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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Drogentreff an der Johannisstraße
 
Drogentreffpunkt: Anlieger sind besorgt
Zwischenüberschrift:
"Wir haben große Not" – Kaufleute an der Johannisstraße rufen um Hilfe
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück. Geschäftsleute und Anlieger an der Johannisstraße machen ihrem Unmut über die ihrer Meinung nach schwierige Situation an ihrer Straße Luft. Das Problem: An der Straße und auch am Salzmarkt hat sich eine Drogenszene etabliert.
" Wir haben große Not", sagen die Kaufleute. Sie beklagen die Verschmutzung ihrer Straße und des Umfeldes sowie Übergriffe auf Anwohner und Kunden. Die Polizei ist regelmäßig vor Ort, hat vor allem die Dealer im Visier. Etliche Platzverweise wurden bereits ausgesprochen. Eine Lösung des Problems konnte indes nicht herbeigeführt werden.
Zur Szene gehören auch zahlreiche substituierte Drogenabhängige, die in umliegenden Praxen behandelt werden.

Osnabrück. Über die gesamte Stadt verteilt gibt es in Osnabrück mehrere Treffpunkte Drogenabhängiger. Die meisten sind problemlos, der Treff an der Johannisstraße und auf dem Salzmarkt hingegen beschäftigt zunehmend Anlieger, Ordnungsamt, Polizei und Hilfsorganisationen.

Eigentlich stecken alle Beteiligten in einem Dilemma: Anlieger und Geschäftsleute fürchten um den Ruf ihrer Johannisstraße und möchten das Thema lieber nicht breittreten, sehen aber auf der anderen Seite keine andere Chance auf Hilfe als durch die Sensibilisierung der Öffentlichkeit. Ordnungsamt und Polizei möchten gerne helfen, können aber nur bei Gesetzesverstößen in Aktion treten. Organisationen wie zum Beispiel das Diakonische Werk, das viele Drogenabhängige betreut, versteht den Unmut von Bewohnern und Handel, will aber auch seine Klientel nicht ohne Schutz lassen.

Bekannt ist die missliche Situation schon länger. Aber wo soll angesetzt werden? Die Problemlage ist vielschichtig, hat nicht nur mit Sucht und Drogenhandel zu tun. Die erste sich aufdrängende Frage ist die nach dem Warum. Warum sind gerade Salzmarkt und Johannisstraße so beliebt bei den Drogenabhängigen, die ungefähr 75 Prozent der problematischen Klientel in diesem Bereich stellen? Die Antwort ist in den Augen der Anlieger leicht zu finden, zeigt aber im gleichen Atemzug die Besonderheit der Situation auf. Ein großer Magnet sei eine Gemeinschaftspraxis in der Nähe, die als Substitutionspraxis Drogenabhängige betreut, die dort unter anderem Methadon bekommen, ein Medikament, das als Ersatzmittel für Heroin eingesetzt wird. Anders als Heroin erzeugt Methadon keinen Rauschzustand, es gibt also keinen Kick. Gleichzeitig kann es Entzugserscheinungen lindern. Gedacht ist das Methadonprogramm, das von den Krankenkassen finanziert wird, als ein Weg zum weichen Ausstieg aus der Drogensucht. Methadonsubstituierte können durchaus wieder am Arbeitsleben teilnehmen, Familie haben und ein drogen- und kriminalitätsfreies Leben führen. Aber das schaffen nicht alle.

" Wir haben große Not", sagen Sabine und Cord Backhauß. Sie sind Inhaber der Salzmarktapotheke, vor deren Eingang sich die Drogenabhängigen gerne aufhalten. Gleich nebenan liegt ein Discounter, in dem sich die Szene vor allem mit Alkohol eindeckt. Auch Oliver Büker, Inhaber des gleichnamigen Fahrradgeschäfts, leidet unter der Situation. Alle drei berichten von Zwischenfällen mit randalierenden Abhängigen, von Verschmutzung und von Spritzen, die sie immer wieder in der näheren Umgebung finden. " Viele Menschen trauen sich nicht mehr in unsere Geschäfte", sagen sie. Das Stichwort " Bronx von Osnabrück" mache die Runde. Anlieger und Geschäftsleute suchen den Kontakt mit Ordnungsamt und Polizei. Die kontrollieren schon seit geraumer Zeit regelmäßig, eine grundlegende Änderung konnte dadurch in den Augen der Geschäftsleute aber noch nicht erreicht werden. " Natürlich muss man das Schicksal der Betroffenen im Auge haben", sagen sie mit Blick auf die Abhängigen. Gleichzeitig fordern sie aber auch, dass dabei nicht die Sorgen und Nöte von Anliegern und Kaufleuten vergessen werden dürften. Das Kernproblem liegt ihrer Meinung nach in der hohen Patientenzahl der Substitutionspraxis in der Bischofstraße.

In der Gemeinschaftspraxis werden 150 Patienten substituiert. Vier Ärzte praktizieren hier. Einer von ihnen ist der niedergelassene Hausarzt Georg Meyer. Er wehrt sich gegen den Vorwurf, es seien die Patienten seiner Praxis, die für die Situation verantwortlich zu machen seien. " Wir fordern unsere Patienten auf, den Nahbereich nach der Behandlung umgehend wieder zu verlassen, und kontrollieren das auch." Mit positivem Ergebnis, wie Meyer sagt. In seiner Praxis werde schon seit mehreren Jahren substituiert. Die Probleme seien erst etwa vor einem Jahr aufgetreten. Meyer macht dafür unter anderem die Schließung von zwei Substitutionspraxen in Belm und in Bramsche verantwortlich. Nun kämen die Patienten nach Osnabrück, suchten hier ihre Ärzte auf und träfen sich dann am Salzmarkt.

Mit seinen Worten liefert Meyer auch die Erklärung für die Ballung vieler Patienten auf einige wenige Praxen. Denn es gibt immer weniger Hausärzte, die sich bereit erklären, Drogenabhängige zu substituieren. Jeder Mediziner, der Methadon oder andere Präparate zur Substitution ausgeben will, muss eine Zusatzqualifikation erwerben und auch seine Praxis auf diese Aufgabe ausrichten. So müssen die Mittel, die unter das Betäubungsmittelgesetz fallen, sicher aufbewahrt werden. Die Abgabe erfolgt täglich unter Kontrolle, das heißt auch an Wochenenden und Feiertagen.

" Das ist keine Versorgung, um die sich die Ärzte reißen", weiß Oliver Christoffer, Geschäftsführer der Bezirksstelle Osnabrück der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN). In Osnabrück gebe es 14 Ärzte, die substituierten, die Mehrheit habe allerdings nur zwei bis drei Patienten. " Die Ärzte hängen das nicht an die große Glocke", weiß Christoffer. Die Befürchtung, dass die Drogenklientel die übrige Patientenschaft vergraulen könnte, sei groß. Die Salzmarktproblematik kennt auch Christoffer. Die KVN ist auch am Netzwerk Salzmarkt beteiligt, in dem auch Polizei Ordnungsamt, Ärztevertreter, die Stadt und weitere Organisationen engagiert sind. Da die Substitution durch den Gesetzgeber an die Hausarztpraxen vergeben worden sei, gebe es für die KVN keine Handhabe, Einfluss auf die Standortfrage zu nehmen.

Die Abgabe von Methadon und anderen substituierenden Präparaten anders zu organisieren sei eine gesellschaftspolitische Aufgabe, sagt Christoffer. KVN und Ärzteschaft sind da in seinen Augen außen vor. Einen Strategiewechsel aber hält er zumindest in absehbarer Zeit für unwahrscheinlich.

" Wir sind am Salzmarkt schon seit Längerem sehr präsent", sagt Polizeisprecher Georg Linke. In Zusammenarbeit mit dem OS-Team habe man ein wachsames Auge auf die Szene. Gefahrenabwehr und Strafverfolgung seien die Schwerpunkte polizeilicher Arbeit. Der Bereich werde " intensiv bestreift". Vor allem die Rauschgifthändler stehen im Fokus der Polizei. " Wir haben schon etliche auch langfristige Platzverweise ausgesprochen", so Linke.
Bildtexte:
Beliebter Treffpunkt vor allem bei schlechtem Wetter ist der Durchgang unter dem Ärztehaus am Salzmarkt.
Sie sorgen sich um ihre Johannisstraße (v. l.): Sabine und Cord Backhauß sowie Oliver Büker.
Fotos:
Gert Westdörp, Dietmar Kröger

Kommentar
Eine harte Nuss

Die Johannisstraße ist das Sorgenkind der Stadt abgehängt von der Fußgängerzone, belastet mit Bus- und Autoverkehr, kämpft sie um jedes Quäntchen Attraktivität.

Dass da eine öffentliche Drogenszene für Einzelhändler und Anlieger überflüssig ist wie ein Kropf, darf niemanden verwundern. Man kann den Kaufleuten nur wünschen, dass sich die Situation an Salzmarkt und Johannisstraße entspannt und sie angstfrei ihren Geschäften nachgehen können.

Nur ist der Ausgleich zwischen den berechtigten Interessen der Kaufleute und der bloßen Existenz einer Substitutionspraxis nicht so einfach herzustellen. Die Mediziner erfüllen einen gesellschaftlichen Auftrag. Und die Gesellschaft kann froh sein, dass es noch Ärzte gibt, die sich dieser Aufgabe stellen. Auch kann man Drogenabhängigen, nur weil sie ebensolche sind, nicht den Aufenthalt auf einem öffentlichen Platz verbieten. Es ist also eine harte Nuss, die es da zu knacken gilt.

Der Traum, einen von der Stadt zu definierenden Ort zu finden, an dem substituierende Ärzte ihrer Tätigkeit nachgehen können und ihre Klientel vor und nach den Behandlungsterminen niemanden stört, dürfte allerdings auf lange Sicht ein Traum bleiben.
Autor:
Dietmar Kröger


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