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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
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Überschrift:
Tumulte bei Gläubigerversammlung
Zwischenüberschrift:
Pleite der Sonntagszeitung kostet Medienbrief-Inhaber über zwei Millionen Euro
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück. Die vermeintlich lukrativen Medienbriefe der " Osnabrücker Sonntagszeitung" entpuppen sich immer mehr als verseuchte Papiere. Der Insolvenzverwalter fordert insgesamt 2, 2 Millionen Euro von aktuellen und ehemaligen Medienbrief-Inhabern zurück, die in die Insolvenzmasse fließen sollen. In der Gläubigerversammlung herrschten zeitweise " tumultartige Zustände", wie ein Teilnehmer berichtet.

Um 9 Uhr sollte die Gläubigerversammlung am Donnerstag in einem Nebengebäude des Osnabrücker Amtsgerichts beginnen. Doch daran war nicht zu denken: Über 100 Gläubiger der Sonntagszeitung drängten sich schon eine halbe Stunde vorher im engen Flur. Der Rechtspfleger verlegte den Termin ins Hauptgebäude, doch auch dort gab es keinen Saal, der allen Interessenten Sitzplätze bieten konnte. 150 von 500 Medienbrief-Zeichnern waren persönlich erschienen. Nicht einmal die Gläubigerversammlung in der Karmann-Insolvenz erreichte diese Größe.

Teilnehmer sprachen von " tumultartigen Zuständen" im Saal. Dennoch sei es dem Insolvenzverwalter Klaus Niemeyer durch seinen " besonnenen Vortrag" gelungen, die Versammlung störungsfrei über die Bühne zu bringen obwohl der Anwalt nur schlechte Nachrichten für die Medienbrief-Inhaber hatte.

Von den stillen Gesellschaftern, die noch im Besitz von Medienbriefen sind, fordert der Insolvenzverwalter 1, 1 Millionen Euro zurück. Dieses Geld ist als " Vorabvergütung" auf zu erwartende Gewinne in den vergangenen vier Jahren an die Medienbrief-Zeichner ausgezahlt worden, obwohl der Verlag seit 2001 keine Gewinne mehr machte. Der Insolvenzverwalter betrachtet diese Vergütungen (" Zahlungen auf Scheingewinne") rechtlich als " Schenkungen", die er für die vergangenen vier Jahre zurückfordern kann.

Eine Beispielrechnung: Wer einen Medienbrief im Wert von 5000 Euro mit fünfprozentiger Vergütung besitzt, soll jetzt 1000 Euro in die Insolvenzmasse zahlen. Wenn alle eingezahlt haben, wird die Summe gleichrangig auf alle Gläubiger Banken, Krankenkassen, Lieferanten und stille Gesellschafter verteilt. Wie viel Geld ein Medienbrief-Inhaber am Ende verlieren wird, ist noch nicht abzusehen. Jetzt eine Quote zu ermitteln wäre Kaffeesatzleserei, sagte Insolvenzverwalter Niemeyer. Die höchste Beteiligung eines stillen Gesellschafters liegt bei 150 000 Euro, wie ein Teilnehmer berichtete.

Zur Kasse gebeten werden auch jene Gesellschafter, die den Braten gerochen und ihre Medienbriefe in den vergangenen vier Jahren gekündigt hatten. Verleger Norbert Fuhs hatte ihnen stets die volle Einzahlungssumme zurückerstattet ein schwerer Fehler. Er hätte die von ihm verschleierten Verluste seines Verlages anteilig von der Einlage abziehen müssen. Doch damit wäre diese Finanzierungsform zusammengebrochen. Wer hätte noch Medienbriefe gezeichnet, wenn das tatsächliche Risiko ruchbar geworden wäre?

Langer Rechtsstreit

Der Insolvenzverwalter muss nun nachholen, was Fuhs unterlassen hat: Er ermittelt für jeden früheren Medienbrief-Inhaber dessen individuellen Verlustbeitrag. Das wird Monate dauern. Insgesamt beziffert Niemeyer die Forderung auf weitere 1, 1, Millionen Euro, sodass zusammen 2, 2 Millionen von Medienbrief-Zeichnern in den Insolvenztopf fließen sollen.

Die Nachricht quittierten die Gesellschafter und Gläubiger mit " grimmigem Schweigen", wie ein Teilnehmer sagte. Er zeigte sich überzeugt, dass viele Medienbrief-Inhaber sich gegen die Rückzahlung wehren werden. Die Anwälte Dimitri Rimscha und Jörg Haferkorn, die eine Gruppe von Geschädigten vertreten, raten zur juristischen Überprüfung. " Die höchstrichterliche Rechtsprechung unterliegt einem ständigen Wandel", sagte Rimscha auf Anfrage. Er schließt außerdem nicht aus, dass die Verträge zwischen den stillen Gesellschaftern und dem Enorm-Verlag sittenwidrig waren.

Auch den Verleger Norbert Fuhs will der Insolvenzverwalter belangen. Gegen den früheren Alleingesellschafter soll der Pleite-Verlag einen Anspruch von 1, 88 Millionen Euro haben. Ob der realisiert werden kann, ist ungewiss. Beobachter erwarten einen längeren Rechtsstreit.

An Sachwerten ist nicht viel übrig. Den Wert der Büroausstattung des Verlages taxierten Gutachter auf 1740 Euro. Das reichte nicht einmal für die Entsorgungskosten von 2800 Euro. Eine stille Gesellschafterin berichtete, kurz vor der Insolvenz seien moderne Computer und die Telefonanlage aus den Büros geschafft worden. Der Insolvenzverwalter will dem nachgehen.
Bildtext:
Die Reklame lebt weiter: An einem Haus an der Bohmter Straße in Osnabrück wird weiter für die " Osnabrücker Sonntagszeitung" geworden, obwohl sie seit Januar nicht mehr erscheint.
Foto:
Jörn Martens

Medienbriefe

Der Verlag der " Osnabrücker Sonntagszeitung" finanzierte sich über Medienbriefe, die in der Regel von Privatleuten zu 5000 Euro pro Stück gezeichnet wurden. Verleger Norbert Fuhs lockte mit Renditen von bis zu 6, 25 Prozent pro Jahr. Nach Ermittlungen der Staatsanwaltschaft konnte Fuhs die Ausschüttungen seit 2010 nur noch durch die Herausgabe neuer Medienbriefe bedienen. Die Ermittler sehen darin ein betrügerisches Schneeballsystem . Die stillen Einlagen beliefen sich Ende 2013 auf 8, 4 Millionen Euro. Als die wahre Lage des Verlages im Mai 2013 öffentlich wurde, kündigten 274 Gesellschafter ihre Medienbriefe. Ende 2013 wurden 4, 5 Millionen Euro fällig, die der Verlag nicht bedienen konnte. Im Januar meldete die Enorm-Verlagsgesellschaft Insolvenz an.
Autor:
Wilfried Hinrichs


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