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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Das Minutenglück der Kreativität
Zwischenüberschrift:
Projekt "24/7": Die Kunsthalle ist für eine Woche der schönste Ort in Osnabrück
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück. Kreativität rund um die Uhr, ohne Pause ein Traum? Nicht in der Kunsthalle Osnabrück. Das Projekt " 24/ 7" öffnet die Ausstellungshalle noch bis heute Abend für jedermann. Ein Besuch im derzeit schönsten Ort in Osnabrück.

" Das Glück des Zufalls ist einfach das schönste Glück", sagt Christel Schulte. Dabei huscht ein Lächeln über ihr Gesicht. Kein Wunder. " Heute Morgen hat mich ein Stepptänzer geweckt", berichtet die Kuratorin nach einer mehr durchwachten als durchschlafenen Nacht in der Kunsthalle. " 24/ 7" heißt das Format, das seit Freitag, 30. Mai, die Türen des Ausstellungshauses permanent und für jedermann offen hält. Auch für den Stepptänzer Benedikt Ehinger, der auf einem Holzbrett tanzt. Das Klackern der metallenen Absätze hallt weit durch das Kirchenschiff. " Ich übe noch ein bisschen, dann setze ich mich wieder an meine Doktorarbeit", sagt der Student.

Wenige Minuten später ist er verschwunden. Statt seiner Tanzschritte scheppert nun " Wir lagen vor Madagaskar" durch die Kunsthalle. Schülerinnen und Schüler vom Ratsgymnasium haben die Nacht in der Kunsthalle verbracht. Nun begrüßen sie mit Musik den neuen Tag. Die Töne fliegen durch den Raum, vorbei an Strecken von Fotos, bizarren Skulpturen, einem Turm aus Holz und Pappe in der Kirchenapsis. Sieht so das kreative Chaos aus? Vielleicht.

" Jedes Mal, wenn ich wieder in die Halle komme, ist irgendetwas verändert", sagt Julia Draganovic. Die Leiterin der Kunsthalle hat gemeinsam mit ihrer Kollegin Christel Schulte das Format " 24/ 7" kreiert. Eine Woche lang steht die Halle offen, jeder darf kommen, schauen, machen, reden ganz nach Belieben.

Ein einfaches Programm? Beileibe nicht. " Das ist genauso anstrengend wie eine Ausstellung", wissen Draganovic und Schulte. Dass die Glücksgefühle dabei alles andere überwiegen, ist allerdings auch klar. Denn das Format hat es so in der Kunsthalle noch nie gegeben. Eine Woche lang gehört die Halle den Menschen, bevor die Türen für rund drei Montage geschlossen werden. Dann wird die Kunsthalle für den Ausstellungsbetrieb umgebaut. Am 12. September eröffnet Julia Draganovic dann ihre erste eigene Ausstellung mit einer Installation von Michael Beutler.

Bis dahin ist allerdings noch viel Zeit zum Beispiel für die Männer und Frauen der Heilpädagogischen Hilfe aus Osnabrück-Sutthausen. Sie haben ihr " Museum im Museum" gebaut, eine fantasievolle Konstruktion aus Pappe. " Hier ist endlich einmal Platz für Beteiligung. Das ist gelebte Inklusion", sagt der Maler Christoph Seidel, der den " Kunstcontainer" der Heilpädagogischen Hilfe betreut.Seine Schützlinge malen derweil ihre Bilder, hängen sie dann in ihr Museum auf Zeit.

Aber diese erfrischende Aktion ist nicht die einzige, die Freude ohne Ende spendet. Da tauchten die Künstler David Rauer und Joshua Sassmannshausen auf, füllten über Stunden das Foyer der Kunsthalle mit einer raumsprengenden Installation und bauten die Arbeit ab, kaum dass sie fertig war. " Sie haben alles besenrein hinterlassen", sagt Julia Draganovic und wirkt dabei fast noch ein wenig benommen von diesem Wirbelwind an Kunst und Kreativität. Andere wirbeln mit. Zum Beispiel der Osnabrücker Stefan Oldiges, der seine ganz eigene Kunst macht und noch nie ausgestellt hat. " Kunst sichert das nackte Überleben, jedenfalls mental", sagt Oldiges. Prompt ist er von Besuchern umringt, die sich über seine Arbeiten unterhalten.

Derweil entfaltet die Kunsthalle fast minütlich neuen Zauber. Bilder werden gebracht oder abgeholt, Leute musizieren spontan, ein Vater trägt seine kleine Tochter auf Schultern durch die Halle. Christel Schulte schaut einfach nur begeistert zu. Wie sagte sie vorhin: " Das Glück des Zufalls ist einfach das schönste Glück."
Bildtexte:
Schnelle Kunstaktion: Die Künstler David Rauer (links) und Joshua Sassmannshausen bauen ihre Installation blitzschnell auf und wieder ab.
Kunst auf Schritt und Tritt: eine Installation aus kleinen Papierschiffchen in der Kunsthalle.
Den Tag mit Musik begrüßen: Schülerinnen und Schüler vom Ratsgymnasium machen es vor.
Foto:
dpa, Stefan Lüddemann

Kommentar
Befreiungsschlag für die Kunsthalle

Alles nur Populismus? Kritiker der Aktion " 24/ 7" in der Kunsthalle Osnabrück waren mit ihrem Verdikt schnell bei der Hand. Dabei gelingt Julia Draganovic mit diesem Projekt ein Coup. Sie macht die jahrelang als eher verschlossen erlebte Kunsthalle mit einem Schlag zu einer Sache der Menschen in Osnabrück. Da gelingt ein Befreiungsschlag.

Natürlich gibt es für die Aktion " 24/ 7" Vorbilder. Mit diesem Projekt wird das Ausstellungshaus selbst zum Exponat gemacht und geübt, was unter den Stichwörtern Partizipation und Institutionenkritik ganz oben im Ranking der Kuratorendiskurse steht. Aber das erklärt nicht den Zauber einer Woche, in der Menschen sich selbst an einem scheinbar altbekannten Ort überraschend neu erleben.

Die Effekte dieser Konstellation werden lange nachwirken. Die Menschen sind nicht nur zur Kunsthalle gekommen, sie nehmen sie auch mit sich als Erlebnis und Erfahrung. Damit ist der Ort neu positioniert, die Bühne bereitet für ein Programm, das sich überraschend anders präsentieren wird. Der Geist einer neuen Offenheit wird dafür gefragt sein.
Autor:
Stefan Lüddemann


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