User Online: 1 | Timeout: 10:32Uhr ⟳ | Ihre Anmerkungen | NUSO | Info | Auswahl | Ende | AAA  Mobil →
NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Datensätze des Ergebnis
Suche: Auswahl zeigen
Treffer:1
Sortierungen:
Anfang der Liste Ende der Liste
1. 
(Korrektur)Anmerkung zu einem Zeitungsartikel per email Dieses Objekt in Ihre Merkliste aufnehmen (Cookies erlauben!)
Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Als Radio Deutsch den Ton angab
Zwischenüberschrift:
Sortiments- und Strukturwandel in der Großen Straße
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Um 1957 war von Filialisierung des Einzelhandels noch keine Rede. Inhabergeführte Geschäfte beherrschten die Einkaufsstraßen. In Osnabrücks 1-a-Lage, der Großen Straße zwischen Georgstraße und Neumarkt, machte die Firma Heitbrink noch mit einem Sütterlin-Schriftzug Außenwerbung. Ihr Betätigungsfeld, die Kunststickerei und der Handel mit Handarbeitsutensilien, wäre heute so exotisch, dass man es sicher nicht in einer Top-Lage antreffen würde.

Im Obergeschoss macht der Büromaschinenhändler Herbert Liefold für Torpedo-Buchungsmaschinen und Friden-Rechenautomaten Reklame. Rechts daneben sehen wir in Hausnummer 10 das Schaufenster und den mit Uhren-Schenk geteilten Eingangsbereich des Radio- und Fernseh-Fachgeschäfts Deutsch. Inhabergeführte Fachgeschäfte mit diesem Sortiment gab es in den 1950er-Jahren außer Radio Deutsch noch eine ganze Reihe, etwa Brüggen, Friedemeyer, Telgkämper und Rohlfing, um nur einige zu nennen. Heute wird Unterhaltungselektronik fast nur noch von den großen Handelsketten verkauft und das vielfach nicht mehr in den Innenstädten, sondern in Einkaufszentren am Stadtrand.

Inhaber Adolf Deutsch, links im Bild, hat gerade Vertreterbesuch. Die beiden Herren in der Mitte vertreten offensichtlich den Radiohersteller Schaub-Lorenz mit Sitz in Pforzheim. Der VW-Bulli, noch mit Winker statt Blinker ausgestattet, kam aber wahrscheinlich nicht aus Pforzheim mit den Herren angereist, vermutet Lieselotte Dempwolff, geborene Deutsch: " Die besaßen ein Auslieferungslager an der Martinistraße, dorthin hatten wir einen kurzen Draht." In dem Herrn mit Baskenmütze rechts im Bild erkennt sie den langjährigen Werkstattleiter Alfred Arensmann. Der habe nicht nur Generationen von Radio- und Fernsehtechniker-Lehrlingen ausgebildet, sondern auch ihr und ihrem Mann Peter Dempwolff das Handwerk beigebracht, sodass sie nicht nur aus der Warte der Kaufleute das Geschäft führen konnten.

Mit etwas Wehmut denkt Lieselotte Dempwolff an die vielen klangvollen Namen unter den deutschen Radio- und Fernsehherstellern zurück, neben Schaub-Lorenz etwa Grundig, Graetz, Nordmende, Telefunken, Saba, Loewe-Opta, Blaupunkt und Metz, die es entweder nicht mehr gibt oder deren Namen heute für andere (Import-) Produkte stehen. " Wir haben den Niedergang der deutschen Phonoindustrie miterlebt und mussten noch all die asiatischen Namen lernen", erinnert sich Lieselotte Dempwolff an die letzten Jahre, bis sich 1988 die Weiterführung ihres Geschäfts nicht mehr rechnete.

1926 von Adolf Deutsch gegründet, bezog Radio Deutsch zehn Jahre später erstmals einen Standort in der Großen Straße, im Haus Nr. 82/ 83. Nach der Kriegszerstörung dieses Hauses und Notquartieren in anderen Stadtteilen kehrte Adolf Deutsch 1949 in die Große Straße zurück, und zwar in das Haus Nummer 10 der Erbengemeinschaft Schenk, das auf der historischen Abbildung zu sehen ist. Der Laden war ganze 4, 50 Meter breit, der Werkstattbereich setzte sich aber durch die gesamte Gebäudetiefe bis zur Hase fort.

Über dem nur eingeschossig wiederaufgebauten Haus ist die Rückfront des 1955 eröffneten Kaufhauses Merkur zu erkennen. Nun darf man aber nicht meinen, dass das heute gänzlich anders und die alte Viergeschossigkeit wiederhergestellt wäre. Kaum zu glauben, aber dieser höchstpreisige Grund ist weiterhin nur mit zwei bescheidenen Stockwerken bebaut. Hinter einer der letzten Potemkin′schen Fassaden Osnabrücks versteckt sich nichts weiter als Luft.

Für Radio Deutsch blieb es nicht bei dem schmalen Laden. 1966 mietete " Ihr
Funk- und Fernsehberater" Deutsch das Heitbrink-Haus nebenan (Nr. 11) hinzu, wodurch sich die Schaufensterfront verdreifachte. " Eine angenehme Überraschung ist die neue Schallplattenabteilung", schrieb die Presse, " in der das gesamte Plattenangebot in Freiwahl erreichbar ist. Ein Stereo-Hi-Fi-Studio bietet die Möglichkeit zum Abhören von Konzerten." Stolz wird berichtet, dass sich " die Techniker des 45-Mitarbeiter-Teams bereits in Sonderausbildungen mit den Problemen des Farbfernsehens auseinandersetzen. Im Herbst 1967 wird hier der Startschuss fallen."

1970 erreichte Radio Deutsch mit dem Erwerb des Hauses Große Straße 12 und der Eröffnung der " Deutsch-Passage" die größte Ausdehnung. Die Passage trägt bis heute den Namen und ist der letzte Erinnerungsposten an dieses bedeutende Fachgeschäft der Nachkriegsjahre.
Bildtexte:
Viereinhalb Meter wer der Laden von Radio Deutsch in der Großen Straße 10 um 1957 breit. Im Vordergrund: Inhaber Adolf Deutsch (links) und Werkstattleiter Alfred Arsenmann (rechts) im Gespräch mit Vertretern des Herstellers Schaub-Lorens. Links daneben Stickerei Heitbrink in der Großen Straße 11.
Die rechte Hälfte der Nummer 10 wird nach wie vor von Uhren Schenk eingenommen, die linke Hälfte und das Nachbarhaus sind von einem Schuh-Filialisten gemietet.
Foto:
Hartmut Strenger, aus dem Kalender des Museum Industriekultur 2011, Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


Anfang der Liste Ende der Liste