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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
"Ich klopp noch heute jeden Nagel gerade"
Zwischenüberschrift:
50 Jahre Auto Engel – Horch-Spezialist Conrad Engel wollte eigentlich Förster werden
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Schinkel. " Meine Nachbarn haben mich nicht ernst genommen und meinem Betrieb ein schnelles Ende prophezeit." Conrad Engel erinnert sich. Vor 50 Jahren hat er eine Tankstelle am Heiligenweg in Schinkel übernommen. Da war er 25. Heute gibt es dort zwar keinen Kraftstoff mehr, aber eine Kraftfahrzeug-Werkstatt und einen Fahrzeughandel.

Conrad Engel schraubt längst nicht mehr in seiner Werkstatt. Der 76-Jährige nimmt Werkzeug und Ölkännchen im Osnabrücker Oldtimer Center (OTC) in die Hände, wenn es darum geht, Oldtimer aufzubereiten. Derzeit werkelt er am Fahrgestell eines Duesenberg des Baujahres 1936, den er 2013 in den USA gefunden hat. Die Oldie-Restaurierung begleitet Engel seit den 60er-Jahren.

Der Junge aus Brandenburg hatte in seiner Kindheit viele Entbehrungen zu erleiden, der Vater war 1941 in Leningrad gefallen. Die Mutter stand mit ihren drei Jungen plötzlich alleine da. Mit 15 begann er eine Lehre als Kfz-Mechaniker. Eigentlich hatte er Förster werden wollen, doch für das Studium fehlten Geld und Beziehungen besonders die Weigerung, in die Parteiorganisationen der DDR einzutreten, machte den Plan zunichte. Dass Conny Engel mit 18 die Jägerprüfung ablegen konnte, war ein Privileg, das er sich auch als Parteiloser als Leichtathlet erarbeitet hatte, musste aber in die DDR-Organisation Gesellschaft für Sport und Technik (GST) eintreten.

In seiner Lehrwerkstatt kam der Anstoß, sich mit Oldtimern zu beschäftigen. " Es gab ja nur alte Autos." Darunter waren allerdings auch solche, die heute als Perlen behandelt werden. " Ich habe immer an den Horchs rumgeschraubt", schmunzelt Engel. Als ihm die Kfz-Meisterprüfung verwehrt wurde, weil er nicht in die SED eintreten wollte, entschied sich Engel für den Wechsel. Über Westberlin, damals noch ohne Mauer, ging es in den Westen. " Im Dezember 1958 bin ich ausgeflogen worden."

Die Landung im Westen war hart, zunächst in Vehrte. " Ich bin zufällig hierhingekommen, wir wussten zwar alles über Russland und Kasachstan, aber vom Westen hatten wir keine Ahnung." Gleich die erste Stelle in der Werkstatt der Spedition Friedrich Koch in Osnabrück nahm er an: " Ich musste Geld verdienen." Als er die erste D-Mark in der Hand hatte, schwor er sich: " Die hat einen Wert, da machste was draus." Vom ersten Wochenlohn musste er aber gleich 5 Mark an einen Kollegen zurückzahlen, von dem er sich das Geld für die Bahnfahrt geliehen hatte. In der DDR hatte er 50 Ostmark verdient, die zu 10 DM beim Umtausch schrumpften. " Ich bin mit 1 DM in Vehrte gelandet." Hier verdiente er schon 120 DM in der Woche.

Neben seiner Arbeit in der Speditionswerkstatt büffelte Engel in Abendkursen für seine Meisterprüfung. Mit 25 Jahren erfüllte er sich seinen Traum von der Selbstständigkeit. Am Heiligenweg übernahm er eine Tankstelle, die von Esso beliefert wurde. In der Waschhalle reparierte er Autos mit ausrangiertem Werkzeug anderer Betriebe ("… ich klopp noch heute Nägel gerade, bevor ich neue kaufe"), auf dem Gelände legte er einen Gemüsegarten an, um zu überleben. Seine Nachbarn guckten etwas scheel über den Zaun und sagten dem Habenichts ein schnelles Ende voraus, wohl auch weil der Heiligenweg der Tankstelle keine Laufkundschaft bescherte.

" Das ist 50 Jahre her, Auto Engel existiert immer noch", freut sich Conrad Engel. 1971 wurde er Renault-Vertragspartner, nach acht Jahren schloss er die Tankstelle und konzentrierte sich auf den Verkauf von Fahrzeugen und die Kfz-Reparatur. Der Betrieb ist heute verpachtet, Conrad Engels Leidenschaft gilt nach wie vor der Oldtimer-Restaurierung.

Dabei gibt er im Oldtimer Center sein Fachwissen an jüngere Kollegen weiter, die den Ratschlag des Horch-Spezialisten schätzen. Dass Engel einen Seitensprung zur Marke Duesenberg vollzogen hat, ist seiner Liebe und Leidenschaft für schöne alte Autos geschuldet. " Es macht Spaß, aus einem Schrotthaufen wieder ein schickes Auto aufzubauen."

Seine ehemalige Heimat hat ihn in all den Jahren nicht losgelassen. In der DDR kaufte der ehemalige Flüchtling Oldtimer auf mit ausdrücklicher Genehmigung des Staatsapparates, dem Deviseneinnahmen näherlagen als alles andere.

Im Weichbild des Müritzsees in der Mecklenburgischen Seenplatte hat sich Engel seit 24 Jahren in einem alten Siedlerhaus mit einer Eigenjagd eingerichtet. Er bezeichnet sich eher als Heger denn als Jäger: " Ich muss keine Tiere totschießen." Jedes Jahr setzt er Jungfasanen aus, gejagt wird überwiegend Raubwild. Neben Hecken hat Engel auch 80 Obstbäume auf seinem Grund und Boden gepflanzt: " Eigentlich nur für die Tiere, geerntet wird nicht, das Obst bleibt liegen."

Höhen und Tiefen hat Engel in seinen 50 Jahren Selbstständigkeit erlebt, das Schrauben an alten Autos bringt ihm Freude und Entspannung. In der Abgeschiedenheit der Mecklenburgischen Seenplatte tankt der 76-jährige Autofreund immer wieder auf: " Ich freue mich über jeden Baum, dort habe ich meine Ruhe und kann etwas für die Natur tun."

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Bildtexte:
Conrad Engel vor 50 Jahren als stolzer Besitzer der Tankstelle am Heiligenweg.
50 Jahre besteht der Betrieb, den Conrad Engel zur Kfz-Meisterwerkstatt und zum Renault-Markenstützpunkt ausgebaut hat.
Fotos:
privat, Harald Preuin
Autor:
Harald Preuin


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