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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Mekka der Beat-Musik
Zwischenüberschrift:
Der Saalanbau des DGB-Hauses fiel 1977 der Stadthalle zum Opfer
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Unterhaltsam war es an der Ecke Schlosswall/ Neuer Graben schon immer. Wo bis 1942 der " Große Club" das gehobene Bürgertum zu Kulturveranstaltungen und Bällen versammelt sah, lud in den 1960ern die Schlossgarten-Gaststätte zum Tanztee. Erst Foxtrott, dann Beat musik und schließlich die Abrissbirne die Restauration des Gewerkschaftshauses musste 1977 dem Neubau der Stadthalle weichen.

Wir blicken auf dem Schwarz-Weiß-Foto von vor 1968 über die weite Rasenfläche der westlichen Schlossgarten-Erweiterung. Für heutige Sehgewohnheiten fremd ist die völlige Abwesenheit von schlafenden, spielenden oder picknickenden Studenten auf dem Rasen. Die gab es vor 1968 noch nicht, wenn man von den wenigen PH-Studierenden absieht. Und die scheinen ausnahmslos die Schilder " Betreten der Rasenflächen verboten" respektiert zu haben.

Dieser westliche Schlossgarten-Ausläufer hatte nur ein recht kurzes Leben, nämlich von etwa 1950, als die Trümmer des zuvor hier stehenden Gebäudes abgeräumt waren, bis 1977, als die Bauarbeiten für die Stadthalle begannen. Am rechten Bildrand angeschnitten ist die Industrie- und Handelskammer zu sehen, links daneben die Katharinenkirche und das viergeschossige Gewerkschaftshaus, das 1952 auf dem Grundstück des ehemaligen " Großen Clubs" errichtet wurde. Das etwas niedrigere Gebäude davor mit den neun großen Panoramafenstern zum Schlossgarten hin ist der Saalanbau des Gewerkschaftshauses von 1957, die spätere Schlossgarten-Gaststätte.

Nach Unterdrückung und Verfolgung in der Nazi-Zeit war die Gewerkschaftsbewegung in der jungen Bundesrepublik zu neuer Bedeutung und gestärktem Selbstbewusstsein gelangt, nicht zuletzt auch durch die Bildung einer Einheitsgewerkschaft mit der Dachorganisation Deutscher Gewerkschaftsbund (DGB). In Osnabrück war der städtebaulich herausgehobene Bauplatz an der Kreuzung der Ost-West-Magistrale mit dem Wallring gerade gut genug für den Neubau der DGB-Verwaltung. Architekt Stahlenburg entwarf einen schlichten und dennoch repräsentativen Bau, der es durchaus mit dem vis-à-vis gelegenen Kreishaus aufnehmen und sich auch gegen die " Tarifpartner" in der IHK behaupten konnte, die im Folgejahr ihre neue Verwaltung schräg gegenüber bezogen.

Das DGB-Haus beherbergte im Erdgeschoss eine Gaststätte und einen Sitzungssaal für 70 Personen. Das reichte für Versammlungen der kleineren Mitgliedsgewerkschaften, aber nicht für die größeren wie etwa die IG Metall. Daher war von Anfang an ein zweiter Bauabschnitt mit einem Saal geplant, der 200 Personen Platz bieten sollte. Ganz glatt lief die Sache nicht. Unter dem vorgesehenen Bauplatz lagen Reste einer Bunkeranlage, die erst entfernt werden mussten. Der Erste Bevollmächtigte Franz Lenz ließ nicht locker und machte immer wieder Druck. Im November 1957 war es geschafft, der Saal wurde feierlich eingeweiht. DGB-Mann Konrad Netteln strot kündigte an, dass der Saal nicht nur gewerkschaftseigenen Zwecken dienen, sondern " Mittelpunkt des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens der Stadt werden und allen zur Verfügung stehen" solle. Jeder solle sich frei bewegen können, doch werde " keine Zügellosigkeit geduldet".

In den 1960er-Jahren traten die gewerkschaftlichen Nutzungen in den Hintergrund, ein Gastronom pachtete den Saal. Als Schlossgarten-Gaststätte wurde er zu einem der wichtigsten Auftrittsorte für die aus dem Boden schießenden Beat-Kapellen. Die " Heartbeats" und die " Madbats", die " Young Ones" und die " Four Lords" brachten Hunderte Tänzer zum Toben. Die schweren Vorhänge mussten auch tagsüber zugezogen werden, da Nachbarn sich über den Geräuschpegel beschwerten. Der gewerkschaftlich verordnete Frieden hatte nicht immer Bestand: Die echten " Lords" aus Berlin mussten ihren Gastauftritt 1969 kurz nach Beginn abbrechen, als vor der Bühne eine wilde Schlägerei ausbrach.

Das Kapitel Schlossgarten-Gaststätte ging 1977 mit dem Abriss zu Ende, das Gewerkschaftshaus behielt seine Funktion aber noch 25 Jahre länger. 2003 bezogen DGB und Einzelgewerkschaften das vormalige " Sunburst"- Gebäude neben dem Hauptbahnhof an der Bruchstraße, nun August-Bebel-Platz. Damit wäre das alte Gewerkschaftshaus frei gewesen für den schon länger geplanten Umbau zum Kongresshotel. Doch die Investoren wurden verunsichert, als im Rathaus immer wieder die Zukunft der Stadthalle zugunsten einer Großarena auf dem alten Güterbahnhof infrage gestellt wurde. Erst mit dem Beschluss, die Stadthalle zu modernisieren, endete die 15-jährige Hängepartie. Investor MBN holte die Pläne aus der Schublade und begann mit dem Umbau des Gewerkschaftshauses zum 200-Betten-Hotel.
Bildtext:
Der Saal der Schlossgarten-Gaststätte (vorderes Gebäude) war ein Mekka der Osnabrücker Beatmusik-Szene. Dahinter das Gewerkschaftshaus.
Die Stadthalle nimmt seit 1978 die Fläche des Saalanbaus und des Rasens ein.
Foto:
Erdtmann, aus: " Osnabrück Schöne alte Stadt zwischen Teutoburger Wald und Wiehengebirge", Verlag A. Fromm, 1968., Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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