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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
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Überschrift:
Ludwig Nolde und die Seelennöte seiner Zeit
Zwischenüberschrift:
Wie der Krieg und eine Kunstreise nach Italien den Stil des Osnabrücker Bildhauers verändert haben
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück. Zwölf Jahre liegen zwischen Ludwig Noldes Kreuzigungsgruppe von 1907 und seiner Pietà von 1919: Das Gesellenstück bewegt sich noch ganz im Nazarenerstil seines Osnabrücker Lehrmeisters Ludwig Memken, der einem historisierenden Kunstverständnis des 19. Jahrhunderts verpflichtet war.

Handwerklich solide gearbeitet, entsprechen der Gekreuzigte, Maria und Johannes gängigen Sehgewohnheiten. Der Osnabrücker Schriftsteller und Feuilletonist Ludwig Bäte beschrieb diese Kunst Memkens und seiner in der Region arrivierten Zeitgenossen 1925 als " süßliche Sentimentalität", " die uns jahrelang dem kirchlichen Schaffen auch in der Literatur entfremdete".

Begeistert vom neuen, ausdrucksstarken Duktus Ludwig Noldes stellte Bäte in der Monatszeitschrift " Niedersachsen" sakrale und profane Arbeiten des inzwischen 37-Jährigen vor, die dieser nach seiner Rückkehr in die Heimat in den sechs Jahren zuvor geschaffen hatte. Im sakralen Werk faszinierten Bäte vor allem die Nachkriegs-Pietá von 1919 und das Kriegerdenkmal aus Freren, die wie das Gesellenstück derzeit in der Nolde-Sonderausstellung "… daß heilig auch menschlich stets war" im Diözesanmuseum Osnabrück zu sehen sind.

Intensive Eindrücke

Das Dutzend Jahre zwischen der Kreuzigungsgruppe zum Abschluss seiner vierjährigen Ausbildung und der meisterlichen Pietà markiert eine Phase intensivster persönlicher Erfahrungen, die Noldes Kreativität zutiefst herausforderten. Nach Bildhauerstationen im Rheinland, in Westfalen und Bayern unternahm er in den Jahren 1910/ 11 eine künstlerisch und religiös inspirierende Reise durch Italien nach Rom. In seinen Briefen an die Eltern in Osnabrück schildert Ludwig Nolde die überwältigenden Eindrücke, die ihm vor allem die Kunst der Renaissance verschaffte.

Höhepunkt der Reise war zweifelsohne Rom: Einerseits fesselten ihn die prächtigen Kirchen mit ihrer aufwendigen Ausstattung, andererseits beeindruckte ihn die Audienz bei Papst Pius X., der ihn gemeinsam mit 81 weiteren Handwerksgesellen als Rompilger empfing. Diese Wallfahrt zu den zentralen Stätten der Kunst wie des Glaubens war für den jungen Bildhauer ohnehin nur innerhalb des Netzwerkes katholischer Gesellenvereine finanzierbar, deren " Gesellenhäuser" ihm in Österreich und Italien günstige Übernachtungsmöglichkeiten boten.

Nach dem anschließenden zweijährigen Kunststudium in München berief ihn die Reichswehr nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 zum Kriegsdienst ein, den eine schwere Schussverletzung am linken Arm mit anschließenden Lähmungserscheinungen in der Hand schon im folgenden Jahr unterbrach. Wieder genesen, kehrte Ludwig Nolde an die französische Westfront zurück. In dieser Zeit übersandte er den Eltern in Osnabrück als Lebenszeichen Feldpostkarten, die zumeist statt ausführlicher Texte Skizzen von Kameraden und Landschaft zeigen.

Grabmäler studiert

Sowohl während der Pilgerfahrt durch Italien als auch während des Krieges in Frankreich besuchte Ludwig Nolde Friedhöfe, um die künstlerische Qualität der Grabdenkmäler zu begutachten. In Mailand verwendete er darauf einen ganzen Tag, während er für seine Angehörigen eine französische Begräbnisstätte als abschreckendes Beispiel auf einer Feldpostkarte skizzierte.

" In der ersten Kapelle rechts ist die berühmte Pietà von Michelangelo ein Kunstwerk ersten Ranges. Schmerzhafte Mutter wie in der Johanneskirche", notierte er 1910 nach dem Besuch im Petersdom, wobei er sogleich den Bogen von Michelangelo zur Arbeit seines Lehrmeisters Lukas Memken in der Osnabrücker Kirche St. Johann schlug. Auf dem Weg nach Rom hatte Nolde auch Florenz besucht. Hier zogen ihn die Meisterwerke der Renaissance in den Uffizien in ihren Bann: Zwar kehrte Pietro Peruginos 1495/ 96 vollendetes Gemälde der Mutter Gottes, die umringt von weiteren Personen ihren toten Sohn auf dem Schoß trägt, erst 1919 aus Frankreich in die dortige Galerie zurück. Doch könnte gerade diese Arbeit Noldes zur selben Zeit entstandene Pietà inspiriert haben, die die Komposition Peruginos angesichts der Erfahrung von Krieg, Not und Leid umformte.

Bei Nolde trauern drei Frauen unterschiedlicher Generationen um Christus und stehen damit für das familiäre Leid, das der Tod der Söhne, Ehemänner und Väter auf den Schlachtfeldern des wenige Monate zuvor beendeten, sinnlosen Krieges hervorgerufen hatte. Noldes Gottesmutter blickt nicht wie bei Perugino auf das Antlitz des Sohnes, sondern mit versteinertem Gesichtsausdruck in die Ferne. Peruginos jungen Mann, der Haupt und Oberkörper des fast schlafend wirkenden Christus stützt, ersetzte Nolde durch ein Mädchen. Zu Christi Füßen kniet jeweils eine ins Gebet versunkene, vom Toten leicht abgewandte attraktive junge Frau, die sich bei Nolde im Gegensatz zu Perugino dem Verstorbenen zuwendet.

Die Pietà gehörte zu einem der ersten Stücke, die der Osnabrücker Möbelfabrikant und Nolde-Förderer Hagedorn erwarb. Lange im Familienbesitz hochgeschätzt, steht sie heute als Andachtsbild in der katholischen Kirche von Schwagstorf. Noch deutlicher und dramatischer bezieht Ludwig Nolde Kriegsleid und Hoffnungslosigkeit auf die Passion Christi in jener Ölbergszene, die er 1923 zum Gedenken an die Gefallenen des Ersten Weltkrieges für die katholische Pfarrkirche in Freren schuf: In Todesangst und größter Not auf die Knie gesunken, schaut Christus flehentlich gen Himmel: " Lass diesen Kelch an mir vorübergehen!" Der Blick seines Gegenübers schenkt keinen Trost, sondern der Engel reicht ihm als göttlicher Bote eben diesen bitteren Kelch: Nicht mein Wille geschehe, sondern der deinige, heißt es im Evangelium.

Bangen und Hadern

Dieses Werk Ludwig Noldes rührt an die bitterste aller Fragen: " Mein Gott, mein Gott warum hast du mich verlassen?" Ebenso mögen Abertausende junger Männer in den Schützengräben und Stellungskämpfen des Ersten Weltkrieges gebangt und gehadert haben: Mit lautem Hurra und voller Patriotismus zu den Fahnen geeilt, schauten sie dem Tod in die Augen. Der Künstler selbst betitelte dieses Werk als " Gedächtnisgruppe Ölbergaltar", die nicht den Heldentod für Kaiser und Vaterland verherrlicht, sondern stattdessen zum Sinnbild für die Ausweglosigkeit des Krieges sowie die Ohnmacht und Trauer der Hinterbliebenen wird.

Schon Zeitgenossen wie Ludwig Bäte sahen dies so: " Oder man sehe seine Pietà′, deren Christushaupt ein zusammenkauerndes Kind, eine sich entblätternde Rose in der Hand, stützt, indessen das Auge der Mutter in die unerforschte Ferne dieses Todes düstert, hoffnungslos und fast von antiker′ Schmerzversteinerung, sehe seinen Ölberg′ zum Gedächtnis der Frerener Krieger! Mit unerhörter Kraft ist hier der Augenblick der höchsten Qual festgehalten; hier ist nichts symbolisiert und stilisiert: Die Christusgestalt fiebert und bebt und erschüttert in ihrer menschlichen Einsamkeit."

Mut zum Experiment

Seinen Mut zum künstlerischen Experiment unterstrich Ludwig Nolde in den 1920er-Jahren schließlich mit Kruzifixen, die den Körper Christi teils in geometrische Formen gliedern und zugleich unendliche Qualen des Gekreuzigten ins Bild setzen. Nolde vermied, das Heilige zu überhöhen, und arbeitete dessen menschliche Facetten heraus. Sein künstlerisches Credo selbst formuliert: " Es gilt mir, die Seele zu bannen, aus Blöcken zu meißeln, feierlich-sakral. Niemals vergessend, was andere vergessen, daß heilig auch menschlich stets war."
Bildtexte:
Ganz im Stil des Lehrmeisters Lukas Memken hat der Bildhauer die Kreuzigungsgruppen von 1907 als Gesellenstück geschaffen.
Im Nachlass von Ludwig Nolde befindet sich ein historisches Foto vom ursprünglichen Zustand des Frerener Ehrenmals für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs (links). Den lebensgroßen Figuren Christi und des Engels (Bild oben) stehen Ausweglosigkeit und Todesangst ins Gesicht geschrieben.
Flächig und in geometrischen Formen gestaltete Ludwig Nolde seine Kruzifixe in der ersten Hälfte der Zwanzigerjahre des vorigen Jahrhunderts.
Mit versteinertem Blick trägt die Gottesmutter der Pietà von 1919 ihren toten Sohn auf dem Schoß welch Kontrast zum Werk von 1907.
Mit " süßlicher Sentimentalität" umschrieb Ludwig Bäte jenen Duktus, dem auch die Madonna unter dem Kreuz gerecht wird.
Fotos:
Hermann Pentermann
Autor:
Hermann Queckenstedt


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