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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Ossensamstag lockt 40 000 Jecken an
Zwischenüberschrift:
Närrischer Valentinstag: Karnevalsumzug durch die Innenstadt im Zeichen von Lust und Liebe
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück. Wenn Ossensamstag auf Valentinstag fällt, sind Karnevalisten ohnehin nicht für schamhaftes Auftreten bekannt mit ihrer Zuneigung offenbar besonders spendabel: Aus Liebe zum Leben, zur Liebe und der Lust zogen in diesem Jahr 40 000 Jecken fröhlich und ausgelassen durch Osnabrück. Das Stadtprinzenpaar " Seine Tollität" Prinz Frank I. (Kaufhold) und " Ihre Lieblichkeit" Prinzessin Marie I. (Plogmann) empfing das närrische Volk voller Inbrunst: " Wir schenken euch unser ganzes Herz!", lautete ihr Motto für den hiesigen Höhepunkt der Session 2015.

Der Ossensamstag-Umzug mit knapp 80 Wagen und Gruppen startete um 14 Uhr an der Johanniskirche und erreichte gegen 15.30 Uhr das Rathaus. Die ersten Karnevalisten hatten sich schon um 12 Uhr am Ausgangspunkt getroffen, um sich einen guten Platz an der Strecke zu sichern. Jasmin Schlegel etwa, die als Nonne verkleidet mit ihren Freunden bereits zum achten Mal am Ossensamstag dabei war: " Verkleiden macht Spaß, alle sind lustig und gut drauf, und man lernt nette Leute kennen!"

Diese Meinung teilten nicht nur Jecken aus Osnabrück und Osnabrücker Land es waren sogar Karnevalisten aus Nordhorn und Leipzig in die Hasestadt gekommen. Und während am Haarmannsbrunnen vor allem junge Leute feierten, verfolgten an der Johannisstraße sowie zwischen Ursulaschule und Dom viele Familien mit Kindern den Umzug.

Herz verschenkt

Diesem hatten sich wie üblich viele Karnevalsvereine angeschlossen, aber auch der Familientreff der evangelischen Fabi am Rosenplatz mischte sich beispielsweise unter die Teilnehmer, der Mittelaltermarkt Venne und das Männerballett Pye. Die weiteste Anreise hatten die " Reppischfäger", Guggenmusiker aus Dietikon in der Schweiz. Ihr Motto lautete " Ab is Iis" ab ins Eis. Eine Reihe anderer Jecken hatte sich dem Motto des Stadtprinzenpaares angepasst: Am Wagen des Ostercappelner Karnevalsvereins (OKV) prangte der Spruch: " Liebe, Blumen, Valentinsglück, der OKV küsst Cappeln und Osnabrück". Und die Karnevalisten vom TSV Venne wünschten sich: " Amor, schenk mir dein ganzes Herz".

Besucher Heinzi Staudt freute sich auf einen der ersten Wagen den der Schausteller. " Ich war selbst 41 Jahre als Schausteller auf Reisen", berichtete er. Gemeinsam mit Neffe Christian Diekmann hatte Staudt in seinem elektrischen Rollstuhl sitzend am Neumarkt einen perfekten Blick auf den Umzug. Der vierjährigen Mary-Lou wiederum schmeckten vor allem die Kamellen in Form von Bonbons, Chips und Popcorn, während Helga Hellmich auf Wagen Nummer 57 wartete: " Meine Tochter Paula ist Funkenmariechen und läuft davor."

Zu den vielen Zuschauern des Umzuges, die sich mit ihrer Verkleidung große Mühe gegeben hatten, gehörten außerdem Silvia Reinke und Michael Stöhr. Auch wenn sie sich genau vor 14 Jahren am 14. Februar kennengelernt hatten, gingen sie nicht (wie viele andere) als Valentinsherzen: Er trug ein Cowboykostüm, und sie nahm als Rokokodame am Ossensamstag teil. Ihre Verkleidung hatte einen praktischen Nebeneffekt: " Seitdem ich den Reifrock anhabe, machen mir die Leute sogar Platz."

Friedlicher als früher

Am Markt angekommen, sprach das Stadtprinzenpaar zu seinen Untertanen: " Lasst es heute richtig krachen, wir freuen uns, mit Euch zu feiern." Dann stürmten Gardemädchen das Rathaus und zerrten Oberbürgermeister Wolfgang Griesert auf die Bühne. Angesichts seiner nahenden und traditionell bis Aschermittwoch befristeten Entmachtung richtete dieser " die letzten Worte an mein Volk" und warnte mit einem Augenzwinkern: " Das Regieren im Rathaus ist jetzt schwer, Rot-Grün hat keine Mehrheit mehr!" Gleichwohl gestand er den Karnevalisten " drei Tage in Saus und Braus" zu. Und kaum hatten die Narren den Rathausschlüssel ergattert, stellten sie ihr Regierungsprogramm vor, forderten " Narrenfreiheit" und Rente mit 60 für alle Karnevalisten – " bei vollem Lohnausgleich", versteht sich. Botschaften wie diese ließen die Jecken unter freiem Himmel tanzen, ehe sie sich in den Kneipen der Altstadt restlos enthemmten.

Unterdessen begann der Osnabrücker Servicebetrieb mit dem Großreinemachen nach dem Karnevalsumzug. Und Polizeisprecher Georg Linke zog ein erstes Fazit: " Der Ossensamstag 2015 verlief bis zum Abend überwiegend friedlich und scheinbar friedlicher als früher." Während des Umzugs hätten die Beamten der Polizei inspektion und der Bereitschaftspolizei nur wenige Einsätze gehabt. Anschließend sei es dann zu vereinzelten Auseinandersetzungen gekommen.

Im Sanitätsbereich für hilflose Personen und Verletzte auf dem Gelände der Domschule seien bis 19 Uhr 20 Personen versorgt worden, die eindeutig zu viel Alkohol getrunken hätten. " Dazu gehörten vier Minderjährige und ein 13-Jähriger mit einem Promille", sagte Linke. Den traurigen Höchstwert des Tages erreichte ein Erwachsener mit drei Promille Alkohol im Blut.
Bildtexte:
Lila-weißer Konfettiregen: Zehntausende Besucher und Teilnehmer genossen am Samstag den Karnevalsumzug in Osnabrück und folgten damit der Aufforderung dieses Motiv wagens.
Kinder einer Karnevalsgruppe am Neumarkt.
Großreinemachen nach dem Umzug.
Osnabrück steht kopf am Ossensamstag.
Oberbürgermeister Wolfgang Griesert als Pappfigur.
Uniformierter Karnevalist vor Galeria Kaufhof.
Fotos:
Michael Gründel

Kommentar
Wo der Spaß aufhört

Heute himmelhoch jauchzend, morgen zu Tode betrübt: Die Karnevalisten in Osnabrück, Niedersachsen und ganz Deutschland durchlebten am Wochenende eine Achterbahn der Gefühle. Kaum war der erfolgreiche, sonnenverwöhnte und besucherstarke Ossensamstag 2015 verklungen, verdarb am Sonntag die Nachricht von dem wegen Terrorgefahr kurzfristig abgesagten Umzug in Braunschweig einem der größten Züge in Norddeutschland– allen Narren schlagartig die Laune. Und auch Menschen, die mit Karneval wenig bis nichts am Hut haben, mögen sich nun besorgt fragen: Kann ich überhaupt noch meines Lebens sicher sein, wenn ich mich irgendwo ins Getümmel wage?

Auch wenn die Gefahr real ist und die Lage ernst sie darf uns nicht lähmen. Werfen wir den Blick lieber auf Probleme, die wir lösen können. Und damit zurück zum Ossensamstag: Ist es bei aller berechtigten Freude und Ausgelassenheit nicht unerträglich, dass beispielsweise immer wieder Kinder sturzbetrunken in den Sanitätszelten landen? Hier werden Aufsichtspflichten verletzt, hier werden Erziehungsmängel offenbar, aber auch fehlende Zivilcourage all jener, die nicht einschreiten, wenn sie andere ob minderjährig oder erwachsen in der Öffentlichkeit über die Stränge schlagen sehen.
Autor:
Claudia Sarrazin, Sebastian Stricker


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