User Online: 1 | Timeout: 12:03Uhr ⟳ | Ihre Anmerkungen | NUSO | Info | Auswahl | Ende | AAA  Mobil →
NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Datensätze des Ergebnis
Suche: Auswahl zeigen
Treffer:1
Sortierungen:
Anfang der Liste Ende der Liste
1. 
(Korrektur)Anmerkung zu einem Zeitungsartikel per email Dieses Objekt in Ihre Merkliste aufnehmen (Cookies erlauben!)
Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Ein Blick ins Archiv
 
Was geschah 1986 in Tschernobyl?
 
Hilfe für Gomel-Kinder
 
Urlaub in der Sperrzone
Zwischenüberschrift:
Ein Hintergrundbericht über das Reaktorunglück im ukrainischen Tschernobyl
 
Was Osnabrück und Tschernobyl miteinander zu tun haben
 
Katastrophentouristen suchen den Kick an düsteren und gefährlichen Orten
Artikel:
Kleinbild
 
Kleinbild
 
Kleinbild
 
Kleinbild
 
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Die letzte Klasse-Seite hat uns zum Nachdenken gebracht. Und da sich die Tschernobylkata strophe Ende April erneut jährte, haben wir das zum Anlass genommen, mal in das Archiv der Neuen Osnabrücker Zeitung zu schauen. Kurz nach der Katastrophe war in der Zeitung noch nicht viel zu lesen. Erst im Mai 1986 wurden die Berichte über den Unfall ausführlicher. Nicht nur im Politikteil der Tageszeitung beherrschte Tschernobyl das Thema, auch in der lokalen Berichterstattung war es dominierend. So sollten die heimischen Bauern ihr Vieh im Stall lassen, der Milchhof in Georgsmarienhütte unterlag strengsten Kontrollen, und Gemüse, Wasser und Spielplatzsand wurden untersucht. Viele Menschen gingen am 10. Mai bei einer Demo auf die Große Straße und machten ihrem Unmut Luft. " Wir fordern vollständige Information der Bevölkerung", stand da auf Transparenten geschrieben. Schreckliche Bilder von missgebildeten Kindern haben wir im Bilderarchiv gefunden, und die Aufnahmen von Arbeitern, die mit Gasmasken den Schutt des Atomkraftwerkes beseitigt haben, vermitteln eine gespenstische Atmosphäre.
Wir aus der Jugendredaktion können uns das nur schwer vorstellen, weil wir die Tschernobylkatastrophe nicht erlebt haben. " Was damals passiert ist, ist schrecklich. Ich kann gut nachvollziehen, dass auch die Osnabrücker Bürger sehr besorgt waren, da man derzeit über die Auswirkungen eines Super-GAUs nicht allzu viel wusste. Ich finde, neben der regionalen Betrachtung darf aber nicht vergessen werden es gibt Menschen und Regionen, die es wesentlich schlimmer getroffen hat. Diesen gilt das Gedenken", so Jungredakteurin Friederike Kalkmann. Und das Unglück zeigt, wie unberechenbar Atomkraft ist und dass die Auswirkungen eines GAUs noch Generationen danach betreffen.

Osnabrück. Mai 1986. In der Kühlhalle des Erzeuger-Großmarkts Gartenbau in Osnabrück-Nahne stapeln sich die Kisten mit Kopfsalat zu Hunderten. Der Absatz ist in den letzten Wochen immens zurückgegangen. An Tagen, an denen zuvor 800 bis 1000 Kisten Salat verkauft wurden, sind es in diesem Mai nur 150 bis 200. Die Genossenschaft rät den Lieferanten, Blattgemüse nicht weiter zu ernten. Geschäftsführer Oberwestberg sieht den Grund hauptsächlich in der allgemeinen Verunsicherung der Käuferschaft, schrieb damals Redakteurin Elke Haug in der Neuen Osnabrücker Zeitung.

1695 Kilometer östlich in Tschernobyl, einer Stadt in der heutigen Ukraine nahe Kiew, ereignete sich einige Tage zuvor ein tragischer Unfall. Am 26. April 1986 gerät ein Experiment im Block 4 des Atomkraftwerkes außer Kontrolle. Es kommt bei einer Versuchsreihe zu einer rapide erhöhten Reaktorleistung. Die Betriebsmannschaft versucht eine Notabschaltung, doch die kommt zu spät. Es hat sich durch die Aufheizung und Verdampfung schon zu viel Druck in dem Reaktor gesammelt. Es kommt zu einer ersten Explosion, bei der radioaktives Material in die Luft geschleudert wird. Wenige Sekunden danach explodiert es ein zweites Mal. Es entsteht eine radioaktive Staubwolke, und strahlenbelastetes Material wird durch den Wind über weite Teile Europas verteilt. Auch Deutschland ist davon betroffen.

Der Grafitmantel des Reaktors brennt weiterhin. In den nächsten Tagen werfen Militärhubschrauber mehrere Tausend Tonnen Dolomitgestein, Bor, Bleibarren, Sand und Lehm ab, um die Grafitbrände zu ersticken, die Kettenreaktion zu stoppen, die Strahlung einzudämmen und freigesetzte Partikel zu filtern. Allmählich zeigen die Abwürfe Wirkung. Es wird mit einer Evakuierung aller Wohngebiete in einem Radius von 30 Kilometern begonnen: 85 000 Menschen müssen ihre Wohnungen verlassen, und 70 Ortschaften im Gebiet Kiew und im Gebiet Gomel werden aufgegeben. In dem Block 4 des Kraftwerkes brennt es mehrere Tage später immer noch. Der Reaktor wird untertunnelt, und es wird ein provisorisches Kühlsystem errichtet, berichtet " Die Zeit". Allmählich kühlt der Reaktor ein wenig ab. Hunderte Bergleute sind noch immer im Einsatz.

Arbeiter in Tschernobyl sterben an den unmittelbaren Folgen der Strahlung. Es kommt in der folgenden Zeit zu Totgeburten und Fehlbildungen. Für 1986 bis 1992 bedeutet das in der östlich-europäischen Ländergruppe 1639 zusätzliche Totgeburten, schreibt Physikerin Inge Schmitz Feuerhake in ihrem wissenschaftlichen Artikel zum 20. Jahrestag des Unglücks. In den Jahren 1988 und 1989 wurde ein Anstieg der Totgeburten von rund 35 Prozent festgestellt. Die Zahl der Krebserkrankungen steigt seit dem Reaktorunglück erheblich. Laut dem Otto-Hug-Strahleninstitut ist bereits Ende 1990 in Belarus das Schilddrüsenkrebsrisiko bei Kindern gegenüber dem Jahresmittelwert vor 1986 um mehr als das 30-Fache er höht.

Die Ungewissheit über die Auswirkungen lässt auch den Osnabrückern keine Ruhe. Blattgemüse aus eigenem Gartenanbau wird kaum noch gegessen, aus Angst vor Strahlung, aus Angst vor Krankheit. Das Ministerium für Ernährung und Landwirtschaft in Hannover ordnet an, alle zwei Tage Proben an das Untersuchungsamt bei der Landwirtschaftskammer Oldenburg zu senden, berichtet der Erzeuger-Großmarkt in Nahne. Doch noch herrscht Ungewissheit, wie stark das Gemüse von der Strahlung belastet ist. Trauer, Verzweiflung und Wut seien Motivation für Widerstand, sagt damals Anton Große, der Sprecher einer Protestveranstaltung am 9. Mai 1986, der Neuen Osnabrücker Zeitung. Mit Parolen wie " Hopp, hopp, Atomanlagen stopp" zogen Hunderte Osnabrücker durch die Innenstadt. So erinnert sich Große auch heute noch an die Situation. " Viele Aktivisten fühlten damals eine Hilflosigkeit und grenzenlose Wut. Und es gab konkrete Ängste in der Bevölkerung", erzählt der 65-Jährige heute.

Gepackt von Angst und Schrecken über den bis dahin als extrem unwahrscheinlichen eingestuften Fall eines Super-GAUs sowie wütend über die Regierung, forderten einige Demonstranten auf Plakaten: " Vollständige Information der Bevölkerung! Stilllegung aller Atomanlagen!" Anton Große ärgerte vor allem die Regierung und dass sie keine Konsequenzen aus dem Unglück gezogen habe. " Der Kampf gegen AKWs ist noch immer Teil meiner politischen Aktivität. Aber ich glaube, dass Deutschland die Energiewende nicht durchzieht", sagt Anton Große heute.

Der Unfall im ukrainischen Tschernobyl liegt nun 28 Jahre zurück. Die Strahlung aber bleibt. 137-Cäsium etwa, ein Abfallprodukt der Kernspaltung, welches bei dem Reaktorunglück freigesetzt wurde, hat eine Halbwertszeit von über 30 Jahren. Dies bedeutet, dass nach 30 Jahren erst die Hälfte der vorhandenen Cäsiumkerne zerfallen ist. Das hat zur Folge, dass noch heute Pilze in manchen Regionen in Bayern mit Strahlung belastet sind. Ursache dafür sind ausgiebige Regenfälle nach dem Unglück im April 1986. Die Pilze nehmen das
Cäsium auf und bauen es in ihre Zellen ein. " Deshalb hat sich sie Situation in Bayern bisher kaum verändert", berichtet die Stiftung Warentest 2010.
Bildtexte:
Wut über die Politik treibt viele Osnabrücker damals zu Protesten auf die Straße.
Vernichtung von Kopfsalat beim Osnabrücker Obst- und Gemüsegroßmarkt.
Fotos:
Klaus Lindemann, Michael Hehmann

Was ist ein Super-GAU?

Der Begriff GAU steht für den " größten anzunehmenden Unfall" und meint den schlimmsten vorstellbaren Störfall bei dem Betrieb eines Atomkraftwerkes. Die Internetseite Planet Wissen berichtet: " 1979 kam es im amerikanischen Atomkraftwerk Three Mile Island (Pennsylvania) zum ersten Mal zum GAU: Die Brennstäbe konnten nicht mehr gekühlt werden und es setzte die sogenannte Kernschmelze ein."

Bei der Kernschmelze erhitzten sich die Brennstäbe so stark, dass sie schmolzen und die Gefahr einer Explosion bestand. Diese trat im amerikanischen Kraftwerk aber nicht ein. So blieben die Gefahren durch austretendes radioaktives Material für die Bevölkerung verhältnismäßig gering. Ist eine Reaktorkatastrophe dagegen nicht mehr beherrschbar, wird von einem Super-GAU gesprochen wie er im April 1986 in Tschernobyl eintrat. Mit Super- meint man, dass die Folgen des GAUs übertroffen werden. Die lateinische Bedeutung heißt so viel wie " darüber hinaus".

Osnabrück. Die Katastrophe in Tschernobyl von 1986 ist gefühlt ewig her damals war ich noch gar nicht auf der Welt. Als wir in der Jugendredaktion vor Kurzem über das Thema Tschernobyl geredet haben, fiel auch der Begriff Tschernobyl-Kinder. Ich konnte damit zuerst überhaupt nichts anfangen.
Über die Tschernobyl-Katastrophe wurde anfangs nur spärlich in den Medien berichtet, weil die Sowjetunion zuerst keinerlei Informationen weitergab. Der katastrophalen Ausmaße wurde man sich erst langsam bewusst.
Aber es gab Leute, die helfen wollten. Angeregt durch die kirchliche Aktion Sühnezeichen, die zunehmend Projekte im Osten startete, wurde um 1990 in evangelischen Kirchenkreisen angefragt, ob man sich an diesen beteiligen wolle, so erzählt es mir Karl-Heinz Rolfes, einer der Organisatoren des Tschernobylkinder-Projektes.
Ich erfuhr, dass zuerst Hilfslieferungen organisiert wurden, sodass Kleidung und Wäsche per Lkw zu den Betroffenen der Katastrophe, die neben der Strahlenbelastung von Armut und Hunger bedroht waren, gebracht werden konnten.
Aber man wollte noch mehr tun: So wurde auch eine Ferienaktion für die Kinder aus den verstrahlten Gebieten ermöglicht. Daher kommen seit dem GAU regelmäßig Kinder aus der Umgebung von Gomel nach Deutschland unter anderem auch nach Osnabrück.
Unbeschwerte Stunden
Das Ziel ist es laut Rolfes gewesen, den Kindern vier Wochen Ferien zu ermöglichen, in denen sie unbeschwerte Stunden erleben können und sich von Strahlung oder von deren Langzeitfolgen erholen. Denn laut dem Otto-Hug-Strahleninstitut für Gesundheit und Umwelt ist die gesamte Gegend von Gomel von der Reaktorkatastrophe stark betroffen, und die Menschen dort sind seit Jahren einer extremen Strahlenbelastung ausgesetzt. Zudem solle ihr angeschlagenes Immunsystem gestärkt werden. Die Vorbereitungen vor Ort übernimmt eine weißrussische Partnerorganisation, die unter anderem die Kinder für das Programm auswählt. Die Kinder kommen in Gastfamilien unter, in denen sie liebevoll betreut werden. Außerdem gibt es ein Programm für den Aufenthalt. Da die Sprache oft eine Barriere darstellt, werde für die Gasteltern ein Russisch-Crashkurs organisiert. Häufig würden sich auch russischsprachige Migranten beteiligen. Viele Gasteltern sind nun schon zum 23. Mal dabei, denn vom 4. Juni bis 2. Juli ist wieder eine Gruppe von etwa 43 Kindern in Deutschland. Allerdings lasse die Bereitschaft, weißrussische Kinder aufzunehmen, nach.
Meines Erachtens ist diese Entwicklung schade. Es eine tolle Sache, dass Menschen aus unserer Umgebung den Betroffenen der Tschernobyl-Katastrophe helfen. Somit rückt das Ereignis, das die Welt geschockt hat, auf einmal in unmittelbare Nähe und zeigt, wie langfristig Atomkatastrophen die Menschheit mit ihren negativen Nachwirkungen berühren.

Osnabrück. Die Atomkatastrophe am 26. April 1986 hat die ganze Welt erschüttert, und ihre Folgen sollen immer an die Gefahr von Atomkraftwerken erinnern.
28 Jahre nach dem Unfall in der Ukraine fahren heute Busse durch das Sperrgebiet, die Touren durch das Gebiet anbieten. Ein Fremdenführer, dessen Uniform an die eines Soldaten erinnert, leitet eine Gruppe bei ihrer Tour durch die Geisterstadt Pripjat an den Reaktoren vorbei. Lange Aufenthalte sind dort zum Schutz der Menschen nicht möglich. Die tragische Geschichte Tschernobyls lockt Touristen aus aller Welt an; unter den Schaulustigen befinden sich zur Hälfte Gäste aus Europa und Amerika, auf der anderen Seite besuchen zahlreiche Ukrainer die abgeschalteten Reaktoren. Der Preis einer solchen Reise beträgt zwischen 500 und 3000 Grinwa pro Kopf, das sind umgerechnet 30 bis 180 Euro, dabei zahlen Einheimische weniger als westliche Touristen. Aber was ist der Anreiz dieser Menschen, solch einen eher traurigen Schauplatz im Urlaub zu besuchen? " Ich mag schwierige Plätze, weil man dort mehr Menschlichkeit erlebt", erklärt Alexandre Hryszkiewicz der Nachrichtenagentur dpa. Man sehe echte Menschen und eine andere Gesellschaft. Nach der Freigabe für das Katastrophengebiet des ukrainischen Zivilschutzministeriums hatte die Generalstaatsanwaltschaft im Jahr 2011 Protest eingelegt, da das atomar verseuchte Strahlengebiet die Gesundheit der Touristen gefährden könnte. Das Gebiet wurde für mehrere Monate geschlossen und gemeinsam mit dem Gesundheitsdienst, Gesundheitsministerium und anderen Sicherheitsbehörden eine neue Verordnung für Tschernobyl ausgearbeitet. Nach dieser sind nun nur noch fünf Tage Aufenthalt erlaubt, Reisende müssen einen ausführlichen Antrag bei der zuständigen Staatsagentur für die Einreise stellen, und man solle aus Vorsorgegründen Pilze, Beeren, Süßwasserfische und Wild meiden. Diese verschärften Regeln sollen Besucher vor Schäden durch radioaktive Strahlung bewahren. Laut dem Bundesamt für Strahlenschutz ist ein Aufenthalt unbedenklich. Einige Unternehmen aber baten bereits illegale Reisen nach Tschernobyl an, 2011 wurde es dann offiziell für alle Touristen freigegeben. Der Katastrophentourismus ist eine große Einnahmequelle für die Ukraine und boomte vor allem im Jahr 2012, als die Fußballeuropameisterschaft in dem Land veranstaltet wurde. Trotz des wirtschaftlichen Erfolgs der Ukraine darf nicht der Ursprung dieses Extremtourismus vergessen werden: um über das Unglück aufzuklären und vor zukünftigen Atomkatastrophen zu warnen.
Bildtext:
Der Franzose Alexandre Hryszkiewicz ist Katastrophrntorist. Hier steht er vor der Ruine des Atomkraftwerks von Tschernobyl.
Foto:
dpa
Autor:
Friederike Kalkmann, Florian Fromme, Mariam Ajineh


Anfang der Liste Ende der Liste