren ein Ensemble gründete, dessen Tänzer zum Teil körperlich behindert sind. Im vergangenen Jahr organisierte die Osnabrücker " Patsy & Michael Hull Foundation" ein Musical mit mehreren Hundert Darstellern, von denen die Hälfte behindert ist. Ende dieses Jahres wird es in mehreren Städten gezeigt.
Autor:
Stefanie Witte


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