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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Erst Bullerbü, dann die ganze Welt retten
 
Das Rauschen lässt sich nicht abschalten
Zwischenüberschrift:
Haydnhof-Anwohner: Straße wäre ein Unglück
 
Eine Anwohnerin der Mozartstraße und der Lärm
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück. Zäune gibt es nicht, die Kinder tollen von einem Garten in den nächsten, und die Erwachsenen stecken auch gern die Köpfe zusammen. " Das hier ist ein bisschen Bullerbü", schwärmt Bernd Busse, der vor dreieinhalb Jahren mit seiner Familie in eines der ehemaligen Britenhäuser am Haydnhof gezogen ist. Wer es so schön grün hat vor seiner Tür, muss die Westumgehung als Bedrohung empfinden. Bernd Busse und seine Nachbarn sind angetreten, Bullerbü zu retten.

Beim Blick aus dem Wohnzimmerfenster fallen die alten Linden auf. Pferde grasen auf der Weide, Eichhörnchen huschen durch das Idyll, und gelegentlich lässt sich sogar ein Grünspecht blicken. So fängt der Tag gut an für Bernd Busse, bevor er an seine Arbeit in der Berufsschule denkt. " Jetzt fahren da null Fahrzeuge durch", sagt Ehefrau Elke Hotze mit Blick nach draußen, demnächst vielleicht 16 000. Es sei abzusehen, dass es dann laut werde und dass dann eine Lärmschutzwand die Sicht versperren werde. Schon deshalb empfinden die Eheleute den Straßenneubau als großes Unglück. Aber sie betonen, dass es ihnen ums Ganze gehe. Beide hätten sich schon früher engagiert, " dass die Welt ein bisschen gerechter wird", etwa bei Amnesty International oder in der Dritte-Welt-Arbeit. Unabhängig vom eigenen Vorteil seien sie gegen die Westumgehung, weil die Stadt die Millionen besser in sanierungsbedürftige Schulen und Turnhallen stecken solle.

Elke Hotze, die als Professorin an der Hochschule arbeitet, hält die neue Straße schon wegen der demografischen Entwicklung für überflüssig. In Deutschland gebe es immer weniger Kinder, und bei den jungen Erwachsenen verändere sich die Einstellung zum Auto: " Die sind eher an einer Breitbandverbindung als an einer Breitbandstraße interessiert."

Am Haydnhof ist es Konsens, dass der Kampf gegen die Weststraße im allgemeinen Interesse liege. So hat sich in den wenigen Jahren seit 2010 eine eingeschworene Gemeinschaft gebildet. Man trifft sich zum Grillen, zum Kaffeetrinken oder auch, um sonntags gemeinsam die Sendung mit der Maus zu gucken.

Die politische Auseinandersetzung um die Westumgehung hat allerdings einen Riss durch die Siedlung gezogen. Bernd Busse und seine Nachbarn fühlen sich angefeindet von lärmgeplagten Anwohnern der Gluckstraße, die sich nach der Entlastungsstraße sehnen. Es sind schon böse Worte gefallen, und die Nerven scheinen blank zu liegen.

Ein Vorwurf, dem sich die neuen Bewohner der Britenhäuser ausgesetzt fühlen, zielt auf den Wertzuwachs ihrer Immobilien ab, falls die Weststraße nicht gebaut wird. Das sei Unfug, sagt Elke Hotze, " wir haben die Häuser ja nicht gekauft, um sie hinterher zu verkaufen. Wir wollen hier leben!"

Für den Fall, dass die Straße abgelehnt wird, steht noch ein Vorschlag der Grünen im Raum: Auf der Trasse sollen neue Wohnhäuser entstehen. Dann wäre es auch vorbei mit dem freien Blick ins Grüne. Und dann? " Uns ist klar, dass wir in der Stadt wohnen", sagt Bernd Busse. Und Elke Hotze findet: Mit neuen Nachbarn könne sie leben, mit dem Lkw-Verkehr nicht.
Bildtext:
Nur einen Steinwurf von der geplanten Trasse wohnen Elke Hotze und Bernd Busse mit ihrem zwölfjährigen Sohn. Klar, dass sie gegen die Westumgehung sind.
Foto:
Michael Gründel

Veranstaltungen

In den kommenden Tagen werden mehrere Info- und Diskussionsveranstaltungen angeboten.

Freitag, 9. Mai, 18 Uhr, Lagerhalle, Spitzboden. Veranstalter: Bündnis 90/ Die Grünen. Die Veranstaltung steht unter dem Titel: " Westumgehung? Das geht mich was an!"

Montag, 12. Mai, 20 Uhr, Rathaus, Ratssitzungssaal. Veranstalter: CDU und SPD. Gemeinsame öffentliche Fraktionssitzung und Informationsveranstaltung mit den Gutachtern Wolfgang Haller (Masterplan Mobilität), Kay Lorenz (Umweltfachbeitrag) und Manfred Ramm (Ingenieurplanung).

Dienstag, 13. Mai, 18 Uhr, Kongressaal der Osnabrückhalle. Veranstalter Stadt Osnabrück und Neue Osnabrücker Zeitung. Auf dem Podium: Wolfgang Haller (Masterplan Mobilität), Kay Lorenz (Umweltfachbeitrag), Manfred Ramm (Ingenieurplanung), Daniel Bugiel (Pro West), Simone Körber (Bepo), Katharina Pötter (CDU), Frank Henning (SPD), Michael Hagedorn (Grüne), Thomas Thiele (FDP), Christopher Cheeseman (Linke), Wulf-Siegmar Mierke (UWG/ Piraten).

Donnerstag, 15. Mai, 19 Uhr, Gemeinschaftszentrum Ziegenbrink. Veranstalter: Bündnis 90/ Die Grünen.

Osnabrück. Wenn Gisela Pohle ein Buch in die Hand nimmt, setzt sie sich in ihren Lieblingssessel vor dem großen Wohnzimmerfenster mit den weißen Orchideen. Sie will nicht die Autos sehen, die wie ein Strom an ihr vorbeiflitzen, nur wenige Meter hinter ihrem Sessel. Aber das Rauschen lässt sich nicht abschalten, auch nicht das Rappeln der Lastwagen und das Röhren der Mopeds. Gisela Pohle wohnt seit 1959 an der Mozartstraße. Mit dem Verkehr will sie sich niemals abfinden.

" Ich wohne hier, und ich will hier wohnen bleiben", sagt die alte Dame entschlossen, aber ohne Verbitterung. Dass ihr der Lärm von 10 000 Fahrzeugen pro Tag zugemutet wird, empfindet sie als unfair. " Wie kann man so eine Straße durch ein Wohngebiet leiten?" Sie wehrt sich, wenn dieses Wohngebiet auch noch in einen Topf geworfen wird mit den feinen Lagen vom Westerberg. Die einflussreichen Leute, sagt sie, die hätten ihre Verbindungen genutzt und durchgesetzt, dass ihre Wohnstraße zur Sackgasse erklärt wurde. Mit der Folge, dass sich der Verkehr nun andere Wege sucht.

G isela Pohle hat die Mozartstraße als Feldweg kennengelernt. 1956 wurde zum ersten Mal eine Asphaltdecke aufgebracht. Mit der Folge, dass mehr und mehr Autofahrer die Verbindung nutzten. Ihre Kinder, die in den 60er- Jahren geboren wurden, ließ die Anwohnerin jedenfalls nicht an der Straße spielen. Aber im Vergleich zu heute erscheint ihr der Verkehr von damals geradezu harmlos.

" Kinder kommen ja kaum noch über die Straße", sagt Gisela Pohle, " und Senioren bekommen Herzklopfen". Sie selbst gibt sich zwar hart im Nehmen, aber " dass hier so eine Autolawine durchfährt", zehrt auch an ihren Nerven. In ihr Wohnzimmerfenster hat sie sich eine schallschluckende Verglasung einbauen lassen, das Schlafzimmer ist natürlich auf der Rückseite angebracht. Und im Garten merkt sie nichts vom Straßenlärm. Vielleicht, weil sie sich immer so intensiv ihrer Gartenarbeit widmet. Vielleicht aber auch, weil sie ihn einfach nicht hören will.

Dabei weiß Gisela Pohle, dass der Biorhythmus vom Verkehrsstrom beeinflusst wird. Und während draußen ein Anhänger mit Baumaterialien vorüberscheppert, zählt sie auf, wie sie die Tageszeiten erlebt.

Morgens drängt sich das Rauschen in den Vordergrund, wenn die Muttis ihre Kinder zur Schule fahren. Dann flaut es noch einmal ab, und die sportliche Seniorin wundert sich, dass es um 10 Uhr auch mal halbwegs ruhig sein kann. Aber nicht lange, " um 12 Uhr nimmt es wieder zu, um 14 Uhr wird es heftig, und um 16 Uhr nimmt es Ausmaße an", wie sich die aufgeweckte Weststadt-Großmutter ausdrückt. Am schlimmsten, fügt sie hinzu, sei es zwischen 15 und 18 Uhr.

Mit Schuldzuweisungen hält sie sich zurück: " Wir können den Leuten nicht vorschreiben, ob sie Auto fahren oder nicht", sagt sie auch mit Blick auf den kleinen Wagen, der in ihrer Garage steht. Jeder Autofahrer wolle ja schließlich ans Ziel, vermerkt Gisela Pohle und äußert Verständnis für Befürworter und Gegner der Weststraße. Wenn es nach ihr ginge, dürfte es am Ende auch einen Kompromiss geben. Aber nur mit weniger Verkehr, nicht mit einer weiteren Zunahme.
Bildtext:
" Wie kann man so eine Straße durch ein Wohngebiet leiten?" Gisela Pohle an ihrem Wohnzimmerfenster. Sie hat genug vom Verkehrslärm.
Foto:
Michael Gründel
Autor:
Rainer Lahmann-Lammert


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