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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Selbst der Lehrer kam zu spät
Zwischenüberschrift:
Die alte Pyer Schule war in einem Heuerlingskotten untergebracht
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Wer klagt da über die Unterbringung von Schülern in Containerklassen? Sie wären vor 200 Jahren ein unvorstellbarer Luxus gewesen. Damals drückten die Pyer Kinder in diesem Kotten die Schulbank. Die alte Pyer Schule wurde 1988 abgerissen. Eine Straße dieses Namens im Baugebiet Wöstefeld hält die Erinnerung an sie wach.

Erste Lehrperson in Pye war ein gewisser Minnerup, der Heuermann, also Kleinpächter, beim Bauern Gösling war. Quasi im Nebenerwerb und ohne dafür besonders ausgebildet zu sein, hielt er in einer Stube seines hier abgebildeten Heuerhauses den Schulunterricht für Kinder aus Pye, Hollage und vom Gut Eversburg ab. Schule war nur im Winter. In der warmen Jahreszeit war die Arbeitskraft der Kinder in der Landwirtschaft unentbehrlich. Das änderte sich 1818, als eine neue Schulordnung im Königreich Hannover die ganzjährige Schulpflicht durchsetzte.

Mehr als 50 Jahre, nämlich von 1788 bis 1842, unterrichtete Minnerup stets so um die 60 Kinder. Um sein Gehalt aufzubessern, war er nebenbei als Dorfschlachter tätig. Und später fütterten die Eltern ihren Dorfschullehrer sogar mit einem " freien Reisetisch" durch: Reihum kam der Schulmeister mittags zu den Bauern zum Essen. Der Schulraum war in einem schlechten Zustand: Der Lehmfußboden hatte tiefe Löcher, die Türen waren mit Lappen zugestopft, und der Giebel drohte einzustürzen.

Eine Verbesserung der Raumsituation trat 1829/ 30 ein, als der Wallenhorster Pastor Thies den Bauern Gösling dafür gewinnen konnte, einen Anbau an das Heuerhaus von etwa acht mal acht Metern zu gestatten. Das war ein Fortschritt, aber die Schulverhältnisse insgesamt blieben mangelhaft, wie man in den Visitationsberichten der staatlichen Schulaufsicht, eine Art Vorläufer des Schul-Tüv, nachlesen kann. Schulrat Brandi beschrieb 1877 das Schulgebäude als " im ganzen sehr elend, […] das Portal ist ganz verfallen, die Thür besteht aus einer Klappe, welche an einem unbehauenen Pfosten hängt. Das Schullokal ist niedrig und sehr dunstig, weil ungenügend ventiliert. Die Schule ist durch und durch unordentlich gehalten, daran ist theils das traurige Lokal schuld, theils aber auch der Lehrer."

Der Lehrer das ist 1877 nicht mehr Herr Minnerup, sondern der gebürtige Belmer Joseph Ossenbeck kriegt im Inspektionsbericht ordentlich sein Fett weg. Brandi: " Um neun Uhr sollte die Schule beginnen, da waren die Schulkinder erst zur Hälfte da, die Tochter des Lehrers kam spät, der Lehrer selbst noch viel später, nämlich um 10 ½ Uhr. Er entschuldigte sich mit Krankheit, Erbrechen etc." Als Grund für die Verspätung eines großen Teils der Kinder hatte Brandi ermittelt, dass sie morgens ab fünf Uhr Vieh füttern und hüten mussten.

Unter Lehrer Bernhard Meßmann, der von 1887 bis 1901 die Pyer Kinder unterrichtete, begann mit dem Neubau einer Lehrerwohnung (1890) und eines zweiklassigen " Neuen Schullokals" (1894) eine neue Ära des Pyer Schulwesens. Der bis heute existierende Schulstandort östlich der Straße Am Stollenbach wurde begründet. Die alte Kottenschule westlich der Straße diente fortan nur noch Wohnzwecken.

In den 1970er-Jahren war es auch damit vorbei. Der Kotten verfiel zusehends. Anwohner sahen in ihm einen " Schandfleck" und forderten den Ortsbürgermeister auf, für den Abriss zu sorgen. Gegenstimmen, darunter der Bezirkskonservator in Oldenburg, sprachen sich für den Erhalt aus. Der städtische Denkmalpfleger Günter Hasselmann schwärmte von dem gut erhaltenen Ständerwerk der Deele mit natürlich gewachsenen Knaggen. Bis auf einen kleinen späteren Einbau sei die Deele noch in ihrer Ursprünglichkeit erhalten, was Seltenheitswert besitze. Aber die Suche nach einer Nutzung in Verbindung mit einer Finanzquelle für die Restaurierung schlug fehl, und so war der Abriss 1988 nicht mehr zu vermeiden. Die Straßen Am Stollenbach, Wöstefeld und Alte Pyer Schule rahmen heute den früheren Kotten-Standort ein. Hinter einer Trafostation ist mit etwas Mühe ein zugewachsener Hügel zu erkennen. Das war der " Kühlschrank des 19. Jahrhunderts", ein Erdkeller für die Aufbewahrung von Vorräten der Heuerlingsfamilie in der alten Pyer Schule.
Bildtexte:
Schule vor 200 Jahren fand oftmals in umgenutzten landwirtschaftlichen Gebäuden statt. Der Kotten des Bauern Gösling diente von etwa 1788 bis 1894 als Schule. Hier ein Foto kurz vor dem Abriss aus dem Jahr 1988.
Der frühere Standort des Schulkottens ist jetzt eine Grünparzelle im Eck der Straßen Am Stollenbach (rechts) und Wöstefeld (links einmündend).
Foto:
Archiv/ Michael Hehmann, Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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