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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Stadtwaage wird zum Teil barrierefrei
 
Stadtwaage wird zum Teil barrierefrei
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Umbau von Osnabrücks Trauzimmer kostet 90 000 Euro – Behindertenforum unzufrieden
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Originaltext:
Osnabrück. Seit Anfang der Woche laufen die Bauarbeiten an der Stadtwaage. Für 90 000 Euro wird eine Hebebühne in das Baudenkmal eingebaut, um Rollstuhlfahrern den Zugang zum Trauzimmer zu ermöglichen. Oberbürgermeister Wolfgang Griesert will mit dem barrierefreien Umbau des Gebäudes ein Versprechen vom Beginn seiner Amtszeit einlösen. Dabei sind 90 000 Euro für eine Hebebühne nicht eben wenig. Hintergrund: Die Kostenschätzung beinhaltet den gesamten Umbau: Treppe und Windfangtür müssen verlegt werden, um Platz für die Anlage zu schaffen. Das Behindertenforum ist mit der Lösung nicht glücklich und favorisiert einen Aufzug. Der würde in jedes Stockwerk und nicht nur zum Trauzimmer führen.

Osnabrück. Eine Hebebühne soll das beliebte Trauzimmer in der Stadtwaage endlich auch für Rollstuhlfahrer frei zugänglich machen. Seit Montag wird die Anlage mit großem Aufwand in das Baudenkmal eingebaut. Kosten: 90 000 Euro. Für das Behindertenforum ist es reine Geldverschwendung.

Oberbürgermeister Wolfgang Griesert (CDU) will mit dem barrierefreien Umbau des Gebäudes anno 1532 ein Versprechen vom Beginn seiner Amtszeit einlösen. Damals hatte unsere Redaktion von einer " Hochzeit mit Hindernissen" berichtet: Eine schwerbehinderte 86-Jährige drohte die Trauung ihrer Enkelin zu verpassen, weil die Treppe in der Stadtwaage für sie unüberwindlich war.

Kein Einzelfall. Doch ihre Geschichte machte ein jahrzehntelanges Dilemma besonders deutlich. Denn seit in dem historischen Haus am Markt geheiratet wird, müssen Menschen im Rollstuhl draußen bleiben. Oder sich samt ihrem mitunter zentnerschweren Untersatz von starken Helfern (notfalls der Feuerwehr) über die Stufen tragen lassen was viele als Demütigung empfinden. Auch Eltern mit Kinderwagen gelangen nicht ins Trauzimmer, ohne die Ärmel hochzukrempeln.

Bis März geschlossen

Nun scheint die vom Stadtoberhaupt geforderte Lösung gefunden. " Um die 90 000 Euro" teuer sei sie, sagt Dirk König vom zuständigen Eigenbetrieb Immobilien- und Gebäudemanagement. Eine Stange Geld für eine Hebebühne. Doch der Denkmalschutz mache das Vorhaben nun einmal " etwas aufwendiger". Die Kostenschätzung beinhalte den gesamten Umbau: Treppe und Windfangtür in der Stadtwaage müssen verlegt werden, um Platz für die Anlage zu schaffen. An diesem Montag ging es los, bis Ende März könnten sich die Arbeiten hinziehen, erklärt König. Damit das beliebteste Trauzimmer Osnabrücks rechtzeitig zur Hochzeitssaison wieder zu gebrauchen sei, habe man dafür bewusst eine " publikumsarme Zeit" gewählt.

Für das Behindertenforum kommt der lange geplante Umbau dennoch überstürzt. Vorsitzende Petra Mathiske wartet nach eigenem Bekunden noch immer auf das Protokoll einer Baubesprechung im großen Kreis von Anfang November, bei der sie zahlreiche Bedenken angemeldet habe. " Umso entsetzter bin ich nun, dass mit dem Bau bereits begonnen wird." Antworten auf wichtige Detailfragen etwa zur Handhabung des favorisierten Geräts würden ihr weiterhin fehlen.

Nur so viel scheint klar: Es handelt sich um einen Lift, dessen Plattform eben in den Boden eingelassen wird und auf Knopfdruck hoch- und runterfährt. Die gesamte Apparatur wird damit bei Nichtgebrauch nahezu unsichtbar. Allein ein Bügel mit Armatur ragt heraus. Doch auch der sei filigran genug, um das Gesamtbild im Eingang des betagten Gemäuers nicht zu trüben, heißt es. Wohl ein Zugeständnis an den Denkmalschutz.

Weitere Hinweise auf das gewählte Modell gibt ein Protokoll aus der Frühphase der Planung, das unserer Redaktion vorliegt. Es enthält in der Anlage unter anderem die Produktbeschreibung eines dänischen Herstellers. Darin ist von einer 1, 45 mal 1, 08 Meter großen Plattform die Rede, die in einer 15 Zentimeter tiefen Grube verschwindet. Versprochen wird je nach Ausführung eine maximale Tragfähigkeit von 375 bis 450 Kilogramm. Die Hubhöhe beträgt bis zu einem halben Meter, seitwärts werden am Ende durch automatisches Verschieben der Rollfläche bis zu 90 Zentimeter überbrückt. Ein Internetvideo der Firma zeigt die Hebebühne in Betrieb: Im versenkten Zustand fährt sie zunächst einen schmalen Rahmen zur Absturzsicherung aus, bringt den Nutzer dann auf die programmierte Höhe und lässt ihn schließlich mitsamt Plattform über die Stufen schweben.

Was elegant aussieht, bereitet Petra Mathiske allerdings heftige Bauchschmerzen. Aus Sicht des Behindertenforums sei ein Plattformlift dieser Art " für ängstliche und unsichere Menschen nicht genügend gesichert". Außerdem könnten ihn Rollstuhlfahrer mit gelähmtem Oberkörper nicht selbstständig bedienen.

Besser einen Aufzug?

Für Helfer wiederum sei auf der Plattform kein Platz. Eine kabellose Fernbedienung wäre zwingend erforderlich, was aber neue Probleme verursache. " Sie darf nirgendwo herumliegen, um Vandalismus vorzubeugen, darf aber auch nicht unter Verschluss gehalten werden", sagt Mathiske.

Überhaupt sei das Behindertenforum mit der Plattformlift-Lösung " nur zähneknirschend einverstanden". Sie erschließe allein das Trauzimmer, nicht aber die übrigen Stockwerke der öffentlich genutzten Stadtwaage. Petra Mathiske: " Das ist halb gar!"

Bevorzugt werde von der Interessenvertretung weiterhin ein Aufzug über alle Etagen. Ein solcher werde im Zuge der Inklusion ohnedies unabdingbar, ist die Vorsitzende überzeugt. " 90 000 Euro für eine Hebebühne sind deshalb nicht nur wahnsinnig viel, sondern auch Geldverschwendung. Baut die Stadt irgendwann einen richtigen Aufzug ein, muss sie doppelt Geld ausgeben."

Rückblick: Hochzeit mit Hindernissen im Standesamt Osnabrück unter www.noz.de/ stadtwaage
Bildtexte:
Behindertengerechter Umbau der Stadtwaage: Die Stufen und die Schwingtür sollen zugunsten einer Hebebühne versetzt und der Zugang zum Trauzimmer damit barrierefrei werden.
Trauungen finden bis zum Abschluss der Bauarbeiten vor allem im Steinwerk am Heger Tor statt so wie hier am Freitag, als Standesbeamtin Anja Knostmann die Osnabrücker Melanie Tilch und Tobias Bringer vermählte.
Fotos:
Gert Westdörp, Horst Troiza

Kommentar
Hebebühne versenkt Geld auch?

Schätzungsweise 90 000 Euro nimmt die Stadt in die Hand, um für Rollstuhlfahrer eine kleine Treppe in einem öffentlich genutzten Denkmal zu überbrücken. Da mag sich dem einen oder anderen die Frage stellen: Wird hier im Namen der Barrierefreiheit nur eine schicke Hebebühne im Boden versenkt oder auch jede Menge Geld? Die gewählte Lösung scheint trotz langer Vorbereitung alles andere als ideal zu sein. Das Behindertenforum als maßgebliche Vertretung jener Gruppe, für die der Zugang zum beliebtesten Trauzimmer Osnabrücks überhaupt umgestaltet wird, bemängelt eine unausgegorene Planung. Vieles sei nicht zu Ende gedacht und wenn doch, nur unzureichend kommuniziert worden. Nach Ansicht der Vorsitzenden wäre es sogar klüger, ganz auf den Plattformlift und seine sündhaft teure Installation zu verzichten. Stattdessen möge man (für freilich noch mehr Geld) einen Aufzug einbauen, der alle Geschosse des Hauses auf einmal erschließt.

Mit Blick auf Gesetze, Verordnungen und das Postulat der Inklusion ist das sicher mehr als ein frommer Wunsch. In einer Zeit, in der die Stadt jeden Euro, den sie ausgibt, mehrmals umdrehen muss, kann er mit öffentlichen Mitteln allerdings kaum erfüllt werden. Und solange sich nicht wie 2006 beim Einbau des " Friedenslifts" im Rathaus durch die Firma Osma ein edler Spender findet, scheint einfach nicht mehr drin zu sein für Gehbehinderte.

Unter diesen Umständen ist die Hebebühne wohl der beste Kompromiss, wenn sich überhaupt etwas an der misslichen Lage ändern soll. Denn er löst den größten Teil des Problems und berücksichtigt zugleich die berechtigten Interessen des Denkmalschutzes.

Wenngleich sie es sind, die das Unterfangen so teuer machen.
Autor:
Sebastian Stricker


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