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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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aus Zeitung:
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Überschrift:
Im toten Winkel ist noch Leben
Zwischenüberschrift:
Sechs Spiegel, aber die Radler kaum im Blick: Mit einem 18-Tonner unterwegs durch die Stadt
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück. Sechs Spiegel hat Jens Schubert im Blick, aber verlassen kann er sich nicht darauf. " Es gibt Stellen, da sieht man nicht alles", sagt der 45-Jährige, während er seinen 18-Tonnen-MAN über den Konrad-Adenauer-Ring steuert. Und an so einer Stelle könnte gerade ein Radfahrer stehen. Ich bin Radfahrer, und heute habe ich auf dem Beifahrersitz Platz genommen.

Jens Schubert, der Teamleiter für die Fahrer bei der Spedition Meyer & Meyer, ist ein umsichtiger Mensch. Vor jeder Lenkbewegung wandert sein Blick nach links und rechts, nach oben und unten. Wir sind mit Kinderkleidung für die C& A-Filiale in Bramsche unterwegs, Hannoversche Straße stadteinwärts, Abbiegespur Richtung Frankenstraße. Wo ist der Radler mit den grauen Haaren, den wir gerade noch überholt haben? Steht er vielleicht neben dem Vorderrad, das gleich bei Grün servogesteuert nach rechts ziehen wird? " Potenziell selbstmörderisch" nennen manche Lkw-Fahrer sarkastisch diesen Platz, wenn sie sich in ihren Internetforen austauschen.

Im beheizten Bordsteinspiegel könnte Jens Schubert den Radfahrer vielleicht erkennen. Der bananenförmig gebogene Reflektor oberhalb der Beifahrertür soll den toten Winkel überwinden. Leider hat die Weitwinkeloptik den Nachteil, dass Riesen zu Zwergen mutieren, jedenfalls im Auge des Fahrers. Und das Fahrrad ist wenn überhaupt nur als schmaler Strich zu erkennen. Aber der Radler mit der Silberlocke steht gar nicht im toten Winkel. Er hat eine Abkürzung über den Bürgersteig genommen. Nicht gerade die feine Art, mit Fußgängern umzugehen, aber jenseits der Todeszone.

Jens Schubert hat den Mann die ganze Zeit im Blick behalten. " Ich bin da schon vorsichtig", verrät er mir, " weil ich oft nach Münster fahre." Schwierig wird es für ihn, wenn sich die Radfahrer unsichtbar machen, indem sie sich ohne Beleuchtung auf die Straße trauen. Wer die Welt aus der Fahrerkabine betrachtet, muss sich schon sehr anstrengen, um dunkel gekleidete Gestalten im Straßenbild zu erkennen, ganz gleich, ob sie sich auf Rädern oder Füßen vorwärts bewegen. Leuchtende Kleidung wirkt da Wunder, auch beim Blick in einen der Weitwinkelspiegel. Das ist meine Lektion: Nach dieser Fahrt werde ich mir eine Leuchtweste anschaffen.

Die Zulassungsordnung schreibt vor, dass " Lastkraftwagen, Zugmaschinen und Sattelzugmaschinen" mit Spiegeln " für indirekte Sicht" auszustatten sind oder aber mit " anderen Einrichtungen", die dem Fahrer anzeigen, ob im toten Winkel noch Leben ist. Das könnten Kameras sein, die dem Fahrer auf einem Bildschirm anzeigen, ob sich ein gefährdetes Objekt links, rechts oder vorne im Gefahrenbereich aufhält.

Ein solches Kamerasystem testet der Osnabrücker Spediteur Siegfried Serrahn gemeinsam mit der Firma Continental an einem Sattelzug der Spedition Overnight. Die ersten Erfahrungen seien vielversprechend, sagt Serrahn, aber das Kamerasystem gibt es noch nicht zu kaufen. Im Speditionsalltag muss immer wieder an- und abgekoppelt werden, mit verschiedenen Anhängern oder Aufliegern. Die müssen natürlich auch mit den Kameras ausgestattet werden, mit der entsprechenden Verkabelung und den passenden Steckern.

Das funktioniert noch nicht unter Alltagsbedingungen. Und deshalb müssen sich Jens Schubert und seine Kollegen mit einer Vielzahl von Spiegeln durch den Alltag retten, immer die Gefahr vor Augen, dass eine Unachtsamkeit genügt, um aus einem Kleidertransport eine Todesfahrt zu machen.

Inzwischen haben wir die erste Fracht in Bramsche abgeliefert, sind wieder in Osnabrück und folgen der B 68 über den Wall, wo auch an diesem trüben Vormittag einige Radler unterwegs sind. Wie klein und zerbrechlich sie zwischen den großen Fahrzeugen erscheinen! Wer in der Fahrerkabine sitzt und die Welt aus einer Augenhöhe von 2, 40 Metern betrachtet, ist gut beraten, diese fragilen Wesen mit großem Seitenabstand zu überholen. Geht aber nicht, der 18-Tonner hat auf seiner eigenen Spur kaum Luft nach rechts und links.

Immerhin ist die rote Farbe auf den Radler-Spuren ein Signal, das auch hartgesottenen Truckern einen gewissen Respekt abverlangt. Zumindest beim Überholen also ein Sicherheitsgewinn für die Velofahrer. Aber die tödlichen Unfälle an der Abzweigung zur Kommenderiestraße sind trotz der roten Spur passiert. Weil die Radler geradeaus weiterfahren wollten, die schweren Lkw aber nach rechts abbogen.

Ein makabres Gefühl beschleicht mich, als wir uns der Todeskreuzung nähern. " Vorsicht, toter Winkel!" steht auf einem Schild, mit dem die Stadt Radler mahnt, sich hinter den Brummis aufzustellen. Eine Botschaft, die sich freiheitsliebende Velofahrer nicht gerne sagen lassen. Auch ich nicht. Aber wenn der Blinker schon nach rechts weist? Ich werde noch mal drüber nachdenken.

Auch Jens Schubert blinkt rechts. Seine Spiegel hat er im Blick, die Fahrbahn auch. Kein Radler weit und breit, zum Glück. So kurvt er vorsichtig um die Ecke mit den weißen Ghostbikes.

Müssen solche Lasten eigentlich durch die Stadt rollen? " Zu 90 Prozent fahren wir außen rum", sagt Jens Schubert. Nach seiner Schätzung kostet das auf dem Weg von Wallenhorst bis in den Fledder fünf Minuten mehr, jedenfalls bei freier Strecke. Und natürlich die Maut. Kein Problem für die Spedition Meyer & Meyer. Ihre Fahrer werden angewiesen, möglichst über die Autobahn zu fahren und nicht durch die Stadt. Aber solange die Bundesstraße über den Wall verläuft, werden viele Trucker aus ganz Europa weiterhin durch die Stadt fahren.
Bildtexte:
Hallo Partner, bitte aufpassen! Der Radler ist auf dem Foto zu erkennen, aber der Fahrer sieht nur im Bordsteinspiegel oben rechts, wegen der Weitwinkelverzerrung sogar nur schemenhaft. Wer genau hinschaut, erkennt das Vorderrad außerdem andeutungsweise im vorderen Spiegel (oben links).
Hier sitzt ein umsichtiger Mensch am Steuer: Jens Schubert, Teamleiter für die Fahrer in der Spedition Meyer & Meyer, hier im 18-Tonner unterwegs durch die Stadt.
Sechs Außenspiegel sind für " Lastkraftwagen, Zugmaschinen und Sattelzugmaschinen" vorgeschrieben.
Die Todeskreuzung Johannistorwall/ Kommenderiestraße durch die Frontscheibe betrachtet. Hier sind schon drei Radler von abbiegenden Lkw überrollt worden.
Dunkle Kleidung macht Radler im Dämmerlicht fast unsichtbar. Leuchtwesten sind ein entscheidender Sicherheitsfaktor.
Fotos:
Rainer Lahmann-Lammert

Tödliches Jahr

In diesem Jahr sind in Osnabrück drei Radler tödlich verunglückt, so viele wie noch nie. Seit 2004 haben hier zehn Velofahrer ihr Leben verloren, die meisten von ihnen, weil sie mit Lastwagen zusammenstießen.

Ein 47-jähriger Mann geriet am 22. Oktober unter die Räder eines abbiegenden Lkw. Es passierte an der Abzweigung vom Johannistorwall in die Kommenderiestraße. Schon am 4. März hatte dort ein 20-jähriger Radfahrer sein Leben verloren. Tragisch verlief auch ein Unfall am 10. September auf der Kreuzung Bohmter Straße/ Liebigstraße: Eine 74-jährige Frau wurde dabei getötet, ihr 72-jähriger Mann erlitt lebensgefährliche Verletzungen. Beide waren mit dem Rad unterwegs, als sie von einem Auto erfasst wurden. Eine 35 Jahre alte Fußgängerin starb, als sie am 27. August am Rosenplatz unter einen abbiegenden Lkw geriet. Tödlich ging auch ein Unfall auf dem Polizeiparkplatz am Kollegienwall aus: Am 12. Februar wurde dort eine 85-jährige Frau von einem Bulli überfahren.
Autor:
Rainer Lahmann-Lammert


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