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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Eine Kaisereiche als Symbol des Friedens
Zwischenüberschrift:
Neuntklässler gestalten "Objekte der Erinnerung" – Zeichen gegen Verherrlichung des Krieges
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. 100 Jahre sind mittlerweile vergangen, seitdem der Erste Weltkrieg ausbrach. Eine lange Zeit, mag man meinen. Doch die Kämpfe, die zwischen 1914 und 1918 auf Europas Schlachtfeldern tobten, gehen uns alle etwas an so lautet zumindest die Lektion, die Neuntklässler der Thomas-Morus-Schule gelernt haben. Sie beschäftigen sich seit Beginn des Schuljahres mit der " Erinnerungskultur des Ersten Weltkrieges" und haben dabei ein ganz besonderes Projekt auf die Beine gestellt.

Er forderte Millionen Menschenleben und führte den europäischen Kontinent ins Chaos sowie das Deutsche Reich zunächst an den Rand des Zusammenbruchs und später in den Nationalsozialismus. Dennoch wurde der Erste Weltkrieg vor allem in Deutschland nach 1918 vor allem von reaktionären und rechtsradikalen Gruppen rückblickend idealisiert. Die Schüler des Wahlpflichtkurses Politik der Thomas-Morus-Schule möchten mit ihrem Projekt ein Zeichen gegen die nachträgliche Verherrlichung des Krieges in der Zeit der Weimarer Republik und des Dritten Reiches setzen.

Aspekte des Krieges

Dazu haben sie insgesamt zwölf mit der Unterstützung von Sponsoren, wie Klöckner Stahl- und Metallhandel sowie Amazone, " Objekte der Erinnerung" geschaffen. Jedes besteht aus einem rostenden Stahlgestell mit einem verstellbaren Boden, das mit einer Foto- oder Grafikplatte abgedeckt wird. Das Konzept ist einfach: Jede Platte behandelt einen anderen Aspekt des Ersten Weltkrieges. Das sind unter anderem die Kriegspropaganda, der Luftkrieg und die Einbindung der Bevölkerung in den Krieg. Auf den Platten ist jeweils eine Fotografie oder eine Grafik abgedruckt, die der Aussage des Textes widerspricht, der passend zu der Thematik ausgewählt und ebenfalls auf der Platte abgebildet wurde. So steht beispielsweise eine Zeichnung von Otto Dix, auf der die Zerstörung und der Tod auf den Schlachtfeldern dargestellt werden, direkt neben einem Zitat des Malers zu Beginn des Krieges, in dem das Grauen an der Front in keiner Zeile erwähnt wird. Um ihre Angehörigen in der Heimat nicht zu beunruhigen, hätten die Soldaten in ihren Feldpostbriefen häufig das Leiden auf den Schlachtfeldern verschwiegen, erzählt Lehrer Dieter Ostendorf. In der zweiten Kriegshälfte verhinderte die Zensur zudem, dass Nachrichten von dem Schrecken an der Front in die Heimat gelangten.

Die Neuntklässler wollen mit ihrem Projekt derartige Widersprüche aufdecken und die Lügen in der offiziellen Kriegspropaganda aufdecken wie zum Beispiel die Behauptung, die Frauen in der Heimat seien von den Kriegsgeschehnissen unberührt geblieben. Diese Aussage konkurriert mit zeitgenössischen Zeugnissen, in denen die Dimension eines die gesamte Gesellschaft ergreifenden Volkskrieges offenbar wird, in dem die Frauen die Abwesenheit der Männer in der Heimat kompensieren und in den Rüstungsbetrieben schuften mussten.

Die " Objekte der Erinnerung" werden zudem mit einer besonderen Symbolik versehen und das gleich in doppelter Hinsicht. Zum einen haben die Schüler im vergangenen Herbst Eicheln einer Eiche aus Wallenhorst aufgesammelt, die 1913 anlässlich des 25-jährigen Thronjubiläums von Kaiser Wilhelm II. gepflanzt worden war. Die Neuntklässler haben die Früchte in über 250 Töpfen eingepflanzt; nun haben sie gekeimt und können mit dem Projekt verbunden werden. Die Platten mit den Grafiken und Fotos enthalten nämlich Löcher, durch die jeweils eine Eiche, die auf dem verstellbaren Boden steht, herauswachsen soll ein Symbol des Friedens, der gedeihen soll.

Zweitens wird im Boden der Objekte das " Reichsarchiv des Ersten Weltkrieges", das sind Ende der 1920er-Jahre von staatlicher Seite herausgegebene Bücher, in denen der Krieg verherrlicht wurde, mit einer Stahlklammer eingeschweißt. Das Buch solle dadurch symbolisch der Zerstörung preisgegeben werden; es vergammele mit der Zeit, betont Lehrer Felix Trentmann. Den Kindern hat die Arbeit an dem Projekt sehr viel Spaß bereitet; sie haben ein Bewusstsein für die Schrecken des Krieges bekommen.

Persönlicher Bezug

Und nicht nur das: Sie haben gelernt, dass der Erste Weltkrieg auch sie noch stärker betrifft als zuvor angenommen sie konnten sogar einen persönlichen Bezug zu dem Krieg gewinnen. " Beim Stöbern auf dem Dachboden bin ich auf alte Feldpostbriefe von meinem Uropa gestoßen. Das war schon sehr interessant", erzählt ein Schüler. Die Mühe, die sich die Neuntklässler mit dem Projekt gemacht haben, zahlt sich aus: So werden die zwölf " Objekte der Erinnerung" Ende Mai für vier Wochen im Museum für Industriekultur ausgestellt; auch im Forum am Dom werden sie zu sehen sein.

Geht es nach den beiden Lehrern Trentmann und Ostendorf, so könnten die Projektarbeiten auch noch in weiteren öffentlichen Räumen der Stadt bestaunt werden. So ist es für Institutionen, Firmen und Privatpersonen möglich, die zwölf Objekte zu leihen oder gar zu erwerben. Interessenten können sich bei Felix Trentmann unter der E-Mail-Adresse fetre@ t-online.de melden.
Bildtexte:
Stolz auf ihr Werk: Die Neuntklässler der Thomas-Morus-Schule haben bei der Projektarbeit viel über den ersten Weltkrieg gelernt.
Gegen die Verherrlichung des Krieges: Die Bücher des Reichsarchivs sollen der Verwitterung preisgegeben werden.
Fotos:
Egmond Seiler
Autor:
Christian Lang


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